De Maizières Spielabsage Was wir nicht wissen wollen

Innenminister de Maizière mochte nicht verraten, warum das Länderspiel in Hannover abgesagt wurde - auch, um die Bevölkerung nicht zu verunsichern. Nicht gerade beruhigend. Aber wahrscheinlich vernünftig.

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Na, heute auch schon gelacht über Thomas de Maizière? Ist ja auch wahr: Der Bundesinnenminister hat mit seiner Nicht-Erklärung der Absage des Länderspiels in Hannover einen wunderbaren Anlass geboten, sich endlich mal wieder lustig machen zu können. De Maizière stellte sich auf einer Pressekonferenz kurzerhand selbst die erwartbaren Fragen nach dem genauen Grund der Absage - und dann sagte er, warum er sie nicht beantworten könne: "Ein Teil der Antworten würde die Bevölkerung verunsichern."

Ja, das ist schon lustig: Kaum eine Antwort könnte mehr verunsichern als diese. Der Innenminister behandelt die Öffentlichkeit wie Eltern ihre Kinder, die wissen wollen, worüber die sich gerade gestritten haben: Das musst Du nicht wissen. Der Effekt ist aber keine Beruhigung, sondern noch bangere Sorge. Die Phantasie macht sich selbständig. Ganz bestimmt lassen sich Mama und Papa bald scheiden.

Thomas de Maizière ist kein großer Kommunikator. Was er sagt, wirkt oft, als lese er direkt aus einer Verwaltungsvorschrift vor. Und vor allem vor dem Hintergrund der Tatsache, dass gerade in einer Ausnahmesituation wie dieser jedes Wort eines verantwortlichen Politikers sehr genau gehört und analysiert wird, kann man seine Formulierung für verunglückt halten: Ist es wirklich nötig, die Bevölkerung zu verunsichern, indem man ihr Informationen vorenthält - und darauf auch noch explizit hinzuweisen? Hätte er sich nicht darauf beschränken können, darauf zu verweisen, dass jedes öffentlich preisgegebene Detail die Abwehr des Terrors erschwere? Er hat das gesagt. Nur eben auch den verunsichernden Satz mit der Verunsicherung.

Niedersachsens Innenminister Pistorius, Bundesinnenminister de Maizière, DFB-Delegationsleiter Rauball (v.l.): Die Decke über den Kopf ziehen
DPA

Niedersachsens Innenminister Pistorius, Bundesinnenminister de Maizière, DFB-Delegationsleiter Rauball (v.l.): Die Decke über den Kopf ziehen

Aber vielleicht ist dieser Satz auch schlicht ehrlich: Was er weiß, würde Reaktionen in der Gesellschaft auslösen, die sich die Gesellschaft nicht wünschen kann. Vielleicht ist er deshalb auch vernünftig. Wie hilfreich wäre es, wenn wir zum Beispiel wüssten, dass es Hinweise gab, eine Bombe sei in einem Krankenwagen platziert worden, wie gemeldet wurde? Welchen Nutzen hätten wir von dieser Information? Sollen wir künftig Krankenwagen meiden? U-Bahnen? Bäckereien?

Die Phantasie erlaubt es, sich viele Szenarien auszudenken, viele Methoden von Terroristen, wie sie demnächst morden könnten. Man kann ganze Nächte wachliegen und sich ausmalen, in welcher Situation man demnächst zum Opfer eines Anschlags werden könnte. Und am nächsten Morgen fühlt man sich so elend, dass man am liebsten die Decke über den Kopf ziehen und liegen bleiben würde. Das hilft niemandem.

De Maizière hat um einen Vertrauensvorschuss gebeten, und wahrscheinlich bleibt uns nichts übrig, als ihm und den Sicherheitsbehörden den auch zu gewähren. Etwas anderes können wir nicht tun, wollen wir uns nicht verrückt machen lassen vom Terror. Wir müssen darauf vertrauen, dass Behörden und Politiker im Rahmen der gesetzlichen Möglichkeiten richtig entscheiden, also eine ständige und gute Abwägung treffen zwischen Sicherheit und Freiheit. Über die Gesetze, die Grundlagen dieser Entscheidungen, sollten wir sinnvollerweise alles wissen - und uns über ihre Sinnhaftigkeit streiten.

Aber die Details des nächsten kranken Terrorplots können wir denen überlassen, die sich beruflich damit beschäftigen, ihn zu verhindern. Vielleicht ist es besser, nicht alles zu wissen, was geschehen könnte, was geplant sein könnte, was droht - weil sonst der Alltag unmöglich würde. Und wenn es doch passiert, trotz aller Vorkehrungen der Behörden, werden wir davon erfahren, zwangsläufig. Oder, viel lieber, nachdem ein Anschlag vereitelt wurde. Mir persönlich wäre das früh genug.

Zum Autor
Jeannette Corbeau
Stefan Kuzmany leitet den Bereich Meinung und Debatte bei SPIEGEL ONLINE.

E-Mail: Stefan_Kuzmany@spiegel.de

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"Im Zweifel hat der Schutz der Menschen Vorrang", resümierte Innenminister de Maizière. Womit er eines der Schlüsselwörter dieser unsicheren Tage nannte. Denn der Zweifel bleibt. Zum Beispiel der Zweifel, wie in Zeiten der Terrorgefahr mit solchen Großveranstaltungen umgegangen werden soll.

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insgesamt 206 Beiträge
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Seite 1
Big_Lebowski 18.11.2015
1. Ach, Herr Kuzmany
Das war einfach mal 'ne große Show von de Maizière. Es wird nichts gefunden, es war auch nichts da, aber so'n spröder Innenminister will auch mal 'n bisschen Action für's Volk machen. Verstehe jedoch nicht, warum das "lustig" sein soll...ich würde es eher als "durchsichtig" formulieren!
Olaf 18.11.2015
2.
Wenn Politik und Medien die Bevölkerung für dumm und gefährlich halten, sollten sie es am besten einfach sagen und nicht herumschwurbeln. Diese Begeisterung für Zensur und Nachrichtenkontrolle bei allem was irgendwie mit Islam zu tun hat, wird mir langsam unheimlich.
windpillow 18.11.2015
3. Das neue Denken der Politiker
Ihr kleines dummes Volk, ihr müß ja nicht alles wissen. Wie sagt man: "Was ich nicht weiß, macht mich nicht heiß." So soll es bleiben. Wo kämen wir denn da hin. Ruhe ist die erste Bürgerpflicht -das war schon immer so.
blödföhn 18.11.2015
4. Vertrauen muss man sich doch verdienen,
bei unserem Innenminister ist die einzig vertrauenbildende Maßnahme der Rücktritt.
eku 18.11.2015
5. Der deutsche Michel...es gibt ihn noch!
Was für ein wundervoller Artikel! Wie darf ich die Feststellung verstehen, dass es Informationen gibt, von denen die Gesellschaft zu Reaktionen verleitet wird die sich die Gesellschaft nicht wünscht? Ist die Gesellschaft also schizophren? Oder Unmündig? Wir brauchen demnach wieder eine Monarchie!! Eine* weise* und gerechte* HerrscherIn (oder besser Frauscher) die einfach das richtige macht, ohne sich um so etwas lachhaftes wie den Wählerwillen sorgen zu müssen. Man stelle sich vor; Demokratie!! Am Ende wählt die Gesellschaft noch eine Regierung, die die Gesellschaft nicht will...
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