Debatte über Flüchtlinge Die verkehrte Sprache

Deutschland redet sich eine solidarische Flüchtlingspolitik aus: Die Debatte wird bestimmt von Sprachbildern, die keine Empathie für Flüchtende zulassen.

Ein Gastbeitrag von Elisabeth Wehling

Flüchtlinge an der griechisch-mazedonischen Grenze
AP

Flüchtlinge an der griechisch-mazedonischen Grenze


Deutschlands politische Debatte ächzt unter dem Eindruck der Flüchtlingsthematik. Auffallend sperrig kommen die Einschätzungen und Handlungsvorschläge daher, und während die Politik der Bundesregierung über Parteigrenzen und Wählergruppen hinweg diverse Befürwortung findet, wird sie zugleich von vielen Bürgern missbilligt und auf das Schärfste kritisiert.

Nur schwer kann man sich des Eindrucks erwehren, dass es irgendwo hakt. Und aus Sicht der modernen Kognitionsforschung ist das gar nicht erstaunlich. Der Diskurs über Flüchtlinge hat sich nämlich sprachlich festgefahren - und steckt somit auch ideologisch in der Sackgasse.

Zentrale Begriffe unserer Debatte, wie Flüchtlingsstrom und Obergrenze, propagieren eine politische Weltsicht, die die Ideologieforschung als streng kennt, und die Werte betont wie Eigeninteresse, Selbstdisziplin und Wettbewerb. Sie steht der fürsorglichen Weltsicht gegenüber, die Werte betont wie Empathie, Kooperation und Gemeinschaftssinn. In der Fluchtthematik propagiert die strenge Sicht eine Politik nationaler und europäischer Abschottung. Das macht es politischen Kräften in Deutschland und anderen EU-Staaten, die sich für gemeinsame humane Lösungen stark machen, zunehmend schwer, ihre Positionen begreifbar zu machen.

Wer würde eine Flut im eigenen Haus verteilen wollen?

Der prominenteste Begriff ist dabei derjenige von Flüchtlingen als Wassermassen. Eine Flüchtlingswelle hat uns 2015 überrollt. Eine Flüchtlingsflut, die auch im Jahr 2016 nur langsam abebben wird. Flüchtlingsströme, die wieder ansteigen. Die Metapher von Flüchtenden als Wasser erzählt eine schrille Geschichte. Flüchtende sind keine Opfer, sondern eine Bedrohung. Opfer der Situation sind Deutschland und Europa - ihnen droht, überflutet zu werden. Und sie sind somit aufgerufen, zugleich Helden zu sein. Und zwar Helden der Selbstrettung.

Darüber hinaus informiert die Metapher nebenbei natürlich auch über die Lösung des Problems. Was tun, wenn die eigene Region, das eigene Haus einer Flut ausgesetzt ist? Dämme bauen. Sandsäcke vor die Türen. Keller und Erdgeschoss auspumpen. Auf die Politik übertragen bedeutet das: Abschottung und Abschiebung.

Und so ruft es aus allen Himmelrichtungen, Deutschland und Europa sollten die Schotten dicht machen. Welche Form der Politik erlaubt die Metapher nicht? Das Aufnehmen und Integrieren von Flüchtlingen. Es wäre absurd, während einer Flut hereinströmendes Wasser auf einzelne Zimmer zu verteilen, sich zu überlegen, wo wie viel Wasser am besten unterkommt. Eine Politik der Empathie und Solidarität, der gemeinschaftlichen Aufnahme und Integration von Geflüchteten wird in dieser Metapher zur kognitiven Sisyphosarbeit - mit allen politischen Konsequenzen in Berlin und Brüssel.

Wie sehr die strenge Weltsicht unsere Debatte strukturiert, zeigt auch der Begriff Obergrenze. In der Sache geht es hierbei um die Frage, wie viele Menschen wir in Deutschland und Europa aufnehmen. Sie kann aus zwei Perspektiven diskutiert werden: als eine Frage der Ober- oder Untergrenze.

Die Diskussion um die Obergrenze fragt, wie viel Raum einem Land oder einer Staatengemeinschaft zur Verfügung steht. Raum steht dabei metaphorisch für Geld und andere Ressourcen, wie Bildung, Gesundheit, Wohnraum und Arbeit. Die Obergrenze gibt an, was hinsichtlich der Verwendung nationaler Ressourcen zugunsten Schutzsuchender höchstens möglich oder gewollt ist, und zwar mit Hinblick auf das nationale Eigeninteresse.

Gleich der Metapher von Flüchtenden als Wassermassen ist auch dies eine Selbstverteidigungsgeschichte: Die europäischen Staaten sind aufgerufen, ihren nationalen Wohlstand zu verteidigen. Das ist eine vollkommen legitime Sicht auf die Dinge, nämlich die strenge, die das Durchsetzen von Eigeninteresse als moralisch richtig und wichtig hervorhebt.

Debattierten wir stattdessen über eine Untergrenze, beschäftigten wir uns mit der Frage, wie viele Schutzsuchende wir mindestens aufnehmen müssen, um der Verantwortung gerecht zu werden, Menschen vor Leid zu schützen. Das wäre keine Selbstverteidigungsgeschichte, sondern eine Rettungsgeschichte: Die europäischen Staaten wären aufgerufen, die zu uns kommenden Opfer von Krieg und Gewalt gemeinschaftlich und menschenwürdig aufzunehmen.

Auch das ist eine völlig legitime Sicht auf die Dinge, nämlich die fürsorgliche, die Empathie als wichtig hervorhebt. Deutschland und Europa sprechen aber nicht von einer Untergrenze. Wir sprechen allesamt von Obergrenzen und diskutieren innerhalb dieses einen - aber eben nicht einzigen! - ideologischen Sprachbildes, wo die Grenze liegen muss oder ob es sie geben darf.

Wer mit einem strengen Blick auf die Welt schaut und von Flüchtlingsströmen und Obergrenzen spricht, bewirbt dadurch seine Ideologie und ist damit vollkommen im Recht. Wer aber mit einem fürsorglichen Blick auf die Welt schaut und diese Begriffe nutzt, der untergräbt mit dieser Sprache Tag für Tag, Interview für Interview und Talkshow für Talkshow die Mehrheitsfähigkeit seiner eigenen Politik.

Das schwache Bild der "Koalition der Willigen"

Spannend ist, dass selbst dezidiert fürsorgliche Politik es derzeit versäumt, Begriffe zu nutzen, die das eigene moralische Anliegen auf den Punkt bringen. So zum Beispiel die Koalition der Willigen. Das Bündnis steht für Werte wie Kooperation und soziale Verantwortung. Allerdings, der Begriff "willig" assoziiert Gefügigkeit. Ein schneller Blick in unseren kollektiven Denkapparat über Google Image zeigt, wie stark die Idee des Willig-Seins mit jener des Sich-Gefügig-Machens assoziiert ist - knapp die Hälfte der ersten zwanzig Treffer für das Wort willig zeigen sexuell gefügige oder gefügig gemachte Frauen.

Koalition der Willigen macht die Werteprämisse des Bündnisses nur schwer begreifbar. Impliziert ist kein starker Wille, sondern Willenlosigkeit. Auch ist zu vermuten, dass die Rolle der Autoritätsfigur, der gegenüber man sich willig zeigt, implizit Angela Merkel zugeschrieben wird.

Woher die misslungene Bezeichnung kommt, ist schnell erkannt. Als die Bush-Administration die "Coalition of the Willing" ins Leben rief, um nach den radikal-islamistischen Anschlägen von 2001 den Krieg gegen den Terror voranzutreiben, unterlief dem deutschen Diskurs der grobe Fehler, das englische willing mit willig, anstatt mit gewillt zu übersetzen. Aus der Koalition der Gewillten wurde kurzerhand eine Koalition der Willigen.

Abgesehen davon, dass Bushs Kriegsführung als Antwort auf den radikal-islamistischen Terror eine denkbar schlechte Anleihe sind, um die Ziele der europäischen Koalition begreifbar zu machen, träfe selbst eine treffend übersetzte Koalition der Gewillten die Kernwerte des Bündnisses nicht, dem es darum geht, die Aufnahme und gerechten Verteilung von Geflüchteten in Europa zu organisieren. Ganz im Gegensatz zu Bündnis der Solidarischen, Kreis der Teamplayer oder Bund der Verantwortung.

Was in öffentlichen Diskursen nicht formuliert wird, ist politisch langfristig nicht umsetzbar. Eine Debatte, die sich auf ideologisch einseitige Kernbegriffe einlässt, ist für eine Demokratie nicht haltbar - zumal, wenn es um eine so wichtige Thematik geht wie nationale Eigeninteressen, Menschlichkeit und Empathie.

Zur Autorin
Elisabeth Wehling
Elisabeth Wehling

Elisabeth Wehling ist Linguistin an der University of California, Berkeley.
Weiterlesen: "Politisches Framing. Wie eine Nation sich ihr Denken einredet - und daraus Politik macht" (v. Halem, 2016) und "Auf leisen Sohlen ins Gehirn. Politische Sprache und ihre heimliche Macht" (zus. mit George Lakoff, Carl-Auer, 4. Aufl. 2016).



Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 51 Beiträge
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Seite 1
darthmax 18.03.2016
1. Semantik
sicherlich man kann vieles hinein interpretieren und Sprache macht auch Aussage : Gewillt oder willig, wenn diese Worte allein stehen hat die Autorin recht. Tun sie aber nicht und aus dem Kontext wird dann die Bedeutung klar. Ob wir damals ( im Gegensatz zu Frau Merkel ) zu den Unwilligen oder unwollenden gehörten , eigentlich egal, wir gehörten jedenfalls nicht zu den ungewollten. An den Formulierungen sind aber meistens die Jounalisten Schuld, die ein sprachliches Bild für einen Sachverhalt suchen und im allgemeinen machen sie das nicht schlecht, auch wenn mit einigen populismen zu schnell umgegangen wird. Eine Alternative zum Ausdruck ´´Flut´´zur Zahl der Flüchtlinge die nach Nordeuropa kamen/kommen bleibt die Autorin übrigens schuldig. Insgesamt aber docch interessant, wie Sprache schon Meinung formuliert.
kantundco 18.03.2016
2. Warum fängt die Autorin mit ihrer Sprachanalyse ...
... nicht beim Begriff Flüchtling an? Denn die Schattierungen der Migranten sind so unterschiedlich wie ihre Motive. Vom Asylbewerber bis zum Terroristen, vom Kriegsflüchtling bis zum sozial bedingten Einwanderer etc. ist da alles dabei. Doch mit Flüchtling kann man die Bilder toter Kinder aufrecht erhalten und beschwört nicht die Bilder von Terroristen, Drogendealern oder Grapschern herauf. Auch eine linguistische Mechanik.
ertz1241 18.03.2016
3. diffuses Gerede
Die Dame orientiert sich in ihren Ausführungen an Merkels "Willkommenskultur" an. Einladungen für Andere auszusprechen funktioniert aber weder privat noch auf politischer Ebene.
aschu0959 18.03.2016
4. Schön geschrieben:
" Welche Form der Politik erlaubt die Metapher nicht? Das Aufnehmen und Integrieren von Flüchtlingen. " Stimmt schon, nur wird man durch Schaden klug wie das Sprichwort sagt. Und nach den bisherigen "Erfolgen" der Integration brauche ich keine neuen Herausforderungen! Wir sollten erst einmal klären, wen wir Einbürgern wollen und wen nicht - bevor wir uns neue "Problemfälle" ins Land holen!
K:F 18.03.2016
5. Flüchtlingen muß geholfen werden
Ist eigendlich ganz einfach. Leider schaffen es Politiker, Gazetten und Jouralisten es nicht, einen Unterschied zu machen von. Flüchtlingen aus Kriesgebieten und Integration so vieler Menschen. Denn das ist ein großer Unterscheid. Unsere Elite hat leider die Deutungshoheit andern überlassen.
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