Cyberangriff auf den Bundestag Hacker kopierten Abgeordneten-E-Mails

Bei der Späh-Attacke auf das deutsche Parlament entwendeten die Täter offenbar große Mengen vertraulicher E-Mails. Der Bundestag will jetzt damit beginnen, sein internes Datennetz "Parlakom" teilweise neu aufzubauen.

Reichstag in Berlin: Hackerangriff auf mindestens 15 Büros
DPA

Reichstag in Berlin: Hackerangriff auf mindestens 15 Büros

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Bei ihrem Spähangriff auf das Computernetz des Deutschen Bundestags haben die unbekannten Täter offenbar auch große Mengen vertraulicher E-Mails von Abgeordneten erbeutet. Das erfuhr SPIEGEL ONLINE aus mehreren mit dem Fall vertrauten Quellen.

Die Hacker, die vermutlich mithilfe eines in einer E-Mail versteckten Trojaners in das Bundestagsnetz "Parlakom" eingedrungen waren, konnten nach bisherigen Erkenntnissen Daten in einer Größenordnung von rund 16 Gigabyte abzweigen.

Die Angriffswelle richtete sich gegen mindestens 15 Abgeordneten-Büros. Nach Informationen von SPIEGEL ONLINE ist es den Spionen dabei gelungen, von mehreren Parlaments-Computern sogenannte "Personal Store"-Dateien (PST) zu stehlen. Dabei handelt es sich um digitale Archive des E-Mail-Programms "Outlook", in denen unter anderem eingegangene und gesendete Mails gespeichert sind.

Zudem suchten die Hacker offenbar gezielt nach internen Adressverzeichnissen, Terminkalendern und aktuellen "Office"-Dokumenten von Bundestagsabgeordneten. Welche Parlamentarier Opfer des elektronischen Postraubs wurden und aus welchem Zeitraum der entwendete E-Mail-Verkehr stammt, blieb zunächst offen.

Seit dem 20. Mai wurden nach Angaben der Parlamentsverwaltung keine Datendiebstähle mehr festgestellt. Doch ob der Cyberangriff wirklich gestoppt werden konnte oder die Hacker ihre Spähsoftware nur in eine Art "Ruhezustand" versetzten, ist weiterhin unklar. "Aus einem fehlenden Datenabfluss zu schließen, dass der Trojaner nicht mehr ferngesteuert wird, ist absolut fahrlässig", warnte ein Bundestagsabgeordneter gegenüber SPIEGEL ONLINE.

Bei der Analyse der aktuellen Späh-Attacke haben IT-Spezialisten zudem zahlreiche weitere Bundestags-Rechner entdeckt, die mit Schadsoftware befallen waren. Allerdings soll es sich dabei hauptsächlich um "alltägliche" Computer-Viren handeln, hieß es aus Parlamentskreisen. Auch habe es seit Bekanntwerden der Hacker-Attacke zahlreiche Trittbrettfahrer gegeben: Unter anderem sei die Zahl sogenannter Phishing-Mails an Abgeordnete dramatisch angestiegen.

Am Donnerstag soll nach Informationen von SPIEGEL ONLINE damit begonnen werden, das "Parlakom"-Netz in Teilen neu aufzubauen. In einem ersten Schritt sollen IT-Mitarbeiter der Bundestagsverwaltung und der Fraktionen vom Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik entsprechend geschult werden. Wie lange die digitalen Aufräumarbeiten dauern werden, ist offen. Experten gehen von "mehreren Monaten" aus.



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analyse 18.06.2015
1. Ob sich langsam die Erkenntnis durchsetzt,daß:
1. Nicht nur die NSA,sondern alle Geheimdienste je nach ihren Fähigkeiten Freund und Feind ausspähen ?2. Zur Aufgabe sicher nicht nur der französischen und englischen Geheimdienste gehört,auch Wirtschafts-und Industriespionage bei Freund und Feind zu betreiben! 3.Spionage schon immer illegal war - und deshalb geheim,und deshalb naiv Spionage durch Gesetzgebung oder Empörung verhindern zu können 4. Netztechnik längst eine gefährliche Waffe ist,mit der Staaten,Terroristen,Kriminelle ganze Industriezweige u.a lahmlegen können.5. deshalb es staatsgefährdend ist in Ausschüssen aus rein parteitaktischen Gründen ,Mißtrauen gegen Regierungsparteien zu propagieren und "offenlegen" offenlegen" zu fordern, in einem Ausschuß,aus dem Geheimes regelmäßig durchgesteckt wird !6. Spionageabwehr massiv verstärkt werden muß, auch in der Erkenntnis,daß das ohne Datensammeln garnicht geht,was von der Gegenseite sofort als Spionage angesehen wird ! Erklärendes Beispiel:Ein demokratischer Staat plant Spezialzerstörer,um gegen U-Boote einer Militärdiktatur gewappnet zu sein und ihre GRÜNEN im Parlament fordert: Pläne offenlegen,Pläne offenlegen,wir müssen das kontrollieren ! Gehts noch naiver ? na klar: falls die Spezialschiffe zusammen mit einer befreundeten Macht unter der Bedingung der Geheimhaltung konstruiert wurden,GRÜNE :auch deren Beitrag:uns offenlegen u n s offenlegen !
mielforte 18.06.2015
2. Ein neues Datennetz ist dringend notwendig,
um Hackerangriffe als solche nicht mehr zu erkennen. Sozusagen eine Parlaments-Flat nach draußen. War Transparenz nicht einst ein demokratischer Grundsatz?
micmichd 18.06.2015
3. PST-Dateien gestohlen?
Was denn nun - E-Mails gestohlen oder kopiert? Wenn kopiert, sollte man das wohl besser ausserparlamentarische Abgeordnetenkontrolle nennen.
polarwolf14 18.06.2015
4. Warum nicht?
Ich dachte, die Abgeordneten arbeiten transparent und für die Bevölkerung? Insofern können die Hacker beruhigt ein paar Emails lesen, quasi Datenspeicherung nur umgekehrt. Spricht nichts dagegen.
schumbitrus 18.06.2015
5. Mit PGP wäre das nicht schlimm ..
.. oder nicht ganz so dramatisch - denn würden wenigstens jeder Parlamentarier ein Schlüsselpaar besitzen wäre es ein Leichtes selbst zu entscheiden, ob man eine Nachricht verschlüsseln will - und damit auch in den PST-Dateien der Sender und der Empfänger verschlüsselt abzulegen. Nach allem was durch Snowdens Whistleblowing und durch den NSA-Skandal bekannt wurde sind Mails, die man heute auf dem Stand der Technik mit PGP verschlüsselt für die kommenden 5-10 Jahre auch "NSA-sicher". Man MUSS der Bundestag-IT den massiven Vorwurf machen, dieses Infrastrukturmerkmal "wirksame Verschlüsselung" gerade bei den gewählten Vertretern des Volkes nicht LÄNGST zur Verfügung gestellt zu haben. Die Parlametariere entscheiden immerhin über so wichtige Dinge wie TTIP, TISA, die Ausdehnung der NATO an die Grenzen Russlands, Handelsbeziehungen zu China, etc. und tauschen sich darüber natürlich auch elektronisch aus. Diese Informationen haben dann einen unvorstellbaren strategischen Wert in Verhandlungen und zur Beurteilung der Position der Bundesrepublik Deutschland. Wenn nun wichtige Informationen in Form von unverschlüsselten Mails an Kriminelle abgeflossen sind - weil ein paar Kriminelle PST-Dateien stehlen konnten - dann muss diese SCHLAMPIGKEIT bei den IT-Verantwortlichen ernste Konsequenzen haben! Wirksame Verschlüsselung auf der Stufe "NSA-sicher" muss doch für Parlamentarier selbstverständlich vorhanden sein! Es entspricht ausschließlich Geheimdienst-Interessen, den Parlamentariern die Möglichkeit zur wirksamen Verschlüsselung zu verwehren. Eben das öffnet aber sehr üblen Spekulationen darüber, wie man in Berlin an die Macht kommt und wie man sie hält, Tür und Tor!
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