Von Anna Fischhaber und Fabian Reinbold
Berlin - Für Rainer Wagner ist es ein "Schlag ins Gesicht". Er hatte sich auf Sonntag gefreut, wollte das Jubiläum der Einheit feiern. Jetzt ist der 59-Jährige entsetzt. Wagner war 15, als er den ersten Fluchtversuch aus der DDR unternahm. Grenzbeamte nahmen ihn im Sperrgebiet bei Eisenach fest. "Jetzt werde ich wieder abgeschossen, emotional", sagt Wagner. Ihm ist die Lust aufs Feiern vergangen.
Was Wagner derart umtreibt, ist ein Computerspiel. Es ist das Werk eines Karlsruher Studenten. Jens Stober, 23 Jahre alt, hat das Spiel "1378 (km)" entworfen. Ein Ballerspiel aus der Ich-Perspektive, ein sogenannter Ego-Shooter, das zur Auseinandersetzung mit der jüngeren deutschen Geschichte anregen will. Es spielt am Todesstreifen der Mauer - und beinhaltet auch Schüsse auf "Republikflüchtlinge". Seine Hochschule will es als kostenlosen Download am Sonntag veröffentlichen, am Jahrestag der deutschen Einheit.
Jetzt bricht eine Welle der Empörung über den Studenten herein. SPD-Politiker Markus Meckel, ehemals Mitglied der DDR-Opposition, findet die Idee "makaber und skandalös". Der CSU-Bundestagsabgeordnete Norbert Geis kritisiert, dass die Dramatik der Todeszone in dem Spiel verniedlicht werde. "Im Grunde ist und bleibt es ein Killerspiel", so Geis. "Geschmacklos und dumm" sei das Spiel, sagt Linken-Vorsitzenden Gesine Lötzsch.
Auch Historiker sind entsetzt: "Es ist im Grunde ein Abknallen - so wie wenn man auf Hasen schießt", sagt Axel Klausmeier, Direktor der Stiftung Berliner Mauer. Nun droht Stober sogar Post vom Staatsanwalt. Hubertus Knabe, Leiter der Stasi-Gedenkstätte Hohenschönhausen, hat Anzeige erstattet. Die Staatsanwaltschaft Berlin soll prüfen, ob das Spiel des Studenten Gewalt verherrlicht oder verharmlost.
"Hochschulen sind nicht der geeignete Ort, um Killerspiele zu entwickeln"
Für Stobers Universität hat das Spiel schon jetzt Auswirkungen. Baden-Württembergs Wissenschaftsminister Peter Frankenberg (CDU) hat die Staatliche Hochschule für Gestaltung in Karlsruhe um eine Stellungnahme gebeten. "Hochschulen sind nicht der geeignete Ort, um Killerspiele zu entwickeln. Es ist nicht akzeptabel, wenn dem Leid der Maueropfer nicht Rechnung getragen wird."
Nur: Noch hat weder Frankenberg noch jemand anderes außerhalb der Hochschule das Spiel gesehen. Auf der Website und im Internet gibt es nur einen kurzen Trailer. Dort gleitet man zu den Klängen der DDR-Nationalhymne über den Todesstreifen, am Ende der 110 Sekunden streckt eine Selbstschussanlage einen Flüchtling nieder.
Geschmacklos, sagen Opferverbände.
Vorbildhaft, heißt es an der Hochschule.
Dort versteht man die ganze Aufregung nicht - und hält weiter zu dem Studenten. "Das Spiel verharmlost das Unrecht in keiner Weise", sagt ein Sprecher. Für Professor Michael Bielicky, der Stober seit zwei Jahren betreut, "ist alles ein großes Missverständnis". Es sei seinem Studenten nie darum gegangen, die Toten zu beleidigen, sondern um eine raffinierte Form der Aufklärung mit moralischer Dimension. Gefährlich sei es, wenn sich Jugendliche überhaupt nicht mehr mit Geschichte befassten. "Computerspiele sind das ideale Medium, um die junge Generation zu erreichen", sagt Bielicky.
Bei "1378 (km)" soll das so funktionieren: Bis zu 16 Spieler treten online gegeneinander an. Sie müssen sich entscheiden, ob sie Grenzsoldat oder Flüchtling sein wollen. Während es für den Flüchtling vor allem darum geht, die Grenze zu überwinden, sind die Möglichkeiten eines Grenzers vielfältiger. Er kann den Flüchtling laufen lassen, ihn verhaften - oder eben töten.
Entscheidet sich der Grenzsoldat für den Schuss, wird er zwar vom DDR-Regime mit einem Orden ausgezeichnet, gleich darauf jedoch ins Jahr 2000 katapultiert. Dort wird ihm ein Mauerschützenprozess gemacht. Der Spieler wird zwischen 30 und 60 Sekunden aus dem Spiel genommen - und hat Zeit zum Nachdenken. Durch ein Punktesystem werden politische und soziale Aspekte berücksichtigt. Werden zu viele Flüchtlinge erschossen, gibt es Punktabzug. "In dem Spiel kann man sein Verhalten selbst hinterfragen", sagt Spielentwickler Stober. "Man kann zu dem Schluss kommen: Ich schieße nicht auf meine Landsleute."
Kein "wildes Drauflosballern"
Es ist diese Ebene, die dem Spiel mit dem Schießbefehl auch Lob einbringt. Es gehe nicht um ein "wildes Drauflosballern", sagt Tabea Rößner, medienpolitische Sprecherin der Grünen im Bundestag. Sie setzt auf eine neue Art des Lernens bei Jugendlichen, und dafür müsse ein Computerspiel auch "einen gewissen Unterhaltungswert haben".
Jimmy Schulz von der FDP findet die Idee "mutig und interessant". Der Bundestagsabgeordnete spielt selbst gern Shooter-Spiele und ist sich sicher, dass sie Wissen vermitteln können. "1378 (km)" könne dazu beitragen, dass sich Jugendliche wieder mit Geschichte beschäftigen.
Für Gedenkstätten-Leiter Hubertus Knabe zählen diese Argumente nicht. "Natürlich kann man Jugendlichen über Computerspiele Geschichte vermitteln", sagt Knabe. "Aber doch nicht, indem man sie auf Flüchtlinge schießen lässt."
mit Material von dpa
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