Debatte über Bildungs-Card Experiment mit Flopgarantie

Schulklasse beim Französischunterricht: Bildung funktioniert besser als Bildungschips
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Schulklasse beim Französischunterricht: Bildung funktioniert besser als Bildungschips


Eine Bildungscard für Kinder von Hartz-IV-Empfängern - das ist die Idee der Bundesarbeitsministerin. SPIEGEL-ONLINE-Redakteurin Lisa Erdmann plädierte dafür, wenn alle Kinder sie bekommen. Ihr SPIEGEL-Kollege Guido Kleinhubbert ist ganz anderer Meinung: Eine Entgegnung.


"Es geht um die Lebenschancen bedürftiger Kinder. Angesichts des Geburtenrückgangs und Fachkräftemangels müssen wir schon aus Eigeninteresse dafür sorgen, möglichst alle Talente und Fähigkeiten umfassend zu fördern - unabhängig von der Bevölkerungsschicht. Den Teufelskreis, dass Armut über einen Mangel an Bildung weitervererbt wird, gilt es zu durchbrechen."

Es waren gewichtige Worte, die Bundesarbeitsministerin Ursula von der Leyen (CDU) da in der vergangenen Woche in einem Interview mit dem SPIEGEL sprach. Es sind Worte, die nach Aufbruch klingen, nach Kraftakt, danach, dass jetzt endlich mal einer etwas gegen den beschämenden Umstand tun will, dass in Deutschland jedes Jahr Zehntausende Kinder die Schulen ohne Abschluss verlassen, ein großer Teil davon Kinder aus Hartz-IV-Familien. Diese Kinder scheitern oft an einfachsten Rechenaufgaben, können kaum schreiben oder lesen, etliche sprechen schlecht Deutsch, weil sie zu Hause nur Türkisch oder Arabisch hören.

Wenn nichts getan wird, werden viele dieser Kinder keinen Ausbildungsplatz finden und genau dort landen, wo schon ihre Eltern sind: in der Langzeitarbeitslosigkeit, irgendwo in einem deutschen Problemviertel, vor einem Fernseher, der von morgens bis abends läuft.

Dass sich von der Leyen nun verbal so ins Zeug legt für diese Kinder und damit für die Zukunft Deutschlands, ist die Folge des vieldiskutierten Hartz-IV-Urteils des Bundesverfassungsgerichts. Die Richter beauftragten die Bundesregierung im Februar, die Hartz-IV-Sätze für Kinder neu und nachvollziehbar zu berechnen und außerdem sicherzustellen, dass sich ihre Bildungschancen verbessern. Was die Sache mit der Bildung angeht, will von der Leyen diesen Worten nun Taten folgen lassen; sie will den Hartz-IV-Kindern eine elektronische Bildungscard zustecken, die es seit Jahren zum Beispiel schon in Stuttgart gibt. Das Plastikding wird mit ein paar Euro aufgeladen und kann an eigens installierten Terminals von Bildungs- und Freizeiteinrichtungen benutzt werden.

Technische Probleme garantiert

Die Chancen stehen gut, dass das Ding floppen wird; dass es keinen "Teufelskreis" durchbricht, sondern eher technische Probleme produziert.

Erfahrungen aus Stuttgart zeigen, dass die Kinder ihre Chipkarten in erster Linie dazu nutzen, um in den Zoo oder ins Spaßbad zu gehen. Ein Umstand, von denen auch viele andere Kommunen berichten, die Kindern aus bedürftigen Familien seit Jahren ähnliche Angebote machen. Verbilligte oder kostenlose Kurse der Volkshochschulen, der Musikschulen oder anderer Bildungsträger, die helfen könnten, schulische Leistungen zu verbessern, fallen bei den meisten Kindern und ihren Eltern durch.

Natürlich ist auch jede Initiative gut, die dazu beiträgt, dass sich Hartz-IV-Kinder mehr bewegen oder die Tierwelt kennenlernen. Statistisch gesehen verbringen sie nämlich mehr Zeit vor dem Fernseher oder der Playstation als der Nachwuchs der Mittelschicht. Aber müssen, um dem entgegenzuwirken, gleich Zehntausende Chipkarten-Terminals für Millionen Euros aufgestellt werden, an jeder Provinzbücherei, jedem Freibad, jeder VHS, jedem Wildpark? Allein in Stuttgart wurden etwa 250 Geräte installiert.

Die Einrichtung einer bundesweiten Chipkarten-Infrastruktur ist so auch ein technisches Wagnis, das Erinnerungen an das anfängliche Desaster um die Lkw-Maut wachruft. Es besteht das Risiko, dass Millionen Euro in ein fehleranfälliges System investiert werden, das in erster Linie den Herstellern der Terminals hilft, aber auf die Bildungschancen der Kinder kaum Auswirkungen hat.

Das Geld ist in Kitas und Schulen besser investiert

Wer den Teufelskreis durchbrechen will, "dass Armut über einen Mangel an Bildung weitervererbt wird", der sollte aber keine Risiken eingehen, der sollte auf Nummer sicher gehen, der sollte das Geld besser direkt in die Schulen und Kindergärten leiten. Er sollte helfen, dass mehr Lehrer eingestellt werden können, mehr Sozialpädagogen, mehr Schulpsychologen. Er sollte dafür sorgen, dass die Schulen auch am Nachmittag hochwertige Förder- und Sportangebote machen können. Er sollte sich viel stärker als bisher der Kinder aus bildungsfernen Migrantenfamilien annehmen. Er müsste den Missstand beheben, dass sich in den Kindergärten manchmal eine einzige Erzieherin um mehr als 20 Mädchen und Jungen kümmert, von denen die Hälfte kaum Deutsch spricht.

Einer, der das Hartz-IV-Urteil des Bundesverfassungsgerichts ernst nimmt, müsste einfach all die Rufe aus den deutschen Bildungseinrichtungen hören, all die Forderungen der Bildungsexperten, all die Erfahrungen aus anderen Ländern zur Kenntnis nehmen, die es besser schaffen, Kinder aus der Unterschicht den sozialen Aufstieg zu ermöglichen.

Wer Deutschlands armen Kindern wirklich helfen will, der kann es sich nicht leisten, Geld in Experimente mit irgendwelchen Chipkarten zu investieren.

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andywest 20.08.2010
1. Hartz-IV ist wie ein kaputtes Auto...
...mit einem defekten Motor und abgefahrenen Reifen. Der Motor bei Hartz-IV sind die Eltern, die mangels fachlicher Kenntniss keine Arbeit finden. Die abgefahrenen Räder sind die eigenen Kinder, deren Bildungsprofil geschärft werden muss. Will man das Auto im Ganzen, als die Familie, wie komplett "fit" bekommen, sollte man nicht mit den Reifen anfangen, sondern erstmal den Motorschaden reparieren. Um am kulturellen Leben teilzuhaben, ist eine Chipcard sehr nützlich, wie es Stuttgart beweist. Um den Bildungsanschluss zu bekommen taugt sie rein gar nichts. Im Zoo, oder im Musikunterricht wird nicht die Bildung vermittelt, damit nach Schulabgang fähige Auszubildende heraus kommen. Für Nachhilfe sind 200 Euro viel zu wenig. Und müssen sich Eltern, wie auch Kinder, entscheiden, ob sie entweder am kulturellen Leben teilhaben, oder Bildungsnachhilfe nehmen, fallen sie wenigstens auf einer Seite runter. Entweder sie nehmen am kulturellen Leben nicht teil, da Bildungsnachhilfe wichtiger ist. Oder ihnen entgeht Bildung, da die kulturelle Teilhabe auch ein wichtiger Bestandteil des alltäglichen Lebens ist. So oder so bleiben Kinder, wie auch Eltern, die Verlierer einer solchen Chipcard. Da kann man gleich Kinogutscheine oder Eintrittskarten für Museen verteilen.
Newspeak, 20.08.2010
2. ...
Ich frage mich immer, wie frühere Generationen es geschafft haben, aus der überwiegenden Mehrheit eines Jahrgangs gut ausgebildete Menschen zu machen, die am gesellschaftlichen Leben teilhaben konnten? Ich teile unbedingt die Meinung des Kommentators, daß man das mit den Chipkarten einfach lassen sollte, um das Geld direkt in die Bildungseinrichtungen zu investieren. Nur leider ist das weniger "cool". Außerdem stellt die Chipkarte ein ideales Mittel zur staatlichen Bevormundung dar (etwas, was immer mehr in Mode kommt), evtl. kann man auch noch die durch die mißratene Föderalismus"reform" verschobenen Zuständigkeiten zwischen Bund und Ländern umgehen, denn Bildungsausgaben sind auf jeden Fall den Ländern vorbehalten, wohingegen Chipkarten möglicherweise Bundessache sind (das sollte man evtl. mal journalistisch prüfen)?
silenced 20.08.2010
3. <->
Wie wäre es mit mehr Lehrern und kleineren Klassen? Es wird ihnen jeder bestätigen können, der das Glück hatte mit unter 15 Schülern in einer Klasse zu sitzen, daß die Leistungen selbst der vorher dämlichsten plötzlich in ungeahnte Höhen stiegen. Im familiären Umfeld oft genug erlebt die letzten Jahre, da fallen selbst in den 12. Klassen an Gymnasien fast 30% der Unterrichtsstunden in Prüfungsfächern aus weil der einzige Lehrer der dafür zuständig ist krank wurde und Vertretung gibt es nicht weil anderweitig alles verplant. Sozusagen Maximalbetrieb mit absoluter Minimalbesetzung. Aber man doktort wie immer lieber an den Symptomen herum als an den "Ursulachen von dem Leyden"(™). ---Zitat von www.spiegel.de--- Natürlich ist auch jede Initiative gut, die dazu beiträgt, dass sich Hartz-IV-Kinder mehr bewegen oder die Tierwelt kennenlernen. ---Zitatende--- Bei uns gab es damals zwei Unterrichtsfächer die ich heute absolut vermisse: Heimatkunde (incl. innerstädtischer Ausflüge), zum Kennenlernen der heimatlichen Region, und das Fach Schulgarten. Da lernte man so manches über die Natur, und das in den Klassen 1 - 4. ---Zitat von www.spiegel.de--- Er sollte dafür sorgen, dass die Schulen auch am Nachmittag hochwertige Förder- und Sportangebote machen können. ---Zitatende--- Lustig, das war das allererste, was 1990 im Osten der Republik abgeschafft wurde. Der Schulsport/Fussballplatz wurde eingezäunt + abgesperrt und die Sport/Leichtathletik AG nachmittags wurde abgeschafft, das ging Ruckzuck, so schnell konnte man gar nicht schauen. Da standen wir dann dumm da, mit dem Ball in der Hand ohne Platz zum bolzen. Dann wurde eben Unfug gemacht, da Scheiben kaputt, dort Spiegel verdreht von Autos, und anderswo auf Wäscheplätzen Fussball gespielt, immer schön den dreckigen Ball in die frisch gewaschene Wäsche. Man wollte es ja nicht anders.
URicken, 20.08.2010
4.
Das es Schwierigkeiten geben wird, liegt auf der Hand. Jedoch sehe ich persönlich die sich aus diesem Modell ergebenen Chancen weit aus höher. Vor allen Dingen kommt das Geld bei denen and, die tatsächlich "Vorteile" genießen können. So ist das Geld wenigstens zu kleinen Teilen in Bildung und Bewegung für die Kinder als in Alkohol, Kippen und Sky-TV angelegt. Das Geld ist zumindest "zweckgebunden", da es nur an den Terminals gegen "Ware" getauscht werden kann. Eine sehr gute Idee! Auch die sicherlich auf meinen Post folgenden Kommentare der ewig gestrigen Gutmenscen ändern nichts daran, dass Trash-TV, "Drogen""konsum eher in den "fernen" Bildungsschichten ein Problem ist als im bürgerlichen Lager! Also weiter so - der Wille zählt. Und den sehe ich bei der Super-Nanny der Politik weitaus eher als bei der Trash-TV Mom!
HolgerHoggemann 20.08.2010
5. Endlich
Endlich wird mal die Sachlage klar identifiziert und angesprochen. Anstatt wieder ein Stück mehr Bürukratisierungswahn zu erstellen, bei dem es auch wieder die altbekannten Verlierer (Familien, die ca. 2 Euro mehr verdienen, als sie dürften, um von dem System zu partizipieren) geben wird, einfach mal das System so ausrichten, dass es allen Kindern (auch denen der "Reichen") nutzt. Und dann die Menschen einfach mal machen lassen. Wenn die Kinder Spass im Zoo oder Freibad haben, dann gehört das zu einer guten Kindheit. Diese ständige Bildungsgängelung kann einem ja nur das Lernen vergrätzen. Interesse wird durch Vielfalt geweckt und Vielfalt gibt es überall, auch im Zoo und Freibad, zu entdecken.
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