CSU und Betreuungsgeld: Franz Josef Strauß lässt grüßen

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Die CSU hält vehement am Betreuungsgeld fest. Gegen alle Widerstände, auch im Unionslager. Rechtzeitig zum CDU-Parteitag machte Bayerns Sozialministerin Haderthauer deutlich, dass die Herdprämie in Wirklichkeit ein Anti-Kita-Programm ist.

Babys in der Krippe: Betreuungsgeld als Anti-Kita-Programm Zur Großansicht
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Babys in der Krippe: Betreuungsgeld als Anti-Kita-Programm

Hamburg - Franz Josef Strauß - lang ist es her - hat seine CSU ja immer als zukunftsorientiert verkauft. Gern benutzte er dafür das berühmte Bonmot: "Konservativ heißt: an der Spitze des Fortschritts marschieren." Das war damals falsch - und ist es heute immer noch. Doch seine Nachfolger halten unbeirrt die Tradition hoch. Die CSU von heute tut nur so, als sei sie modern. In Wahrheit lebt sie im Gestern - wie sich gerade beim Betreuungsgeld zeigt.

Sie gebar die Idee, Müttern, die ihre Kleinkinder zu Hause erziehen, eine Anerkennung für deren Leistung zu bezahlen, in Zeiten des Umbruchs. Ein Lob auf die gute alte Hausfrau - als die Bundesregierung plötzlich Väter in Elternzeit schickte und den Krippenausbau beschloss. Jetzt, ein halbes Jahrzehnt später, soll das Betreuungsgeld auch für Fortschrittlichkeit stehen, wie Bayerns Sozialministerin Christine Haderthauer seit einigen Wochen unermüdlich in Interviews erklärt: Selbstverständlich soll auch die vollzeitberufstätige Managerin das Geld bekommen - solange das Kind nicht in eine öffentlich geförderte Krippe geht.

Nach dem erstaunlichen Schwenk soll das Betreuungsgeld nun also eine Art zusätzliches Kindergeld für Eltern von Ein- bis Dreijährigen sein. Egal, ob die Eltern immer oder nie zu Hause sind. Egal, ob sie selber, die Oma, die Nachbarin, eine Tagesmutter oder das Kindermädchen den Nachwuchs hüten. Zwei Milliarden Euro soll der Steuerzahler im Jahr dafür aufbringen. Weltfremde Familienpolitik - die Logik ist längst über Bord gegangen.

Bei so viel Kuddelmuddel ist der Zweck am Ende klar: Das Betreuungsgeld ist ein reines Anti- Kita-Programm. Und damit verortet sich die CSU fest in der Mitte des vergangenen Jahrhunderts. Da werden diffuse Ängste vor staatlicher Erziehung bedient - von den Christsozialen als Wahlfreiheit ummäntelt.

Kinder bräuchten Bindung, argumentiert die CSU weiter, das hätte die Forschung erwiesen. Bindung sei die beste Förderung für Kleinkinder. Das ist auch die stereotype Antwort der CSU auf Befürchtungen, dass Eltern in bildungsfernen Kreisen ihre Kinder wegen des Geldes aus der Kita nehmen könnten. Ein ziemlich holpriges Argument, das noch fragwürdiger wird, wenn auch die in Vollzeit berufstätigen Eltern die Leistung bekommen sollen. Die Erklärung dafür, warum die Bindung zu einem Kind enger sein soll, wenn es bei einer Tagesmutter oder Nanny bleibt, statt in der Kita, bleibt aus.

In der Praxis sieht es inzwischen nämlich so aus: Tagesmütter schließen sich immer häufiger zusammen. Drei oder vier Frauen mieten gemeinsam Räume, betreuen dort 20 Kinder - wie in einer Kita. Wenn es nach der CSU geht, profitieren Eltern, die ihre Kinder dorthin geben, in mehreren Bundesländern sogar doppelt. Sie kassieren das Betreuungsgeld, die Tagesmütter werden aus einem anderen Topf gefördert.

Noch immer unbeantwortet bleibt schließlich die schon vielfach gestellte Frage, warum Bürger Geld bekommen sollen, die eine öffentliche Einrichtung nicht nutzen. Es gibt ja schließlich auch keine Prämie für diejenigen, die nicht in den Zoo, nicht ins Theater, nicht ins Schwimmbad gehen.

Auch in der Bevölkerung löst das Betreuungsgeld keine Jubelschreie aus. 80 Prozent wollen laut einer Umfrage der "Bild am Sonntag" die Milliarden für das Betreuungsgeld lieber in den Kita-Ausbau stecken. Die Menschen in Deutschland sind längst weiter als die CSU.

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insgesamt 186 Beiträge
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1. CSU und Betreuungsgeld
hj.binder@t-online.de 15.11.2011
Ich warte auf den Tag, an dem die CSU Geld für Schulschwänzen bezahlt: Es ist ja billiger 200-300 Euro pro Kind und Monat für Fernbleiben der Bildungseinrichtungen zu bezahlen als sich mit Bildung herumzuärgern. Oder ist es wirklich so, daß die CSU Landräte+Bürgermeister derart kinderentfremded sind, daß sie sich das kleine Volk mit aller Gewalt vom Leibe halten wollen ?
2. zu Hause
gewverg 15.11.2011
Herdprämie hin oder her, zu Hause aufwachsen sollte eigentlich die Normalität und nicht die Ausnahme sein.
3. Polemik pur, null Argumente
jörg seifert 15.11.2011
---Zitat--- Bei so viel Kuddelmuddel ist der Zweck am Ende klar: Das Betreuungsgeld ist ein reines Anti- Kita-Programm. Und damit verortet sich die CSU fest in der Mitte des vergangenen Jahrhunderts. Da werden diffuse Ängste vor staatlicher Erziehung bedient - von den Christsozialen als Wahlfreiheit ummäntelt. ---Zitatende--- Von einem Gegenargument ist in diesem polemischen Geschreibsel allerdings weit und breit keine Spur. Denn ohne Zweifel erweckt ein Staat Ängste, der seine unegale Nase immer tiefer und tiefer in das Privat- und Familienleben der Bürger steckt. Kinder zu betreuen ist Arbeit, und Arbeit sollte bezahlt werden. Wenn der Staat die Arbeit nur für diejenigen bezahlt, die ihre Kinder in fremde Betreuung geben, dann ist das unfair. Daher ist das Argument der Wahlfreiheit natürlich völlig richtig. Die Kita-Politik ist in der Tat moderner als "Mitte des vergangenen Jahrhunderts". Das Ideal von Mütter die ihren Nachwuchs nur noch gebären und dann in staatliche Anstalten geben hatten sowohl die Nazis wie auch die Sozialisten. Ist es daher verwunderlich dass der Ruf nach immer mehr staatlicher Betreuung Ängste weckt?
4. Falsche Frage
mumienschubser 15.11.2011
Sie schreiben: ---Zitat--- "Noch immer unbeantwortet bleibt schließlich die schon vielfach gestellte Frage, warum Bürger Geld bekommen sollen, die eine öffentliche Einrichtung nicht nutzen. Es gibt ja schließlich auch keine Prämie für diejenigen, die nicht in den Zoo, nicht ins Theater, nicht ins Schwimmbad gehen." ---Zitatende--- Die Frage muss anders lauten: Warum wird Frauen/Familien die ihr Kind in eine Krippe oder Kita geben dieser Platz mit Hunderten Euro jeden Monat subventioniert und Frauen die ihr Kind lieber selbst erziehen wollen bekommen nichts. Warum stellen sie sich nicht diese Frage Frau Erdmann? Der Staat hat KEINE Erziehungsform zu bevorzugen oder zu benachteiligen, er muss sich neutral verhalten und BEIDE Formen entweder subventionieren oder nicht subventionieren. Der Begriff "Herdprämie" ist menschenverachtend und chauvinistisch weil er Zehntausende Frauen beleidigt und diskriminiert, sie werden als "dumme Weiber" dargestellt die von ihren Männern gezwungen werden zu Hause zu bleiben. Dass es Frauen gibt die sich völlig bewusst dafür entscheiden ihr Kind nicht in fremde Hände zu geben scheint in Frau Erdmanns Weltbild nicht vorzukommen. Sie baden in feministischen Vorurteilen Frau Erdmann.
5. Wer das Mittelalter will, wählt die Vatikanpartei CSU !
herbert 15.11.2011
Schlicht grausam, was die politischen Figuren der CSU drauf haben ! Bei der CSU zählt nur die heilige Familie mit dem amtlichen Stempel Ehe ! (Fingerzeig an die CSU von Benedikt aus dem Vatikan) Die Frau zuhause am Herd und der Mann geht arbeiten. Dafür soll es nun Geld geben! Mittlerweile haben wir unzählige Paare, die nur zusammenleben ohne Trauschein, aber mit Kinder. Kinder die in eine Kita gehen. Die CSU ist eine Partei die den Status dieser sogenannten Nichtehelichen keine Rechte geben möchte. Denn sie untergraben die christliche Ehe ! War da nicht noch was? Doch, der bayerische Ministerpräsident Seehofer hat die heilige Familie mit Ehe und Kinder in Bayern und ein nichteheliches Kind in Berlin! Kann es sein, dass die Kinder in München am Herd stehen und das nichteheliche Kind geht in die Kita? Ich wünsche mir, dass bei der nächsten Wahl die CSU einen FDP Status von 3 Prozent bekommt, damit Platz ist für Fortschritt in diesem Land und kein alter Mief alla CSU .
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