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Wählerstudie Deutschland, die Zwei-Klassen-Demokratie

Reichstagsgebäude in Berlin: Die Wohlhabenden gestalten, die Ärmeren koppeln sich ab
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Reichstagsgebäude in Berlin: Die Wohlhabenden gestalten, die Ärmeren koppeln sich ab

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Nur jeder Zweite hat seine Stimme den Parteien der künftigen schwarz-roten Bundesregierung gegeben. Eine neue Studie zeigt, wie ungleich die sozialen Schichten im neuen Bundestag repräsentiert sind: Während Wohlhabende die Demokratie mitgestalten, koppeln sich die Ärmeren zunehmend ab.

Sigmar Gabriel bemüht gern die "kleinen Leute", wenn er für den Koalitionsvertrag mit der Union wirbt. Dann zählt der SPD-Chef den flächendeckenden Mindestlohn von 8,50 Euro auf, der spätestens 2017 kommen soll, und die abschlagsfreie Rente für langjährig Versicherte mit 63 Jahren. Nur: Viele der "kleinen Leute" haben sich längst abgewandt von Gabriel, den Versprechen der künftigen Großen Koalition, der Politik insgesamt.

Um die Dimensionen deutlich zu machen: Rund 29,4 Millionen Wähler haben bei der Bundestagswahl im September ihre Stimme CDU, CSU und SPD gegeben - gerade einmal etwas mehr als die Hälfte der Wahlberechtigten. 17,6 Millionen Deutsche entschieden sich dafür, Nichtwähler zu sein. Immerhin 2,7 Millionen Menschen mehr als für den Wahlsieger CDU gestimmt haben.

Überdurchschnittlich viele Wahlverweigerer stammen aus sozial schwachen Milieus, wie eine neue Studie der Bertelsmann Stiftung belegt, die SPIEGEL ONLINE vorliegt. Beteiligt waren auch das Max-Planck-Institut für Gesellschaftsforschung und die Meinungsforscher von Infratest dimap. Deutschland entwickelt sich demnach zu einer Demokratie der zwei Klassen: Die oberen zwei Drittel der Gesellschaft haben deutlich mehr Einfluss auf die Zusammensetzung des Bundestags und der neuen Regierung genommen als das untere Drittel.

Die verräterischen Muster von Köln und Dresden

Die Autoren sprechen von einer "sozial prekären" Wahl. Die Ärmeren treten nicht einmal mehr bei Wahlen für ihre Interessen ein. Noch nie war das Gefälle bei der Wahlbeteiligung so groß wie bei den vergangenen beiden Bundestagswahlen. 1998 lagen die Stimmbezirke mit der jeweils höchsten und niedrigsten Beteiligung bei der Bundestagswahl noch 19,1 Prozentpunkte auseinander. 2013 betrug der Abstand bereits 29,5 Prozentpunkte.

Die Wissenschaftler haben 28 deutsche Großstädte und weitere 640 Stimmbezirke für ihre Studie untersucht. Entstanden sind detaillierte Analysen gespaltener Städte - das Ergebnis: Je schwieriger die soziale Situation in einem Stadtviertel, desto niedriger die Wahlbeteiligung. Wahlmüde sind vor allem Menschen in sozial schwachen Regionen, in denen die Arbeitslosigkeit hoch, die Wohnverhältnisse schlechter, der Bildungsstand und die Kaufkraft niedrig sind.

Legt man die eingefärbten Karten gedanklich übereinander, ist dieser Effekt mit bloßem Auge zu erkennen. Da bilden die Sozialindikatoren ein Muster, das sich unverkennbar auch bei der Wahlbeteiligung wiederfindet. Wo auf der Karte zur Wahlbeteiligung helle Lücken klaffen, leuchtet es bei denen zur Arbeitslosigkeit zumeist in tiefem Rot. Zwischen diesen beiden Indikatoren zeigt sich der Effekt am deutlichsten. Auch den statistischen Prüfverfahren der Studienautoren hielt er stand.

  • Beispiel Köln: In der Domstadt bilden die 86 untersuchten Stadtbezirke eine besonders große Spannweite. Nur knapp 43 Prozent der Wahlberechtigten gaben in Chorweiler im Norden ihre Stimme ab - hier lag die Arbeitslosenquote Ende 2011 bei 19 Prozent. Im gut situierten Hahnwald waren es dagegen fast 89 Prozent Wahlbeteiligung bei nur einem Prozent Arbeitslosigkeit. Wie sich die anderen Stadtteile zwischen diesen Extremen einordnen, spiegelt ihre Sozialstruktur unverkennbar wider.

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Datengrafiken: Was die Muster der Kölner Stadtteile verraten

  • Beispiel Dresden: In Dresden untersuchten die Autoren der Studie Daten aus 61 Stadtteilen. Die Wahlbeteiligung reicht hier von 55 Prozent in Prohlis-Süd im Süden der Stadt bis 83 Prozent in Loschwitz/Wachwitz im Osten. Auch bei der Arbeitslosigkeit bilden diese Stadtteile die Extreme: In Loschwitz/Wachwitz lag sie Ende 2011 bei knapp drei Prozent, in Prohlis-Süd dagegen bei mehr als 18 Prozent.

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Datengrafiken: Die Muster auf dem Stadtplan von Dresden
Bei Köln und Dresden konnten, wie bei insgesamt zwei von drei untersuchten Städten, auch die Stimmen der Briefwähler berücksichtigt werden - eine Besonderheit der Studie, denn die amtlichen Wahlergebnisse weisen für Stimmbezirke eigentlich zunächst nur die Ergebnisse der Urnenwähler aus. Auf Ebene der Stadtteile konnten die Autoren die Briefwähler in ihre Auswertung einbeziehen.

Egal ob Großstadt oder einsamer Landstrich in Ost- und Westdeutschland: Der statistische Zusammenhang zwischen Wahlbeteiligung und Lebensumständen offenbart sich bundesweit. Darauf deuten außer den Sozialindikatoren auch unterschiedlich ausgeprägte Wertvorstellungen hin, die in Umfragen ermittelt und in sogenannten Milieus zusammengefasst wurden.

Die Demokratie in Deutschland ist nach den Ergebnissen in eine Schieflage geraten. Die Wahlmüdigkeit wird zum doppelten Problem: Nicht nur gehen zu wenige Menschen wählen, auch wird das Spektrum der vertretenen sozialen Schichten kleiner. Es sieht so aus, als würde sich dieser Trend im kommenden Jahr kaum umkehren.

Als nächste große Abstimmung steht die Europawahl am 25. Mai an. 2009 lag die Wahlbeteiligung gerade einmal bei 43,3 Prozent. Die Gründe sind für Meinungsforscher einfach: Europa ist den Bürgern zu weit weg, die EU zu kompliziert.



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