Scheidende First Lady Daniela Schadt "Da habe ich geweint"

Und plötzlich sind fünf Jahre vorbei. Daniela Schadt blickt zurück auf ihre Zeit als First Lady - welche Momente sie bewegt haben und was manchmal surreal war.

Scheidende First Lady Daniela Schadt
HC Plambeck

Scheidende First Lady Daniela Schadt

Ein Abschiedsgespräch von und Britta Stuff


Am 18. März ist Schluss. Dann endet die Amtszeit des elften Bundespräsidenten Joachim Gauck - und damit in gewisser Weise auch die seiner Partnerin Daniela Schadt. Fünf Jahre lang hat sie mit ihm zusammen Deutschland repräsentiert. Vieles war surreal für die langjährige Journalistin in ihrer neuen Funktion, aber "nett surreal", wie die scheidende First Lady im SPIEGEL-ONLINE-Interview sagt.

Daniela Schadt lernte, was man gegen die Aufregung im Blitzlichtgewitter tut und welche Suppe man besser nicht isst im champagnerfarbenen Kleid. Gleichzeitig erfuhr sie in den vergangenen Jahren viel über sich, das Land - und Joachim Gauck, sagt Schadt. Und sie erlebte Situationen, die kaum zu ertragen waren.

Der Abschied fällt ihr schwer. "Aber wie meinte eine Mitarbeiterin: Wenn man beim Abschied von vertrauten Aufgaben und Menschen gar keine Wehmut empfände, wäre etwas falsch gelaufen", sagt Schadt. Und auf manches freue sie sich auch.

Lesen Sie im hier das komplette Interview mit Daniela Schadt:

Zur Person
  • HC Plambeck
    Daniela Schadt, Jahrgang 1960, ist seit 17 Jahren mit Joachim Gauck liiert - einen Trauschein haben die beiden nicht. Schadt wurde damit im Frühjahr 2012 nach Gaucks Wahl zum Bundespräsidenten die erste nicht verheiratete First Lady der Republik. Bis dahin hatte Schadt 20 Jahre lang als Redakteurin bei der "Nürnberger Zeitung" gearbeitet, zuletzt als Leiterin der Innenpolitik. Seit 2012 ist Schadt Schirmherrin der Deutschen Kinder- und Jugendstiftung. Zudem übernahm sie wie üblich die Schirmherrschaft von Unicef sowie des Müttergenesungswerks. Schadt hat Politik, Germanistik und französische Literatur studiert.

SPIEGEL ONLINE: Frau Schadt, geht man als First Lady anders durch die Stadt?

Schadt: Einerseits ja, andererseits nein. Nehmen wir nur das rein Äußerliche. Ich war ja Journalistin, wie Sie. In einer Redaktion wie der "Nürnberger Zeitung" sitzt man eher selten im Kostüm am Schreibtisch. Nun gehe ich aber auch heute nicht 24 Stunden am Tag durch die Welt und denke: "Ich repräsentiere hier, ich bin die First Lady." Außerhalb der offiziellen Termine bin ich einfach nur Daniela Schadt, habe ein normales Privatleben, schwinge mich auch mal aufs Fahrrad.

SPIEGEL ONLINE: Sind Sie wirklich noch mit dem Rad gefahren?

Schadt: Ja. Der Bundespräsident auch.

SPIEGEL ONLINE: Und die Sicherheitsbeamten immer hinterher?

Schadt: Nicht unbedingt. Bei meinen Privatterminen ist keine Sicherheit dabei. Ich fahre dann auch allein U-Bahn. Sie können als First Lady Bus fahren, Sie können Fahrrad fahren, Sie könnten meinetwegen Dreirad fahren - geht alles.

SPIEGEL ONLINE: Sind Sie nicht oft angesprochen worden?

Schadt: Passiert ist es schon. Das muss man verstehen. Wenn George Clooney über den Ku'damm spaziert, dann frage ich auch: "War das nicht gerade George Clooney?" - und drehe mich um. Anders als er bin ich aber nicht sehr oft erkannt worden. Vielleicht weil ich in der Regel nicht mit Pumps und im Kostüm zum Brötchen holen fahre. Man sieht automatisch etwas anders aus als auf den Bildern.

SPIEGEL ONLINE: Ist es Ihnen anfangs schwergefallen, im Licht der Öffentlichkeit zu stehen?

Schadt: Wenn du ständig denkst, "ach, jetzt gucken alle", dann wird es schwierig. Das ist wie zu Hause, wenn die Mutter am Esstisch sagt, "die gute weiße Tischdecke liegt auf, jetzt darfst du nicht kleckern". Das ist der direkte Weg zum Klecks. Also muss man es beiseiteschieben. Das geht auch recht gut. Schließlich steht man als First Lady nicht nur dekorativ in der Weltgeschichte herum, sondern ist eingebunden in alles; da sind Gesprächspartner, Situationen auf die man sich einstellen muss. Man hat gar nicht die Zeit, sich immerzu Gedanken zu machen.

SPIEGEL ONLINE: War die Situation am Anfang trotzdem surreal für Sie?

Schadt: Ja, natürlich. Aber nett surreal. Schön war es beim ersten Neujahrsempfang des Bundespräsidenten. Ich kenne ja die ganze Situation, aus der Sicht der Journalistin. Ich erinnere mich gut, wie ich am Redaktionstisch saß und die ganzen Fotos vom Empfang liefen ein. Und jetzt saßen da meine Ex-Kollegen und beobachteten mich. Und ich beobachtete die Fotografen, wie sie nach und nach ein bisschen müder wurden.

"Das ist der direkte Weg zum Klecks"
HC Plambeck

"Das ist der direkte Weg zum Klecks"

SPIEGEL ONLINE: Mögen Sie sich selbst auf Fotos?

Schadt: Ich bin mir häufig fremd. Aber ich glaube, das geht vielen Menschen so. Es ist, wie wenn man die eigene Stimme hört. Wenn ich früher meinen Anrufbeantworter in Nürnberg abhörte, dachte ich auch: "Das soll ich sein?"

SPIEGEL ONLINE: Haben Sie in den Jahren als First Lady etwas über sich gelernt, das sie vorher nicht wussten?

Schadt: Ich bin "kompletter" geworden. Mein Blick auf die Welt ist vollständiger als vorher. Ich denke optimistischer über dieses Land, über die Menschen hier, als ich es wahrscheinlich getan hätte, wenn ich die vielen positiven Erfahrungen der letzten Jahre nicht gemacht hätte.

SPIEGEL ONLINE: Wie meinen Sie das?

Schadt: Als Journalistin musste ich alles aus einer professionellen Distanz sehen, alles analysieren. Als Journalist geht man naturgemäß eher dahin, wo Dinge nicht stimmen und nicht funktionieren, um darüber zu berichten. In den vergangenen fünf Jahren habe ich dann aber so viele motivierte Menschen getroffen, die Enormes leisten. 2013, bei der großen Flut an der Donau, stand in Deggendorf der Einsatzleiter vom THW, der das alles koordinierte, als hätte er sein Leben lang nichts anderes getan. Wir waren alle baff. Ich fragte ihn, was er im echten Leben macht, er sagte, er sei Friseur. Ich schaue die Menschen, die mir in der Straßenbahn gegenüber sitzen, auch deshalb jetzt anders an, positiver. Ich denke: "Die sitzen da so ganz normal, wer weiß, was sie alles zu Wege bringen."

SPIEGEL ONLINE: Gab es einen Moment, in dem Ihnen alles zu viel war?

Schadt: Ja, einmal war das so, da dachte ich: "Das schaffe ich nicht." Das war in Bangalore, in Indien. Wir waren in einem Bahnhof, wo Kinder betreut werden, die von ihren Eltern in den Zug gesetzt wurden, um irgendwie Geld zu verdienen. Sie werden dabei teilweise von Verbrechern aufgegriffen und ausgebeutet. Da geht es um Zwangssklavenarbeit, um Kinderprostitution. Und offenbar auch um Organhandel. Da gibt es Menschen, die die Kinder einsammeln, um ihnen ihre Organe zu entnehmen. Ich kam dann zurück in das malerische Hotel, das man als Staatsgast bewohnt und merkte, das kann ich nicht mehr richtig verarbeiten. Da habe ich geweint.

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Daniela Schadt: Abschied von der First Lady

SPIEGEL ONLINE: Joachim Gauck wollte der Bürgerpräsident sein - aber schafft das Amt nicht automatisch Distanz zu den Bürgern?

Schadt: Jede Form von Prominenz schafft Distanz. Mir ist sehr bewusst: Wenn der Bundespräsident und ich eine Schule besuchen, räumen die vorher auf und weißeln womöglich die Wände. Man kann die Prominenz dieses Amts aber auch sehr gut nutzen: Öffentlichkeit schaffen für Projekte und Initiativen, engagierte Menschen und ihre Arbeit würdigen und konkret unterstützen. Ich bin Schirmherrin einiger wunderbarer Organisationen. Am Anfang stellten sich alle vor, und ich sagte meiner Mitarbeiterin, dass die sich keine Mühe machen müssen, um extra hierher zu reisen, dass ich auch zu ihnen fahren kann. Da machte man mir klar, dass sie gerne hierher kommen. Dass es eine Wertschätzung ist, in Bellevue empfangen zu werden. Und wenn ich Projekte besuche, was ich sehr viel gemacht habe in den vergangenen fünf Jahren, bringe ich meist auch öffentliche Aufmerksamkeit mit. Das ist wichtig und eine Form von Unterstützung.

SPIEGEL ONLINE: Fragt man als Lebensgefährtin des Bundespräsidenten weiterhin abends ganz normal: "Schatz, wie war dein Tag?"

Schadt: Klar.

SPIEGEL ONLINE: "Mensch Jochen, Staatsbesuch, der zog sich ein bisschen" - oder wie?

Schadt: So eher nicht. Aber es gibt ja auch noch das normale Leben. Manchmal, zum Beispiel nach dem Sommerurlaub, kamen wir zurück in diese Welt, und dann stand ein großer Termin oder vielleicht ein Staatsbesuch an und wir dachten: "Ach, ja. Da war ja was."

SPIEGEL ONLINE: Was haben Sie über Joachim Gauck in den vergangenen fünf Jahren gelernt?

Schadt: Ich denke, dass Jochen am Anfang größere Mühe damit hatte, dass er nicht mehr so einfach frei von der Leber weg sprechen konnte wie zuvor. Als Bundespräsident sprichst du für ein ganzes Land und eben nicht mehr nur für deine Person. Du wägst deine Worte also noch stärker ab. Das anzunehmen ist kein ganz einfacher Prozess. Vor allen Dingen nicht, wenn man Joachim Gauck heißt. Aber es ging dann doch ganz gut.

"Ich merkte, das kann ich nicht mehr richtig verarbeiten. Da habe ich geweint."
HC Plambeck

"Ich merkte, das kann ich nicht mehr richtig verarbeiten. Da habe ich geweint."

SPIEGEL ONLINE: Sie sind ja mal der Fürstin von Monaco auf die Schleppe getreten.

Schadt: Das war wirklich keine große Geschichte, es war nur so lustig, weil es vor gefühlt 150 Fotografen passiert ist. Im Allgemeinen benehme ich mich ganz ordentlich, denke ich.

SPIEGEL ONLINE: Es fiel Ihnen nie schwer, sich zusammenzureißen?

Schadt: Ich habe immer versucht, möglichst entspannt zu sein. Wie beim Skifahren: Wenn du dir oben am Hang schon sagst, da komme ich nie runter, ich sehe schon zwei Gipsbeine vor meinem inneren Auge, dann wirst du garantiert hinfallen. Ich lasse aber auch mal besondere Vorsicht walten wie bei einem der Staatsbankette: Da gab es eine ganz fabelhafte, sehr grüne Kräutersuppe als Vorspeise. Ich schaute kurz auf mein champagnerfarbenes Kleid und dann habe ich mir gesagt: "Diese Suppe werde ich nicht auslöffeln. Das ist mir zu gefährlich." Aber solche Situationen waren eher selten.

SPIEGEL ONLINE: Was ist der schönste Platz im Schloss für Sie?

Schadt: Mein Büro. Und ein Zimmer, von dem auch ich ab und zu auf meinen Lieblingsbaum schaue, um nach dem Stand der Kastanien zu sehen. Das schöne Schloss Bellevue mag ich wirklich sehr, lieber als manch großen, sehr pompösen Palast. Wir waren mal in Naypyidaw, der neuen Hauptstadt von Myanmar. Diese Retortenstadt ist total surreal. In den Präsidentenpalast würde Bellevue vielfach reinpassen. Bellevue als Amtssitz des Staatsoberhaupts - das steht uns Deutschen gut, finde ich.

SPIEGEL ONLINE: Wie werden Sie in Zukunft hier vorbeifahren?

Schadt: Ich werde immer eine Verbindung haben. Wenn ich vorbeifahre, werde ich vielleicht rausschauen, grüßen und denken: Da ist es ja, das Schlösschen.

SPIEGEL ONLINE: Die Amtszeit von Bundespräsident Gauck geht bis zum 18. März. Worauf freuen Sie sich am 19. März am meisten?

Schadt: Ich freue mich darauf, nicht mehr für Staatsbesuche die Koffer packen zu müssen. Das liegt mir nicht so. Man bekommt als First Lady eine Liste mit den Anlässen und den Dresscodes, und dann muss man das abarbeiten und aufpassen, dass man nichts vergisst - die passenden Schuhe zum Kleid oder so.

SPIEGEL ONLINE: Und was werden Sie vermissen?

Schadt: Viel. Ich bin kein großer Wechselmensch, ich bin ja auch 20 Jahre bei meiner Redaktion geblieben. Ich weiß, das klingt nun sehr staatsmännisch, aber diese Aufgabe der letzten fünf Jahre hat mir einfach mehrfach täglich viel Freude gemacht. Es wird mir fehlen. Die Mitarbeiter werden mir fehlen. Es stimmt dich schon ein bisschen melancholisch, wenn du Dinge tust und weißt, das ist jetzt das letzte Mal. Aber wie meinte eine Mitarbeiterin: Wenn man beim Abschied von vertrauten Aufgaben und Menschen gar keine Wehmut empfände, wäre etwas falsch gelaufen.

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Seite 1
thewild 16.02.2017
1. First Lady
klingt wie Vizekanzler oder Human Resources. Für mich alles politisch inkorrekte Begrifflichkeiten. Wer hat die Frau über alle anderen Damen dieses Landes gestellt?
dbrown 16.02.2017
2. Ich muß auch gleich weinen!!!
Die arme Frau! Würde mein Partner so viel verdienen wie ein deutscher Bundespräsident hätte ich überhaupt kein Problem, regelmäßig Koffer zu packen! Unglaublich, auf welch extrem hohen Niveau manche Leute jammern können!
a-mole 16.02.2017
3. die 3 ersten Kommentare
Hat einer von Ihnen überhaupt das Interview gelesen, oder kamen die geifernden Beißreflexe schon ungefiltert beim lesen der Überschrift? Ist ja unglaublich. Ich fand dieses Interview wirklich nett, unaufgeregt & auch recht interessant.
cobaea 16.02.2017
4.
Zitat von dbrownDie arme Frau! Würde mein Partner so viel verdienen wie ein deutscher Bundespräsident hätte ich überhaupt kein Problem, regelmäßig Koffer zu packen! Unglaublich, auf welch extrem hohen Niveau manche Leute jammern können!
Könnte man nicht erst einmal einen Artikel lesen, bevor man solche Kommentare raushaut? Und könnte man vielleicht - nur ganz vielleicht, eventuell, möglicherweise - auf die Idee kommen, dass man auch mit gutem Einkommen manche Dinge lieber macht als andere? Oder darf man dann keine Vorlieben mehr haben? Natürlich verdient ein Bundespräsident gut - aber Frau Schadt hat bis vor fünf Jahren ihren Lebensunterhalt selbst verdient. Wie die meisten von uns - und jetzt werden Vorlieben oder Abneigungen nur noch übers Einkommen des Partners definiert? Sie hat übrigens nicht gejammert, sondern auf eine Frage geantwortet.
Tante_Frieda 16.02.2017
5. Wasser in den Wein
Ich will mal,ironisch,etwas Wasser in den Wein gießen:Am Ende hat sich das Kofferpacken doch ausbezahlt:Als Lebensgefährtin des Ex-Bundespräsidenten hat sie eine Menge von der Welt gesehen,hat teilweise sehr interessanten Menschen getroffen und eine stattliche Rente für den Partner,der sogenannte Ehrensold,lässt finanzielle Sorgen gar nicht erst aufkommen.Kein Grund zur Klage,möchte man da sagen...
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