DDR-Geschichte Hochschule zieht Mauer-Ballerspiel zurück

Das Computerspiel eines Studenten über den DDR-Todesstreifen wird nun doch nicht am Tag der Einheit veröffentlicht. Mit dem Rückzug reagierte die Karlsruher Hochschule auf einen Proteststurm von Opferverbänden und Politik. Sie will das Spiel später herausbringen.

elorx.com

Von Anna Fischhaber und


Berlin - Das umstrittene Computerspiel zur deutsch-deutschen Grenze wird vorerst nicht veröffentlicht. Die Karlsruher Hochschule für Gestaltung, die es am Sonntag zum Download anbieten wollte, hat die Präsentation abgesagt. Das Spiel wird auch nicht online gehen.

Die Hochschule reagiert damit auf eine Welle der Empörung, die das Spiel "1378 (km)" seit Dienstag ausgelöst hatte. Politiker und Opferverbände hatten es als geschmacklos verdammt. Das Ego-Shooter-Spiel handelt vom DDR-Grenzstreifen. Soldaten können darin "Republikflüchtlinge" erschießen.

Sein Telefon habe zwei Tage ununterbrochen geklingelt, sagt Klaus Heid, der Pressesprecher der Hochschule. Es kamen Dutzende Mails, Opfer der SED-Diktatur schrieben in einem Brief an den Hochschulrektor, den Philosophen Peter Sloterdijk, von "einem menschenverachtenden Spiel". Am Telefon hätten sich wiederum viele beklagt, "dass die DDR doch nicht so schlecht war", sagte Heid zu SPIEGEL ONLINE.

Die Hochschule will mit dem Rückzug auch den Entwickler des Spiels schützen, den Studenten Jens Stober. Der 23-Jährige, der mit dem Online-Game Jugendliche zur Auseinandersetzung mit der Geschichte bewegen wollte, sei völlig überrascht und erschöpft vom Proteststurm, sagte Heid. Auch einen kurzen Trailer zum Spiel hat die Hochschule nun mit Passwort gesichert.

Gleichzeitig verteidigte Pressesprecher Heid das Spiel: Zwar bedauere man die Irritationen der Opfer. "Doch das Ziel des Spiels ist ganz klar: Jugendliche in deren Leitmedium anzusprechen und historisches Wissen zu vermitteln." Für Hochschulrektor Sloterdijk vertritt das Spiel "einen hohen moralischen und künstlerischen Anspruch".

Die Hochschule will "1378 (km)" zu einem späteren Zeitpunkt veröffentlichen. Geplant ist, es Anfang Dezember zu präsentieren und dazu Experten einzuladen. Ob dazu auch Opfer der DDR-Grenze und Kritiker gehören, wollte Pressesprecher Heid nicht sagen.

Durch die Verschiebung hofft man in Karlsruhe, dass sich die Diskussion versachliche und an der Hochschule wieder Ruhe einkehre. "Wenn man jetzt wieder darüber spricht, was an der deutsch-deutschen Grenze passiert ist", sagt Heid, "dann hat das Spiel zumindest eine Funktion erfüllt."



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