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Dachauer Bundestagskandidat: Saddam-Verehrer stürzt Linke in Erklärungsnot

Von Henryk M. Broder und

Er hält die USA für das "mörderischste Imperium seit Hitler", verehrt Saddam Hussein - und soll für die Linke in den Bundestag: Der Dachauer Direktkandidat Chris Sedlmair tritt mit bizarren Äußerungen an die Öffentlichkeit. Die Parteizentrale ist alarmiert.

Berlin/Hamburg - Gregor Gysi macht sich über manche seiner Genossen keine Illusionen: "Zehn Prozent Irre" gebe es in jeder Partei, hat der Fraktionschef der Linken einmal gesagt - umso erleichterter ist die Parteiführung im Karl-Liebknecht-Haus, wenn sie manche ihrer Problemfälle ausbremsen kann.


Wie zuletzt Hermann Dierkes: Der Vorruheständler trat im Februar als Duisburger Oberbürgermeister-Kandidat der Linken zurück, nachdem er zum Boykott israelischer Produkte aufgerufen und sich die Parteispitze deutlich von dem 59-Jährigen distanziert hatte. "Die Linke hat kein Antisemitismusproblem", gab Bundesgeschäftsführer Dietmar Bartsch anschließend in einem Interview mit der "Jüdischen Allgemeinen" zu Protokoll.

Jetzt stehen die Genossen vor ihrem nächsten Problem: In Dachau soll Chris Sedlmair als Direktkandidat um ein Mandat für den Bundestag ins Rennen gehen, und der 31-Jährige fällt durch Sympathie für militanten Islamismus auf.

Sedlmair begrüßt die Besucher seiner Homepage mit einem fröhlichen "As-Salamu Alaykum" (Friede sei mit Dir!) und dem muslimischen Glaubensbekenntnis: "Aschhadu an laa ilaha illa'Llah wa aschhadu anna Muhammadan rasulu'Llah!" ("Ich bezeuge, dass es keinen Gott außer dem (einzigen) Gott gibt, und ich bezeuge, dass Mohammed der Gesandte Gottes ist.")

Dann wird er radikaler: "Um zu verhindern, dass in Deutschland im großen Stil Moscheen brennen, braucht es ein klares Bekenntnis zur Zugehörigkeit des Islam zu Deutschland. Reine Lippenbekenntnisse und Moscheebau reichen hier nicht aus. Auch die Kriminalisierung von Organisationen wie Hamas und Hisbollah in der EU muss beendet werden."

"Saddam? Missing you"

Der Direktkandidat im Wahlkreis 216 Dachau-Fürstenfeldbruck gibt sich als praktizierender Islamist, der aus seiner Überzeugung keinen Hehl macht: Er ruft zur "Solidarität mit dem irakischen Freiheitskampf" und lobt die PDS im Saarland, die als einziger Landesverband 2003 den "Mut" gehabt habe, "dem irakischen Volk im Einklang mit dem Völkerrecht das Recht auf Widerstand gegen Besatzung nicht nur einzuräumen, sondern dies offensiv zu unterstützen" - indem sie die Aktion "10 Euro für den Irakischen Widerstand" förderte.

Eine "zentrale Aufgabe für linke Außenpolitik" sieht Sedlmair darin, das "Regime in Deutschland" daran zu hindern, "das rassistische Siedlerregime Israel mit Hightech-Bewaffnung und politischer Parteinahme in Internationalen Gremien und Organisationen" zu unterstützen.

Geht es ihm um den Irak, gelten offenbar andere Regeln: Auf einer Youtube-Seite, die Sedlmair verlinkt ("Stalinator 1945"), findet sich auch ein Video mit dem Titel: "Saddam? Missing you". Ein weiterer Verweis von Sedlmair führt von seiner Homepage zur "Islamischen Armee im Irak" - einer der aktivsten militanten Gruppe in dem Land.

Derartige Verweise hält Sedlmair für unproblematisch: "Sie dienen der Information. Ich identifiziere mich damit nicht", sagte er SPIEGEL ONLINE.

Ein Blick in sein Profil auf der Internet-Seite myspace legt allerdings einen anderen Schluss nahe: Dort schreibt Sedlmair in der Rubrik "Helden" in verklausulierter Form offenbar über den im Dezember 2006 hingerichteten irakischen Ex-Diktator: Es sei "bewundernswert, wenn ein Präsident in der finstersten Stunde für sein Volk kämpft und auch in der Gefangenschaft dem Feind bis zu seiner Ermordung trotzt. Sowas kann man von einem westlichen Staatsoberhaupt niemals erwarten".

Die Parteizentrale will Sedlmairs Kandidatur verhindern

Da ist es kaum verwunderlich, dass Sedlmair kein großer Freund der Vereinigten Staaten ist. Die USA nennt er "das grausamste und mörderischste Imperium seit Hitler", schreibt er auf seiner Online-Seite www.chris-sedlmair.de - im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE räumte Sedlmair ein, dass es sich um eine "provokative Formulierung" handle. Auch in seiner Partei gebe es Leute, "die das anders sehen. Ich erwarte keineswegs, dass meine Meinung geteilt wird."

Die Berliner Parteizentrale ist wegen der Causa Sedlmair bereits alarmiert. Nach Informationen von SPIEGEL ONLINE wird der 31-Jährige dort als Problem für den Wahlkampf gesehen. Sedlmair soll von seiner Kandidatur abgebracht werden, heißt es in gut informierten Kreisen der Linken.

Sedlmairs Parteifreunde in Bayern hatten bislang offenbar keine Zweifel an der politischen Zurechnungsfähigkeit ihres Kandidaten - er kandidierte bereits 1998 und 2002 ohne Erfolg für den Bundestag. Sie würde Sedlmair "nicht gut kennen", sagte Eva Bulling-Schröter, Sprecherin des Landesvorstandes und Abgeordnete im Bundestag.

Dennoch dürfte die Personalie Sedlmair für weitere Diskussionen in der Partei sorgen. Mehrfach hatten die Genossen Probleme mit Kandidaten in den Westverbänden - wie etwa mit der DKP-Frau Christel Wegner, die auf dem Ticket der Linken in den niedersächsischen Landtag einzog und aus der Fraktion ausgeschlossen wurde, als sie sich für eine Neuauflage der Stasi aussprach. Oder mit dem vorübergehenden hessischen Spitzenkandidaten Pit Metz, der den Schießbefehl an der ehemaligen DDR-Grenze mit den Vorschriften für deutsche Soldaten in Afghanistan verglich und sich auf diese Weise aus dem Amt katapultierte.

Spricht man mit Genossen über derartige Fälle, verweisen sie oft auf die dünne Personaldecke in den westlichen Bundesländern. Während die aus Linkspartei.PDS und WASG hervorgegangene Linke im Osten oftmals über Personal mit langjähriger politischer Erfahrung verfügt, ist die Partei im Westen eben auch ein Sammelbecken unberechenbarer Sektierer.

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