Von Anna Appelrath, Christina Hebel, Frank Patalong und Christian Pfaffinger
Hamburg - Noch vor kurzem galten die Piraten als ein Phänomen der Großstadt, eine Berliner Erscheinung, die die Politik etwas aufmischt, aber in den anderen Landtagen keine Chance hat. Doch seit dem Erfolg im Saarland hat sich die Wahrnehmung der gerade mal über fünf Jahre alten Piraten geändert - sie werden von den etablierten Parteien ernst genommen, so ernst, dass Patrick Döring, Generalsekretär der kriselnden FDP, gegen sie keilte.
Auch wenn die Hauptstadt Berlin und das kleine Saarland mit seiner letzten Steinkohlegrube und dem ländlich geprägten Norden völlig unterschiedlich sind - die Gründe, warum die Menschen die Piraten gewählt haben, waren in beiden Bundesländern ähnlich: Zum einen bekamen die Parteineulinge von denjenigen ihre Stimme, die sich für Netzthemen interessieren. Das sind die Stammwähler der Piraten.
Über die Fünf-Prozent-Hürde brachten sie aber die Protestwähler - diejenigen, die bisher aus Politikverdrossenheit nicht ihre Stimme abgegeben haben. Im Saarland waren es nach Angaben von infratest dimap 8000 ehemalige Nichtwähler, die nun für die Piraten votierten. Nach einer ZDF-Umfrage gewannen die Piraten mehr als 20 Prozent ihrer Wähler bei denen, die vorher zu Hause geblieben waren. Die Piraten scheinen damit zum Auffangbecken für alle zu werden, die ihre zum Teil diffuse Unzufriedenheit mit dem politischen Establishment und seinen Ritualen artikulieren wollen. Damit stellen die Politik-Neulinge für CDU, SPD, Grüne, FDP und Linke eine Gefahr dar.
"Die Piratenpartei ist das Produkt unzufriedener Wählergruppen"
Zumal die Piraten auch in dem Lager der Etablierten wilderten, sie nahmen allen Parteien ein paar tausend Stimmen ab: Im Saarland wurden die Piraten zu einer Sammelbewegung, holten laut einer ZDF-Umfrage jeweils 15 Prozent ihrer Stimmen bei früheren Wählern von CDU, SPD und Linkspartei, bei den Grünen sechs Prozent - und auch bei enttäuschten FDP-Wählern konnten die Piraten punkten. Laut infratest dimap gaben 4000 ehemalige Liberalen-Wähler den Landtagsneulingen ihre Stimme.
"Die Piratenpartei ist (...) das Produkt unzufriedener Wählergruppen, die sich von den existierenden Parteien (...) nicht angesprochen fühlen", stellt auch eine Studie der CSU-nahen Hanns-Seidl-Stiftung von Juli 2010 fest - und warnt: Die Piraten seien "keine politische Eintagsfliege". Die Anhänger der Piraten bezeichnet die Analyse als "überdurchschnittlich liberal eingestellt, intellektuell und wertorientiert". Das zeige sich "in der Bevorzugung von Freiheit gegenüber Sicherheit und der Ablehnung starrer bürokratischer Strukturen".
Der ZDF-Umfrage zufolge punkteten die Piraten im Saarland bei Angestellten, Arbeitern und Selbständigen gleichermaßen, sie gewannen Wähler mit Abitur ebenso wie mit Mittlerer Reife. Nur bei Beamten und Bürgern mit Hauptschulabschluss schnitten sie vergleichsweise schwach ab. Für Forsa-Chef Manfred Güllner ist das "ein Phänomen". Die Grünen hätten in ihrer Anfangszeit "nur ein sehr schmales Segment des deutschen Bildungsbürgertums aktivieren" können. Die Piraten seien dagegen in allen Schichten zu finden. "Es ist falsch, ihre Wählerschaft nur auf die Internet-Nerds zu reduzieren. Sie ist sehr heterogen."
Die Piraten könnten demnach in jedem Bundesland in das Parlament einziehen - in Schleswig-Holstein wird am 6. Mai, in Nordrhein-Westfalen am 13. Mai gewählt. Und sie haben auch bei der Bundestagswahl im kommenden Jahr nach aktuellen Umfragen gute Chancen, mehr als fünf Prozent der Stimmen zu bekommen.
Sehen Sie in der Fotostrecke, wer die Piraten wählt und aus welchem Grund - oder klicken Sie hier.
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