Finanzhilfe für Angehörige Staat gibt Pflege-Darlehen - kaum einer will sie haben

Arbeitnehmer, die Angehörige pflegen, haben Anspruch auf eine Job-Auszeit. Den Verdienstausfall kann ein zinsloses Darlehen abfedern. Nun stellt sich nach Informationen des SPIEGEL heraus: Die Leistung wird kaum genutzt.

Hände (Symbolbild)
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Seit 1. Januar 2015 wurden 754 Anträge auf ein Pflege-Darlehen beim Bundesamt für Familie und zivilgesellschaftliche Aufgaben eingereicht, 618 bewilligte die Kölner Behörde nach Informationen des SPIEGEL. Das ist weniger als ein Prozent der rund 70.000 Bürger, die nach Schätzung des Bundesfamilienministeriums seitdem die Möglichkeiten der beruflichen Freistellung in Anspruch genommen haben. (Lesen Sie hier die ganze Geschichte im neuen SPIEGEL.)

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Heft 5/2018
Die Pflegekatastrophe: Deutschland lässt seine Familien im Stich

Das zinslose Darlehen soll es Beschäftigten erleichtern, für die Zeit der Pflege aus dem Beruf auszusteigen. Es deckt grundsätzlich die Hälfte des durch den Pflegeeinsatz fehlenden Nettogehalts ab und wird in monatlichen Raten ausgezahlt. Empfänger müssen es nach Ende der Freistellung ebenfalls in Raten wieder zurückzahlen. Die geringe Resonanz zeigt, dass diese Bedingungen nicht attraktiv für die Betroffenen sind. Zum Vergleich: Allein 2016 machten rund 1,64 Millionen Väter und Mütter, die ihre Kinder betreuen, Gebrauch von der Möglichkeit, Elterngeld zu beziehen; sie bekommen je Kind bis zu 21.600 Euro quasi geschenkt.

In Deutschland gibt es rund 2,9 Millionen Pflegebedürftige, gut zwei Drittel davon werden von Angehörigen, überwiegend Frauen, versorgt oder durch ambulante Dienste. Die Pflege Angehöriger ist für die Bürger meist mit deutlichen finanziellen Nachteilen verbunden. Wer zu Hause pflegt, arbeitet oft genauso hart wie jemand, der ins Büro oder in die Fabrik geht. Er investiert, wenn er keine Hilfe hat, sogar mehr Zeit als der Vollerwerbstätige. Im Schnitt wendet ein Haushalt wöchentlich laut einer Studie der gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung 63 Stunden für die Pflege auf. Das Pflegegeld, das einem Pflegenden gezahlt wird, beträgt jedoch nur zwischen 316 und 901 Euro monatlich. Diese Leistung muss im Gegensatz zum Pflege-Darlehnen nicht zurückgezahlt werden.

Pflege ist mitverantwortlich für Rentenprobleme

Auch im Alter erweist es sich finanziell als Nachteil, wenn man zuvor Angehörige gepflegt hat. So erklärt sich zu einem großen Teil auch, warum Frauen in Deutschland so schlecht versorgt sind; ihre Renten erreichen im Schnitt nur 60 Prozent der Höhe einer Männerrente. Nirgends in der westlichen Welt ist die Lücke zwischen den Geschlechtern größer, die Pflegesituation ist dafür mitverantwortlich.

Der Gesetzgeber tat sich bislang schwer mit Regeln, mit denen sich Beruf und Pflege besser vereinbaren lassen. Angehörige haben zwar mittlerweile Anspruch auf eine Pflegezeit von sechs Monaten oder eine Familienpflegezeit, in der sie maximal zwei Jahre lang ihre Arbeitszeit auf bis zu 15 Wochenstunden verringern können. Doch die Familienpflegezeit gilt nur in Betrieben mit mehr als 25 Beschäftigten, Millionen Mitarbeiter bleiben davon ausgeschlossen.

Dieses Thema stammt aus dem neuen SPIEGEL - ab Samstagmorgen erhältlich.

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insgesamt 13 Beiträge
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heinrich.busch 26.01.2018
1. Das ist das übliche Procedere
Was sich der deutsche Amtsschummel ausdenkt ist in aller Regel hinterhältig und gemein. Ob Rister, gefördertes Bausparen für Jugendliche, 10 ? Sportunterstuetzung für Kinder, Schüler Bafög etc. Immer werden entweder bürokratische Hürden aufgebaut und / oder im Nachgang werden die Bürger betrogen. Besser sich nicht in Abhängigkeit der Amtsstuben begeben. Nicht umsonst nehmen die AfD Waehler und die Reichsbuerger zu. Irgendetwas ist faul an unseren abgehoben Bürokraten.
franxinatra 26.01.2018
2. Und wenn die Schulden überhand nehmen..
bleibt einem ja noch die Privatinsolvenz; dass da vor der großzügigen Gabe zurück geschreckt wird ist nachvollziehbar....
retourenpaket 26.01.2018
3. Toll Darlehen mit einem Zinssatz über Marktniveau
Ein Darlehen ist nur für Leute interessant die kein Geld haben. Reichere Leute die Geld haben werden ein solches Darlehen niemals beanspruchen. Ärmeren Leute denen es tatsächlich helfen könnte, laufen Gefahr sich damit zu überschulden. Das Darlehen mit einem Zinssatz von 0 % klingt attraktiv, ist aber nur ein weiteres Modell das Staates sich zu bereichern. Denn der aktuelle Zinssatz liegt für den Start unter 0 %. D.h. hier werden arme Menschen die in familiärer Notlage sind für die Staatskasse eingespannt. Danke für diese tolle Idee!
_derhenne 26.01.2018
4.
Sehr gut, ein Zeichen der Vernunft! Sich in einer Notlage zu Verschulden und - noch schlimmer - mit deutschen Ämtern rumärgern müssen, ist doch Harakiri.
Holzbeinschnitzer 26.01.2018
5.
Es tut mir leid, dass ich das jetzt so offen sagen muss, aber für Betroffene ist diese Regelung ein Schlag ins Gesicht. Schäuble hat einmal gesagt, wir seien eine Solidar- und Schicksalsgemeinschaft. Das gilt leider nur, wenn die Umverteilung nach oben geschieht, jedoch nicht, wenn es zugunsten der Schwächsten erfolgen soll. Wir sind immer noch ein reiches Land. Aber wir investieren stets zu wenig in die Teile der Bevölkerung, welche einen der wichtigsten Dienste erweisen. Der Vergleich hin zum Elterngeld fand ich sehr gut. Er spiegelt unser Denken wieder. Wir investieren in zukünftige Leistungsträger und kümmern uns nicht mehr um diejenigen, welche die Leistung die sie benötigen, volkswirtschaftlich schon mehrfach erbracht haben. Das ist sehr traurig. Aber wir könnten da noch mehrere Vergleiche aufstellen. Nehmen wir das Beispiel derer, welche aufgrund von Erkrankungen früher in Rente müssen. Sie bekommen weniger Rente. Wenn Sie zwei Kinder haben, eines mit guten Noten und eines mit schlechten Noten in der Schule. Bekommt das Kind mit den schlechten Noten deshalb weniger zu essen? Unser umlagebasiertes Sozialsystem ist eigentlich unkaputtbar, wenn alle ihren Beitrag leisten würden und zwar in ein System. Dann wäre auch das Problem mit der Pflege vollkommen verschwunden.
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