DDR-Experte Hubertus Knabe "Das Problem liegt bei der PDS"

In Berlin tobt ein Streit über das Gedenken an die Opfer der DDR-Diktatur. Im Interview mit SPIEGEL ONLINE spricht der wissenschaftliche Leiter der Stasi-Gedenkstätte in Hohenschönhausen, Hubertus Knabe, über die Rolle des PDS-Kultursenators Flierl und die Erwartungen der Opfer an die Kanzlerin.


SPIEGEL ONLINE: Herr Knabe, am Sonntag wird in Berlin gewählt. Der Regierende Bürgermeister von Berlin, Klaus Wowereit, findet die Hauptstadt "arm, aber sexy". Reich ist Berlin vor allem an deutsch-deutscher Geschichte. Wie ist der SPD/PDS-Senat mit diesem Kapital umgegangen?

Berlins Kultursenator Flierl (l.) und der Historiker Knabe: "Die Tradition des demokratischen Antikommunismus ist weitestgehend verschwunden"
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Berlins Kultursenator Flierl (l.) und der Historiker Knabe: "Die Tradition des demokratischen Antikommunismus ist weitestgehend verschwunden"

Hubertus Knabe: Sehr unterschiedlich. Der Regierende Bürgermeister hat sich in den letzten Jahren sehr darum bemüht, Kontakt zu den Opferverbänden der SED-Diktatur zu halten. Er war demonstrativ im früheren Stasi-Untersuchungsgefängnis in Hohenschönhausen, der SPD-Bildungssenator Klaus Böger hat zwei Lehrer an die Gedenkstätte abgeordnet. Das Problem liegt bei der PDS und ihrem Kultursenator Thomas Flierl, der qua Amt auch für die Gedenkstätten zuständig ist.

SPIEGEL ONLINE: Mit Frau Merkel ist eine Ostdeutsche jetzt Kanzlerin. Tut Sie genug für die DDR-Opfer?

Knabe: Die Opfer der kommunistischen Diktatur haben oft das Gefühl, von der Politik allein gelassen zu werden. Die Kanzlerin sollte den regelmäßigen Kontakt, den sie etwa zum Zentralrat der Juden pflegt, auch zu ihnen pflegen. Und die Verfolgten sollten endlich die lange versprochene Ehrenpension erhalten.

SPIEGEL ONLINE: Zurück nach Berlin. Führt die hiesige rot-rote Koalition dazu, dass die SPD ihre antikommunistischen Traditionen vergisst?

Knabe: Die Tradition des demokratischen Antikommunismus ist weitgehend verschwunden. Doch die SPD hat, wie ich kürzlich dem SPD-Generalsekretär Hubertus Heil gesagt habe, den größten Blutzoll bei der Errichtung der SED-Diktatur erbracht. Deshalb ist es für mich unverständlich, dass die Partei dieses demokratische Erbe so wenig pflegt. Nach den Auftritten der ehemaligen Stasi-Offiziere in Hohenschönhausen...

SPIEGEL ONLINE: ... bei denen sie lautstark die DDR-Diktatur relativierten...

Knabe: ... hat sich das Bewusstsein jedoch deutlich geschärft. Herr Heil ist eben deshalb gekommen und hat sich ausdrücklich als Antikommunist bezeichnet.

SPIEGEL ONLINE: Warum schafft die PDS zu Themen wie der Stasi, zur Zwangsvereinigung von KPD und SPD zur SED mehr Unklarheiten als Klarheiten, ebenso zum Bau der Mauer?

Knabe: Der PDS fehlt das Koordinatensystem, um diese Dinge richtig einzuordnen. Viele Mitglieder trauern immer noch der DDR nach. Und es fehlt ihnen an Mitgefühl mit den Opfern. Die Strategie der PDS ist es, so lange zu differenzieren, bis am Ende völlig unklar ist, wer Opfer und wer Täter war. So gibt es am Berliner Checkpoint Charlie jetzt statt der Holzkreuze für die Mauertoten eine Galeriewand, die über die Kuba-Krise und den Krieg in Afghanistan informiert.

SPIEGEL ONLINE: Der PDS-Kultursenator Flierl hat dort eine provisorische Ausstellung einrichten lassen. Warum sind Sie damit unzufrieden?

Knabe: Die Besucher erfahren nicht, was die Mauer wirklich war: ein Monstrum, an dem die Menschen wie Hasen abgeschossen wurden. Peter Fechtner, einer der ersten Mauertoten, verblutete im August 1962 nur wenige Meter entfernt. Doch das Bild, wie man seinen Körper abtransportiert, fehlt.

SPIEGEL ONLINE: Aber die Namen der Mauer-Toten sind aufgelistet.

Knabe: Aber sie haben weder ein Gesicht noch eine Geschichte vor dem Tod. Meist waren es ganz junge Menschen, die ihr Leben noch vor sich hatten und die es nicht, wie Willy Brandt sagte, in einem gigantischen Gefängnis verbringen wollten. Dies zu vermitteln, ist Aufgabe des Gedenkens - und nicht allgemeine historische Abhandlungen.

SPIEGEL ONLINE: Was halten Sie davon, ein Stück der Mauer als Replik wieder herzustellen?

Knabe: Berlin braucht einen Ort, an dem die Schrecken des Grenzregimes erfahrbar werden. Die Rekonstruktion eines kompletten Grenzabschnitts wäre dafür die beste Möglichkeit. Genauso brauchen wir eine zentrale Gedenkstätte in der Nähe des Brandenburger Tores, wie sie der Bundestag einstimmig beschlossen hat. Schließlich fehlt ein professionelles Museum, in dem man die Teilung der Stadt genauer nachvollziehen kann - zum Beispiel im Tränenpalast, dem früheren Grenzübergang am Bahnhof Friedrichsstraße. Das Gedenkkonzept des Berliner Senats verharmlost dagegen das Grenzregime, indem es sich im wesentlichen darauf beschränkt, die wenigen Mauerreste in der Stadt besser vorzuführen.

SPIEGEL ONLINE: Was haben Sie gegen das von Flierl vorgeschlagene Museum des Kalten Krieges?

Knabe: Der Begriff "Kalter Krieg" ist der Lieblingsbegriff ehemaliger Stasi-Leute. Er suggeriert, dass an den DDR-Verbrechen immer zwei Seiten beteiligt gewesen wären. Doch die Mauer wurde nicht vom Kalten Krieg errichtet, sondern von der SED. Erst nahm sie den Menschen ihre Freiheit und dann hinderte sie sie, sich ihrem Regime zu entziehen. In Wirklichkeit markiert die Mauer etwas anderes: den Unterschied zwischen Demokratie und Diktatur. Um diesen zu vermitteln, bräuchten wir ein Kommunismus-Museum wie das "Haus des Terrors" in Budapest.

SPIEGEL ONLINE: Zeitgeschichtliche Wirkung haben derzeit Spielfilme. Mit "Das Leben der anderen" widmete sich ein Streifen der Arbeit der Stasi. Sie haben die Drehgenehmigung in der Gedenkstätte Hohenschönhausen verweigert. Warum?

Knabe: Die Geschichte des Films handelt davon, wie ein Stasi-Offizier einen kritischen Schriftsteller überwacht und sich am Ende auf dessen Seite stellt. Das hat es - leider - nicht gegeben. Der Stasi-Vernehmer als Held: Das verletzt die Gefühle vieler Opfer und führt die Zuschauer in die Irre.

SPIEGEL ONLINE: Zugleich ist der Film aber eine kühle Darstellung der Verhörmethoden, zeigt den diktatorischen Charakter der DDR.

Knabe: In der Tat ist es der erste große Kinofilm, der die DDR nicht nur als Spaßveranstaltung schildert. Vor allem der Anfang ist sehr beeindruckend, das Ende indes schwer erträglich: Der Schriftsteller widmet seinen Roman "in Dankbarkeit" dem Stasi-Mann, der seine Freundin in den Tod getrieben hat. Ich hoffe aber, dass sich nun auch andere Regisseure dem Thema zuwenden. Wir brauchen das, weil das Wissen über die DDR rapide nachgelassen hat. Es gibt Jugendliche, die glauben, Erich Mielke sei ein Schriftsteller gewesen. Auch in den Schulen muss sich etwas ändern.

SPIEGEL ONLINE: Hängt das weitgehende Desinteresse an der DDR auch damit zusammen, dass sich Kultur eher links verortet?

Knabe: Man sollte hier nicht pauschalisieren. Aber viele Kulturakteure sind für die Untaten, die im Namen von Marx, Engels, Lenin, Mao und Stalin begangen wurden, merkwürdig unsensibel. Sie kennen Auschwitz, Majdanek oder Buchenwald. Aber die Hauptstandorte des Gulag wie Solowezki, Waigatsch oder Kolyma sind den meisten unbekannt - obwohl die Zahl der Toten dort noch höher war.

SPIEGEL ONLINE: Weil man befürchtet, die Verbrechen des Nationalsozialismus zu schmälern.

Knabe: Ja - obwohl es unlogisch ist. Gerade wenn wir uns bewusst machen, zu welchen Verbrechen unsere Vorfahren fähig waren, müssten wir uns doch umso entschiedener gegen Regime wenden, die später erneut versucht haben, Menschen einzusperren oder gar zu töten - zum Beispiel in der DDR.

SPIEGEL ONLINE: In der PDS gab es in den frühen 90ern Ansätze zu einer selbstkritischen Diskussion. Warum wird sie nicht mehr geführt?

Knabe: Die PDS will endlich den Makel der Vergangenheit abstreifen. Leider wird sie von vielen Politikern dabei bestärkt, die erklären, man sollte aufhören, die PDS mit der SED zu identifizieren. Doch rechtlich handelt es sich um ein und dieselbe Partei. Und ihre Spitzenfunktionäre halten die DDR bis heute für den berechtigten Versuch, eine bessere Gesellschaft aufzubauen.

SPIEGEL ONLINE: Die Wahlprognosen sagen voraus, dass es in Berlin am Sonntag für Rot-Rot reicht. Deprimiert Sie das?

Knabe: Noch haben die Wähler nicht entschieden. Die Menschen neigen aber oft dazu, das Schlechte zu vergessen. Privat ist das durchaus nützlich, politisch aber sehr gefährlich. Wer immer am Ende regiert: Schon aus Rücksicht auf die Opfer sollte man nicht erneut ausgerechnet die ehemalige Diktaturpartei mit dem Gedenken an die SED-Herrschaft beauftragen.

Das Interview führten Claus Christian Malzahn und Severin Weiland



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