Freiwillige Zuträger Denunzianten aus Ost und West halfen der Stasi

Die Stasi überwachte Ostdeutschland systematisch. Neue Studien belegen nach SPIEGEL-Informationen zudem: DDR-Bürger gaben oft freiwillig Informationen über Freunde, Bekannte, Nachbarn weiter - manch ein Tipp kam aber auch aus dem Westen.

Stasi-Akte: DDR-Bürger trugen auch anderen staatlichen Stellen Informationen zu
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Stasi-Akte: DDR-Bürger trugen auch anderen staatlichen Stellen Informationen zu


Bislang prägten die Inoffiziellen Mitarbeiter (IM) der Staatssicherheit das Bild des ostdeutschen Überwachungsstaats. Doch nun haben Historiker Dokumente ausgewertet, aus denen hervorgeht, dass DDR-Bürger oft freiwillig Belastendes über ihre Mitmenschen in fast allen Bereichen meldeten. Dies dokumentieren etwa Tonbandmitschnitte der Volkspolizei, über die der SPIEGEL in seiner aktuellen Ausgabe berichtet. (Lesen Sie hier die ganze Geschichte im neuen SPIEGEL.)

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Heft 28/2015
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Die Historikerin Hedwig Richter von der Greifswalder Universität spricht von einer "fulminanten Rapportmaschinerie", an der sich breite Teile der DDR-Bevölkerung beteiligt hätten, ohne direkt bei der Stasi mitzuarbeiten.

Ganz gleich, ob Rathaus, Stahlwerk oder LPG: "Jeder, der einen halbwegs verantwortungsvollen Posten hatte", sagt Richter, "verfasste Berichte für übergeordnete Stellen." Viele dieser oft denunziatorischen Berichte sind in den Archiven früherer ostdeutscher Parteien, Universitäten und Behörden erhalten geblieben.

Besonders häufig meldeten Bürger geplante Republikfluchten, aber auch Devisenschmuggel, auffälligen Alkoholkonsum und außereheliche Liebesbeziehungen. Manchmal mit drastischen Konsequenzen: So konnte es zur Exmatrikulation führen, wenn über einen Studenten wiederholt ein fehlender "klarer Klassenstandpunkt" gemeldet wurde.

Zahlreiche Auskunftswillige gab es auch unter den 2,1 Millionen DDR-"Hausbuchführern", die unter anderem Besucher in Wohnblocks schriftlich vermerken mussten, ebenso unter den 173.000 "Freiwilligen Helfern" der Volkspolizei. Ein besonders pikantes Detail: Auch Bewohner der Bundesrepublik riefen bei staatlichen Stellen der DDR an, um dort ostdeutsche Freunde oder Bekannte zu verraten.

Dieses Thema stammt aus dem neuen SPIEGEL - ab Samstagmorgen erhältlich.

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insgesamt 133 Beiträge
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Seite 1
hartmut2013 04.07.2015
1. Heute geht es immer noch freiwillig
Wenn jeder über sein Privatleben in Facebook freiwillig alle seine Daten preisgibt...
taglöhner 04.07.2015
2. Teutonische Untertanen
Und nun fragt man sich: Wo sind die denn heute alle und wie denken sie jetzt darüber? Ein Blick ins SPON-Forum zu bestimmten Themen und man merkt: Vieles beim Alten :).
WernerT 04.07.2015
3. Dazu passt, dass eine Spiegelquelle die Kontakte in die Regierung verraten hat
Beim Spiegel braucht die NSA nicht abhören, da die CIA nach eigenen Angaben am Redaktionstisch sitzt und brisante Informationen schon mal vorher weiter gereicht werden. Mal sehen, wann die Informationen veröffentlicht werden. Nebenbei Alkoholiker müssen immer gemeldet werden - um Ihnen zu helfen und Gefahren abzuwenden, fragen Sie einfach mal die Berufsgenossenschaft oder ist das zu viel Aufwand?
testthewest 04.07.2015
4. Man muss sich doch nur SPON anschauen...
...und man weiss wieviele linke Gesinnungstäter unter uns sind. Klar halfen die auch gerne einem "Vorzeigestaat" wie der DDR. Sie betrauern ja heute noch seinen Untergang (und den Verlust des Zwischenmenschlichen durch den bösen Kapitalismus!).
Sumerer 04.07.2015
5.
Diese Fälle wird es zweifellos gegeben haben. Nur so ganz dicht war dieses System auch nicht. Mein Vater hat noch vor dem Mauerbau Stasi-Leute an den RIAS gemeldet. Davon bekam die Stasi Wind. Bevor es zu seiner Verhaftung kam - er sollte zur Wismut AG in den Uranbergbau verbracht werden - gab man ihm den entscheidenden Tipp. Er flüchtete daraufhin umgehend in den Westen. Jahrzehnte später konnte ich mit ihm nicht in Ost-Berlin einreisen. Man wies uns, mit Hinweis auf diese Vorkommnisse, an der Grenze ab.
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