Vorstoß zu Migranten Die CSU spielt Migranten-Polizei

Migranten müssen zu Hause Deutsch sprechen, findet die CSU. Der Vorstoß zeigt, wie verzweifelt die Partei um Aufmerksamkeit ringt - und wie sie darüber ihren Anstand verliert.

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CSU-Chef Seehofer: Paternalismus aus Bayern
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CSU-Chef Seehofer: Paternalismus aus Bayern


München - Die CSU will bestimmen, wie es in deutschen Wohnzimmern zugeht. Migranten sollen angehalten werden, auch zu Hause Deutsch zu sprechen, heißt es in einem Leitantragsentwurf für den CSU-Parteitag in der kommenden Woche. In den sozialen Netzwerken machen sich viele jetzt lustig über die so schlecht Hochdeutsch sprechenden Christsozialen. Auch in der Schwesterpartei wundert man sich. CDU-Generalsekretär Peter Tauber twitterte: "Ich finde ja, es geht die Politik nichts an, ob ich zu Hause Lateinisch, Klingonisch oder Hessisch rede."

Sicher weiß man auch in der CSU, dass der paternalistische Vorstoß, den Menschen vorzuschreiben, wie sie sich zu Hause zu unterhalten haben, ungefähr so irrsinnig ist, wie ihnen zu diktieren, abends kein Bier mehr zu trinken. Es ist der durchschaubare Versuch einer bundespolitisch immer unbedeutenderen Partei, Aufmerksamkeit zu erregen und zu provozieren.

In der Sache geht es trotzdem um etwas Ernstes: Die Christsozialen wissen, dass es in Deutschland viele Menschen gibt, die das Fremde fürchten, sich bedroht fühlen. Zum Beispiel glauben viele, Muslime könnten nicht deutsch sein. In Dresden marschieren in diesen Wochen Tausende fremdenfeindliche Bürger.

Manche Ängste sind wohl nicht wegzureden, aber mit ihnen müssen Politiker verantwortungsvoll umgehen - es ist nicht das erste Mal, dass die CSU Stimmung macht, indem sie sich zur Migranten-Polizei aufspielt. Jede nötige Diskussion wird so konterkariert: Natürlich ist es wichtig, dass Migranten deutsch können. Man muss Anstrengungen von ihnen fordern. Es ist schön, wenn Deutsch für viele so selbstverständlich wird, dass sie zu Hause auch Deutsch reden. Neben Türkisch, neben Polnisch, neben Arabisch und den vielen anderen Sprachen. Sowieso tun das schon die allermeisten: 72 Prozent der Jugendlichen aus Einwandererfamilien sprechen Befragungen zufolge in der Familie Deutsch, weniger als ein Prozent der befragten Grundschüler tun das nie.

Aber: 17 Prozent der in Deutschland geborenen Migranten, so hat es gerade die OECD bemängelt, können nur schlecht Deutsch lesen und schreiben. Dieses Problem löst man aber nicht dadurch, dass man, wie jetzt die CSU, suggeriert, es sei schädlich, wenn Migranten zu Hause ihre Heimatsprache sprechen, wenn sie über Gefühle, Gedanken und Erlebnisse reden. Eine andere Sprache, eine andere Kultur ist keine Bedrohung - sondern im besten Fall ein Gewinn. Man kann und soll seine Herkunft, seine Sprache nicht vergessen. Wer das fordert, liefert nur denen Munition, die - wie der türkische Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan - den Deutsch-Türken immer wieder weismachen wollen, sie würden hierzulande genötigt ihre Wurzeln zu verleugnen, selbst im privaten Rahmen.

Und zweitens, nicht weniger wichtig: Der CSU-Vorstoß geht auch in der Sache völlig am Problem vorbei. Jugendliche, die nicht richtig Deutsch können, können auch oft die Sprache ihrer Eltern und Großeltern nicht gut und umgekehrt: Wer eine Sprache gut kann, lernt oft auch die andere genau.

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