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Daniel Cohn-Bendit: "Sarrazin ist die Rache des Wohlstandsbürgers"

Diskutiert Deutschland über Integration - oder bloß über Thilo Sarrazin? Daniel Cohn-Bendit kann beim Ex-Bundesbanker jedenfalls keinen konstruktiven Beitrag zu Debatte ausmachen. Der schüre nur die Krisenängste vieler Bürger, sagt der grüne Europa-Abgeordnete im SPIEGEL-ONLINE-Interview.

Noch-Bundesbank-Vorstand Sarrazin: "Bedient Ängste, die es aufgrund der Krise gibt" Zur Großansicht
dapd

Noch-Bundesbank-Vorstand Sarrazin: "Bedient Ängste, die es aufgrund der Krise gibt"

Spiegel Online: Ein Finanzfachmann schreibt ein Buch, und viele haben den Eindruck, dass in Deutschland zum ersten Mal wirklich über Einwanderung diskutiert wird. Das müsste Sie als Fachpolitiker doch nachdenklich stimmen, oder?

Cohn-Bendit: Das stimmt. Aber es gibt nicht eine, sondern zwei Diskussionen. Zum einen die, die durch dieses Buch entstanden ist. Das ist aufgebauschter Firlefanz.

Spiegel Online: Firlefanz?

Cohn-Bendit: Thilo Sarrazin zeichnet ein falsches Bild. Und alle tun so, als ob er der Erste wäre, der überhaupt malt. Zuallererst die "Bild"-Zeitung und der SPIEGEL, die beide so getan haben, als sei das eine sachliche Auseinandersetzung mit der Einwanderungsproblematik.

Spiegel Online: Was Sie bestreiten. Worum geht es also in der eigentlichen Diskussion?

Cohn-Bendit: Das Problem fängt an mit der Anerkennung der Tatsache, dass Deutschland ein Einwanderungsland ist. Es war es vor 50 Jahren, ist es heute und wird es bleiben. Es war die große Lebenslüge der Konservativen, aber auch der Sozialdemokraten und der Gewerkschafter, genau das nicht zu sehen.

Spiegel Online: Das bestreitet selbst in der Union kaum noch einer. Aber wäre Sarrazin so populär, wenn das auch außerhalb der Parteien Common Sense wäre?

Cohn-Bendit: Natürlich nicht. Und das liegt daran, dass die Diskussion über Zuwanderung immer mit dem Rücken zur Wand geführt wird. Ihren Optimismus über die CDU/CSU teile ich übrigens nicht. Kauder hat ja gerade erst das Ende von Multikulti verkündet. Eine absurde Aussage.

Spiegel Online: Warum?

Cohn-Bendit: Wir sind eine multikulturelle Gesellschaft geworden, ob uns das gefällt oder nicht, also müssen wir Politik in einer multikulturellen Gesellschaft machen. Und, so leid mir das für Herrn Kauder tut, es wird allein aufgrund der demografischen Entwicklung kein Ende der Zuwanderung geben.

Spiegel Online: Sie argumentieren selbst mit dem Rücken zur Wand. Es gab Zeiten, in denen die Grünen die multikulturelle Gesellschaft als etwas Wünschenswertes verfochten haben.

Cohn-Bendit: Nein, nein, nein! Ich habe mich schon vor 20 Jahren gegen diese Sprüche gewehrt: "Liebe Ausländer, lasst uns mit diesen Deutschen nicht allein." Die Ausländer sind nicht da, um den Linken die Füße zu streicheln, damit die ein besseres Leben haben. Das war und ist idiotisch.

Spiegel Online: Sie bestreiten, dass im rot-grünen Milieu die multikulturelle Gesellschaft eine Wunschvorstellung war? Das Kreuzberger Straßenfest statt tumber Blasmusik ...

Cohn-Bendit: Die multikulturelle Gesellschaft ist weder schön noch hässlich, sie ist ambivalent.

Spiegel Online: Sarrazin behauptet: Sie ist außer Kontrolle geraten.

Cohn-Bendit: Angenommen, alles, was Herr Sarrazin sagt, wäre richtig. Folgt daraus, dass man die Schulen verbessern muss? Oder will er drei Millionen Muslime rausschmeißen?

Spiegel Online: Das ist die Frage nach der Konsequenz, die Sarrazin offen lässt. Aber Sie finden schon seine Analyse "irre", wie Sie jüngst gesagt haben.

Cohn-Bendit: Man kann nicht die Globalisierung lobpreisen und so tun, als hätten wir mit den Problemen der Globalisierung nichts zu tun. Ich bleibe dabei: Sarrazin leistet keinen Beitrag zur Debatte. Er polemisiert auf dem Rücken von Minderheiten.

Spiegel Online: Inwiefern?

Cohn-Bendit: Ich kenne eine türkische Lehrerin, die in einer Hauptschule arbeitet und tut, was sie kann, um die Kinder aus der Perspektivlosigkeit zu bekommen. Und dann kommt ihr zynischer Kollege, beruft sich auf Sarrazin und sagt: 'Streng dich doch nicht so an, du hast doch eh keine Chance.' Sarrazin ist ein Zwangscharakter. Und Zwangscharaktere faszinieren die Medien. Ich war gerade in Brasilien, um den dortigen grünen Kandidaten zu unterstützen. Und alle Journalisten wollten mit mir über Sarrazin sprechen, vom ersten bis zum 17. Fernsehprogramm.

Spiegel Online: Offenbar fasziniert er nicht nur die Medien.

Cohn-Bendit: Sarrazin ist die Rache des Wohlstandsbürgers. Sarrazin bedient die Ängste, die es aufgrund der Krise gibt. Das gleiche Phänomen gibt es auch in Holland, Schweden und Frankreich.

Spiegel Online: Auch dort tut sich die Linke schwer, aus der Defensive zu kommen. Die Gleichsetzung der Migrantin mit dem "Kopftuchmädchen" blieb auch in Deutschland fast unwidersprochen. Warum so mutlos?

Cohn-Bendit: Wie soll eine breit angelegte rationale Debatte funktionieren, wenn Überschriften heißen: Jeder Zehnte will sich nicht integrieren. Neun von zehn Migranten wollen sich integrieren, sollte es heißen. Und dann kommen die Leute, schnappen irgendetwas von Sarrazin auf und sagen: Man wird doch wohl noch mal die Wahrheit sagen dürfen.

Spiegel Online: Darf man?

Cohn-Bendit: Aber unbedingt. Und deswegen sage ich Ihnen jetzt mal die Wahrheit: Es gibt Christen, die Idioten sind, und es gibt Atheisten, Juden und Muslime, die Idioten sind. Aber wenn es stimmt, dass Muslime unfähig sind, sich in eine Demokratie einzuordnen, dann müsste die Türkei untergehen. Sie modernisiert sich aber in Wahrheit enorm. Die Säkularisierung des Islam wird auch hier in den nächsten 30 Jahren voranschreiten.

Spiegel Online: Worauf gründet diese Hoffnung?

Cohn-Bendit: Darauf, dass das bei allen Religionen so war. Noch vor gar nicht so langer Zeit war die Geburtenrate auf Sizilien die höchste in Italien. Dann stieg der Wohlstand, und die Menschen haben doch Kondome benutzt - trotz der Warnungen der Kirche. Ich bestreite doch nicht, dass es Probleme gibt. Aber deswegen muss ich doch nicht auf das allerniedrigste Niveau herabsinken.

Spiegel Online: Sie meinen Sarrazins Ausflüge ins Reich der Genetik.

Cohn-Bendit: Zum Beispiel. Juden sind intelligent, Muslime nicht. Das ist schlichtweg rassistisch. Die Gesellschaft wäre ehrlicher, wenn fundamentalistische Christen, fundamentalistische Juden und fundamentalistische Muslime Hand in Hand demonstrieren würden gegen Abtreibung und gegen Homosexuelle. Die meinen nämlich alle das gleiche.

Das Interview führte Christoph Ruf

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 457 Beiträge
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1. Lehrreich
wolfman11 18.09.2010
Zitat von sysopDiskutiert Deutschland über Integration - oder bloß über Theo Sarrazin? Daniel Cohn-Bendit kann beim Ex-Bundesbanker jedenfalls keinen konstruktiven Beitrag zu Debatte ausmachen. Der schüre nur die Krisenängste vieler Bürger, sagt der grüne Europa-Abgeordnete im SPIEGEL-ONLINE-Interview. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,717913,00.html
Wie so oft beweist Cohn-Bendit einen scharfen analytischen Verstand, dessen Erkenntnisse er ebenso scharf und zutreffend formuliert. Danke für diesen Beitrag.
2. Gäbe es kein..
Baikal 18.09.2010
Zitat von sysopDiskutiert Deutschland über Integration - oder bloß über Theo Sarrazin? Daniel Cohn-Bendit kann beim Ex-Bundesbanker jedenfalls keinen konstruktiven Beitrag zu Debatte ausmachen. Der schüre nur die Krisenängste vieler Bürger, sagt der grüne Europa-Abgeordnete im SPIEGEL-ONLINE-Interview. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,717913,00.html
.. EU-Parlament, müßte Cohn-Bandit von H4 leben.
3. Diese Arroganz ist unerträglich
watermark71 18.09.2010
Stimmt. Da kann man dem CB nur zustimmen. Denn die Krisenängste vieler Bürger sind schliesslich vollkommen unbegründet. Ist doch bewiesen, dass man auch mit Hartz IV noch angenehm leben kann. Zumindest komfortabler als in vielen anderen Ländern dieser Erde. Was noch fehlt: Rot Grün und später Rot Schwarz sollten ein Denkmal bekommen. Weil sie den Arbeitsmarkt nebst heimischer Wirtschaft aufgegeben und die Arbeitslosigkeit verwaltet haben. Das H4 Denkmal. Oder den Orden.
4. Da ist ja schon wieder ein Mitschnacker,
...und gut ist`s 18.09.2010
der das Buch nicht gelesen hat. Vielleicht sollte man diesen hochbezahlten EU-Typen Bücher nur noch als PDF zur Verfügung stellen, dann könnten sie gezielt danach suchen, was sie beschimpfen wollen. Da kann man dann unter suchen das Wort Gen eingeben, sich in Sekunden die Ergebnisse auflisten lassen, diese durchlesen - und danach die Schnauze halten, um nicht irgendwelchen Mist zu erzählen.
5. Hameln ist überall
Brand-Redner 18.09.2010
Zitat von sysopDiskutiert Deutschland über Integration - oder bloß über Theo Sarrazin? Daniel Cohn-Bendit kann beim Ex-Bundesbanker jedenfalls keinen konstruktiven Beitrag zu Debatte ausmachen. Der schüre nur die Krisenängste vieler Bürger, sagt der grüne Europa-Abgeordnete im SPIEGEL-ONLINE-Interview. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,717913,00.html
Zumindest das ist dem Sarrazin hervorragend gelungen, wenn man den gängigen Umfragen glauben darf: Die Angst vor Überfremdung ist in aller Munde. Wie praktisch! Keiner erregt sich mehr über Bankencrashs, Kriege, Sparprogramme oder Umweltprobleme. Und niemand scheint mitzukriegen, wie unfähig Berlin auf alle diese Herausforderungen reagiert, falls überhaupt reagiert wird. Der Rattenfänger hat (bislang) perfekt funktioniert, und ein stattliches Honorar ist seiner Mühen Lohn.
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Zur Person
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Daniel Cohn-Bendit

Der 1945 in Südfrankreich geborene Deutsche war einer der Studentenführer während der Pariser Mai-Unruhen 1968. In den siebziger Jahren engagierte er sich in der Frankfurter Sponti-Szene. 1984 wurde er Mitglied der Grünen und ist seitdem einer der prominentesten Vertreter der sogenannten Realos. 1994 zog er erstmals ins Europaparlament ein, seit 2002 ist er Fraktionschef der Grünen. Mehr auf der Themenseite...

"Bedauerlich, aber konsequent"

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Keine Probleme haben Forscher und leitende Angestellte, die so viel verdienen, dass sie die Beitragsbemessungsgrenze der allgemeinen Rentenversicherung erreichen. Sie liegt in diesem Jahr bei 66.000 Euro. Diese Hochqualifizierten erhalten sofort eine sogenannte Niederlassungserlaubnis, die ihnen die gleichen Rechte zugesteht wie deutschen Arbeitnehmern. Auch ihre Familienangehörigen dürfen arbeiten.
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Fachkräfte mit weniger lukrativen Stellen müssen sich weiterhin dem "Vorrangsprinzip" unterwerfen. Sie bekommen den Job nur, wenn die Bundesarbeitsagentur feststellt, dass es keinen deutschen Bewerber dafür gibt. Ihr Aufenthalt wird befristet. Erst nach drei bis fünf Jahren können sie mit einer Niederlassungserlaubnis rechnen.
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Selbständige können ohne Probleme zuwandern, wenn sie mindestens 250.000 Euro investieren und fünf Arbeitsplätze schaffen. Wer dies nicht leisten kann, muss darauf setzen, dass seinem Projekt ein "übergeordnetes wirtschaftliches Interesse" attestiert wird.
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Ausländische Studenten dürfen 90 ganze oder 180 halbe Tage arbeiten. Nach ihrem Studium können sie ihre Aufenthaltserlaubnis um ein Jahr verlängern, um einen qualifizierten Arbeitsplatz zu finden.
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Mit der europäischen "Blue Card" werden ab 2011 die Anforderungen nochmals gesenkt. Fachkräfte aus Drittstaaten müssen einen mindestens ein Jahr geltenden Arbeitsvertrag vorlegen. Darin sollte ein Bruttogehalt vorsehen sein, das 1,5 mal höher liegt als das Durchschnittseinkommen des Mitgliedstaates. In Deutschland wären das nach aktuellem Stand 42.000 Euro.

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