Von Annett Meiritz und Fabian Reinbold
Berlin - Wer zum Teufel sind diese Typen? Das fragte sich Deutschland am Sonntag des 18. September 2011. Berlin hatte gerade ein neues Parlament gewählt. Doch Klaus Wowereits Wiederwahl, der geplatzte Traum der Grünen, der Rauswurf der FDP, all das verblasste gegen den Einzug einer Newcomer-Partei. Die Piraten erschienen mit Karacho auf der Bildfläche.
"Von den Großen belächelt und unterschätzt", kommentierten die "Tagesthemen", hatte die Generation Netz ein Zeichen gesetzt. Mit Forderungen wie der nach Gratis-W-lan und nach der Legalisierung von Haschisch punkteten sie vor allem bei jungen Wählern. 14 Männer und eine Frau, darunter Studenten, Software-Entwicklern und ein Mechatroniker mit Kopftuch, wollten mal eben Politik machen. Das Rezept des politischen Dilettantismus ging auf, Siege in drei weiteren Bundesländern folgten.
Knapp ein Jahr später sind die Piraten in den Niederungen der Politik angekommen. In jedem vierten Landtag sitzt eine Freibeuter-Fraktion. Ob sich die Partei dauerhaft etablieren kann, ob ihr der Einzug in den Bundestag gelingt, steht längst nicht fest. Klar ist nur: In den vergangenen zwölf Monaten hat sie die politische Kultur und Parteienlandschaft ordentlich aufgemischt.
Die Piraten können auf ein Jahr der Erfolge, Skandale und Umbrüche zurückblicken. Was haben sie schon jetzt bewegt, welche Chancen haben sie verpasst? Ist die Partei ein Hoffnungsträger für die Demokratie - oder doch nur ein Chaosverein?
SPIEGEL ONLINE zeigt die Tops und Flops des Piratenjahres.
Top: Sie haben Politik wieder cool gemacht
Ihre Abgeordneten hatten vor dem Mandat ein ganz normales Leben, waren Studenten, Lehrer, Feuerwehrmänner. Die Piraten wirken damit volksnäher als das Personal der etablierten Parteien: Die Reden des Berliner Abgeordneten Christopher Lauer sind bei YouTube ein Hit, ganz ohne teure PR-Kampagne. So haben die Piraten Nichtwähler zum Wählen motiviert. Während die Mitgliederzahlen der anderen Parteien schrumpfen, konnten die Piraten ihre binnen eines Jahres verdreifachen.
Top: Sie haben aus Fehlern gelernt
Auch scheint die Partei aus ihren Fehlern zu lernen. Auf ihrem letzten Parteitag setzten die Piraten ein klares Zeichen gegen rechts, die Debatte über eine gerechte Frauenquote und den Umgang mit weiblichen Mitgliedern ist in vollem Gange. Auch wenn sie das Politikmachen erst noch lernen müssen: Keine Partei geht so ehrlich mit Schwächen um und erlaubt so viel Einblick in ihr Innenleben wie die Piraten.
Top: Sie haben die anderen Parteien aufgeweckt
CSU-Chef Horst Seehofer lud zur Facebook-Party, SPD-Mann Sigmar Gabriel startete eine Twitter-Offensive. Die FDP präsentierte mit "New Democracy" eine Konkurrenz zur Piraten-Software "Liquid Feedback". Und den Grünen fällt nun plötzlich ihr Ideal der Basisdemokratie wieder ein: Sie küren ihre Spitzenkandidaten für die Bundestagswahl per Urwahl. Dass sich die Parteien nun stärker um Internet und Beteiligung kümmern, ist allein den Piraten zu verdanken.
Top: Sie haben schon jetzt etwas bewegt
Top/Flop: Das Mitmachen klappt noch nicht ganz...
So weit die schöne neue Piratenwelt. Doch im Alltag darbt die Basisdemokratie. Im Liquid hat nur jedes 30. Parteimitglied überhaupt einmal einen Antrag eingebracht. Das Programm schreckt manche ab, anderen fehlt die Energie für Endlosdiskussionen. Und was die Piraten überhaupt mit ihrem Schlagwort Basisdemokratie konkret meinen - also wer bestimmt unter welchen Bedingungen in welchem Medium worüber? - wissen sie selbst noch nicht.
Top/Flop: ...die Sache mit der Transparenz auch nicht
Auch ist unklar, wie ernst es den Piraten mit ihrem Kernthema ist. Die Berliner entschieden im Verborgenen über die Neubesetzung der Ausschüsse und die Wahl des Vorstands - die Basis war bestürzt. Auch die Entlassung des Bundespressesprechers fand hinter verschlossenen Türen statt. Dabei wird die Transparenz-Frage im Bundestagswahlkampf für die Piraten elementar. Betreiben sie am Ende auch nur Hinterzimmerpolitik, verlieren sie ihr Alleinstellungsmerkmal.
Flop: Sie haben alle wichtigen Debatten verpasst
Von einer Partei, die für die Bedürfnisse der Generation 2.0 kämpft, erwartet man zumindest Grundzüge einer Vision. Sei es zum Datenschutz in sozialen Netzwerken, zu Patentkriegen, zum Wert von Arbeit in einer zunehmend technisierten Gesellschaft oder zu einem modernen Familienbild. Gelegenheiten gibt es in der Tagespolitik viele. Bei den meisten Debatten blieben die Piraten bemerkenswert blass.
Flop: Sie verrennen sich im Dauerstreit
Auch Nebensächliches, augenzwinkernd dann zum "Gate" erklärt, taugt für ein veritablen Shitstorm: Esogate, Sexismusgate, Geizgate, Bodogate, Scientologygate - der Anlass ist teils nichtiger, als die folgende Hohn-und-Spott-Welle es vermuten lässt. Der Lerneffekt? Gleich null. Alles halb so wild? Nach außen wirkt die schrille Selbstbeschäftigung verstörend - auch auf die Wähler, die die Partei braucht, um sich über der Fünfprozenthürde zu halten.
Flop: Sie haben es versäumt, ihre Partei zukunftsfest zu machen
Doch in der Parteikasse herrscht Ebbe: Die Piraten fühlen sich durch die Parteienfinanzierung benachteiligt, haben auch selbst Einnahmen versäumt. Fast die Hälfte hat die 48 Euro Mitgliedsbetrag nicht bezahlt. So könnten den Piraten nur 300.000 Euro für den Bundestagswahlkampf gegen Konkurrenten mit Millionenbudgets bleiben Das Engagement in der Vorbereitung des Großprojekts lässt ohnehin zu wünschen übrig, die Organisatoren fühlen sich allein gelassen. Stabile Strukturen für das Mammutprojekt Bundestag fehlen bislang.
Flop: Sie verschleißen ihr Spitzenpersonal
Äußert sich Parteichef Bernd Schlömer nicht pronto zu einer internen Debatte, wird ihm Heimlichtuerei vorgehalten. Mischt sich ein Spitzenpirat zu viel ein, ist ihm ein Brandbrief der Basis sicher. Viele Vorstandsmitglieder haben bereits angekündigt, den Job nicht länger als ein Jahr machen zu wollen. Womöglich wählen die Piraten also kurz vor dem Wahlkampf eine neue Führungsriege. Diese Dauer-Rotation ist verwirrend: Anhänger können nie sicher sein, ob der Spitzenpirat, den sie eben noch sympathisch fanden, nicht morgen schon wieder in der Versenkung verschwindet.
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