Debatte über Macht der US-Bonitätswächter Der Rating-Reflex

Immer wenn ein US-Rating-Riese Euro-Staaten schlechte Noten gibt, ist die Empörung groß. Auch jetzt ruft die Politik nach mehr Wettbewerb und Transparenz. Diesmal scheint Bewegung in die Sache zu kommen: Deutschland drängt darauf, die Macht der großen Bonitätswächter zu brechen.

Kanzlerin Merkel, Finanzminister Schäuble: "Dringender Handlungsbedarf"
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Kanzlerin Merkel, Finanzminister Schäuble: "Dringender Handlungsbedarf"

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Berlin/Hamburg - Es ist schon so eine Sache mit diesen drei ominösen As. Hat ein Land sie, dann brüstet sich dessen Regierung gerne damit, gerade in diesen Zeiten. Seht her, heißt es dann, wie gut wir wirtschaften, dank unserer Politik können die Anleger uns vertrauen. Wir sind Triple A!

Senkt aber eine der großen Rating-Agenturen den Daumen und verweigert das dritte A, dann wird schnell verbreitet: Alles nicht so schlimm, alles nicht so wichtig, die Bewertungen seien doch gar nicht ernst zu nehmen. Dazu mokiert man sich empört über das angebliche Fehlurteil der Bonitätswächter, die sowieso viel zu viel zu sagen hätten.

Der typische Rating-Reflex funktioniert auch jetzt wieder. Seit Standard & Poor's Frankreich die Triple-A-Bestnote entzogen hat, machen die Politiker in der Euro-Zone ihrem Ärger Luft. Und der Ärger wird auch durch die Herabstufung des Euro-Rettungsschirms EFSF - erneut durch Standard & Poor's - sicherlich noch größer.

Die EU-Kommission wirft S&P eine "ernsthafte Fehlwahrnehmung" vor, die zudem noch zu einem seltsamen Zeitpunkt komme. Frankreichs Präsident Nicolas Sarkozy betonte, die Rating-Agenturen dürften nicht die Politik bestimmen. Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble zweifelte, dass S&P "wirklich begriffen hat, was wir in Europa schon auf den Weg gebracht haben". Dazu kamen die üblichen Mahnungen zur Gelassenheit. "Wir sollten uns nicht zu sehr verrücktmachen lassen", erklärte Schäuble. Und Sarkozy versprach zähneknirschend, er werde "nicht überreagieren".

Schäuble sieht dringenden Handlungsbedarf

Reagieren aber wollen die Europäer. Schäuble diagnostizierte am Montag "dringenden Handlungsbedarf", um den Einfluss der drei großen US-amerikanischen Rating-Agenturen S&P, Moody's und Fitch zu begrenzen. Der CDU-Politiker ist sich sicher, dass die Herabstufung der Kreditwürdigkeit Frankreichs und mehrerer anderer Euro-Staaten die auf EU-Ebene geplanten Regelungen beschleunigen werde.

Entsprechende Pläne dafür gibt es schon länger - etwa für eine unabhängige, große Europäische Rating-Agentur, die ein Gegengewicht zu den US-Riesen bilden soll. Die EU-Kommission will den Aufbau einer solchen Agentur allerdings nicht selbst vorantreiben, um deren Glaubwürdigkeit nicht von vornherein zu untergraben.

Dass bereits existierende europäische Ratingagenturen die Dominanz der drei Großen kurzfristig brechen können, ist dagegen kaum zu erwarten. Die Vorstände von Creditreform und Feri EuroRating sagten der Nachrichtenagentur dapd, die nötige Größe aufzubauen und Weltruf zu erreichen, brauche Zeit. Und nicht nur das: Es bräuchte auch neue Regelungen.

Denn die sehen für die Ausgabe von Anleihen häufig vor, dass nur Moody's, S&P oder Fitch sie bewerten dürfen. Versicherungen oder andere Vermögensverwalter müssen sich an den Ratings der US-Platzhirsche orientieren und können in der Regel nur Anleihen oberhalb einer bestimmten Bonitätsstufe in ihr Portfolio legen. Tatsächlich beruht die Macht der drei großen Rating-Agenturen ganz wesentlich auf der Bedeutung, die ihnen durch solche nationale Regeln zugeschrieben wird. Die Bundesregierung will diese Regeln nun lockern, dafür hat auch Bundeskanzlerin Angela Merkel am Wochenende bereits Sympathien erkennen lassen.

Macht der Rating-Agenturen auch politisch gewollt

In Deutschland geht es dabei vor allem um die "Verordnung über die Anlage des gebundenen Vermögens von Versicherungsunternehmen". Sie schreibt vor allem den Kapitallebensversicherungen vor, wie sie das Geld der Versicherten anzulegen haben. In der Richtlinie ist als Maßstab festgeschrieben, dass die Versicherer jederzeit zahlungsfähig sein müssen. Die Anlagen dürfen also keinen allzu großen Wertschwankungen unterliegen, Solidität soll vor Rendite gehen.

Noch eine Ebene darunter, in einem Rundschreiben der Bundesagentur für Finanzdienstleistungsaufsicht (BaFin), wird festgelegt, wann diese Bedingung als erfüllt gilt: Wenn nämlich die Unternehmen ihre Kundengelder in Anleihen stecken, die mindestens "Investment Grade" besitzen. Darunter werden Schuldverschreibungen verstanden, die über ein Mindestrating von "BBB" bei S&P oder ein gleichwertiges Rating bei einer anderen anerkannten Agentur verfügen.

Unterhalb des "Investment Grade" beginnt das Schattenreich der Junk Bonds. Nicht nur Lebensversicherer, sondern auch Pensionsfonds und viele konservativere Investmentfonds haben sich verpflichtet, von Junk Bonds weitgehend die Finger zu lassen. Durch die jüngsten Herabstufungen sind Zypern und Portugal (BB) in diese Gruppe abgefallen.

Bereits heute können die Versicherungsunternehmen aber auch eine eigene Bewertung ihres Vermögensbestands vornehmem - sofern sie dazu die Ressourcen haben. Die Bundesregierung könnte die BaFin ohne Weiteres anweisen, bei der Einhaltung der Verordnung weniger auf die Bewertungen der Rating-Agenturen zu setzen, sondern auf die eigene Bonitätsbewertungen der Versicherer. Aber was wäre damit gewonnen?

S&P hat nichts gegen Auflockerung der Regeln

Für die Versicherten hieße das, sie müssten sich statt auf das Urteil der unabhängigen Ratingagenturen auf die Bewertungsexpertise ihrer Lebensversicherung oder ihres Vermögensverwalters verlassen. Die stecken allerdings in einem natürlichen Interessenkonflikt: Stets lockt sie die Versuchung, mit Wackelanleihen kurzfristig die Rendite ihres Portfolios nach oben zu treiben - auf Kosten der langfristigen Solidität. Einen Präzedenzfall gibt es bereits: 2010 rutschten griechische Staatsanleihen unter die Investment-Grade-Schwelle. Doch die BaFin erlaubte den Versicherern per Ausnahmegenehmigung, die griechischen Anleihen dennoch im Portfolio zu behalten.

Dies will die Bundesregierung nun grundsätzlich erlauben. Die strikten Vorschriften, wonach Versicherer nur besonders gut bewertete Staatsanleihen kaufen dürfen, sollen gelockert werden, um den "sich selbst verstärkenden Effekt" (Merkel) abzumildern, der eintritt, wenn Versicherer schlechter bewertete Papiere abstoßen müssten, die dadurch weiter an Wert verlieren.

Glaubt man Moritz Kraemer, dem Chefanalysten für die Länderbewertungen von S&P, hätte seine Agentur gar nichts dagegen, wenn die Politik eingreift und "diese harte Verdrahtung von Ratings in Regulierungen" zurückgenommen werde. "Wir wollen keine quasi regulatorische Funktion übernehmen, das ist unsere Aufgabe nicht", sagte Kraemer dem Deutschlandfunk.

Er fügte allerdings auch hinzu, dass er nicht damit rechne, dass S&P an Bedeutung verlieren könnte. Mit Verweis auf die lange "Erfolgsbilanz" sagte Kramer: "Wir sind zuversichtlich, dass unsere Marktrelevanz bestehen bleibt, ob jetzt die Ratings in der Regulierung stecken oder nicht."

Mit Material von dapd.

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ernesto c 16.01.2012
1. Erfolgsbilanz von Ratingagenturen
Zitat von sysopImmer wenn ein US-Ratingriese Euro-Staaten schlechte Noten gibt, ist die Empörung groß. Auch jetzt*ruft die Politik*nach mehr Wettbewerb und Transparenz. Diesmal*scheint Bewegung in die Sache zu kommen: Deutschland drängt darauf, die Macht der großen Bonitätswächter zu brechen. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,809443,00.html
Herr Kraemer von S&P faselt von der 'Erfolgsbilanz' der Ratingagenturen. Wie waren denn die Ratings von Lehman oder HypoReal vor dem Crash ? Das waren grandiose Fehlratings. Haften die Ratingagenturen eigentlich, wenn sie daneben liegen ? Immerhin wird auf Basis ihrer Ratings investiert oder devestiert, und Unternehmen lassen sich diese Ratings sehr viel Geld kosten.
Thomas Weber 16.01.2012
2. Ratingagenturen und Aufklärung
Zitat von sysopImmer wenn ein US-Ratingriese Euro-Staaten schlechte Noten gibt, ist die Empörung groß. Auch jetzt*ruft die Politik*nach mehr Wettbewerb und Transparenz. Diesmal*scheint Bewegung in die Sache zu kommen: Deutschland drängt darauf, die Macht der großen Bonitätswächter zu brechen. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,809443,00.html
Die Kritik an den Ratingagenturen ist ein Musterbeispiel für ein "Haltet den Dieb!". Ratingagenturen sind Informationsquellen. Ratingagenturen und der Wettbewerb von Ratingagenturen - als Teil der öffentlichen Kommunikation - dienen letztlich der Transparenz, unabhängig davon, welchem Interesse sie verpflichtet sind oder wer sie bezahlt. Sie sind, in welchem System auch immer sie installiert sind, ein Element der Systemöffnung. Wer allerdings sein Handeln von Rating-Agenturen abhängig macht und bestimmen lässt, delegiert seinen Verstand und sein Denken an andere. Zu kritisieren sind daher nicht Rating-Agenturen, sondern diejenigen, die ihr Handeln von Rating-Agenturen bestimmen lassen und sich unmündig nicht Ihres eigenen Verstandes bedienen. In aufgeklärten Verhältnissen können Rating-Agenturen - wie jede Informationsquelle in offenen Systemen - hilfreich sein. In geschlossenen Systemen wirken Einrichtungen wie Ratingagenturen - wie alle wirklichen Informationsquellen, - allenfalls eine Zeit lang systemstabilisierend, letztlich systemöffnend und damit für das geschlossene System systemzerstörend. Ratingagenturen und Aufklärung - Am besten, Sie dächten auf der Stelle selber nach (http://thomasweber.blog.de/2011/06/15/ratingagenturen-kommunikation-11319581/)
Heinz-und-Kunz 16.01.2012
3. Verschwörungstheorien!
Zitat von sysopImmer wenn ein US-Ratingriese Euro-Staaten schlechte Noten gibt, ist die Empörung groß. Auch jetzt*ruft die Politik*nach mehr Wettbewerb und Transparenz. Diesmal*scheint Bewegung in die Sache zu kommen: Deutschland drängt darauf, die Macht der großen Bonitätswächter zu brechen. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,809443,00.html
Welche Macht die besitzen, hat man ja nach der Herabstufung Frankreichs erlebt. Es ist nix mehr passiert, weil der Markt Frankreich schon vorher quasi herabgestuft hatte. Ganz ohne eine Rating-Agentur ist der darauf gekommen, dass Frankreich -das einen strengen Fiskalpakt ablehnt und für Eurobonds ist- kein so zuverlässiger Schuldner mehr ist. D.h. die Rating-Agenturen treiben den Markt nicht vor sich her, sie werden von ihm getreiben. Und die Marktkräfte konnten nicht mal die Kommunisten ausser Kraft setzen. Na ob das eine so tolle Idee ist? Lebensversicherer usw. sollen aus guten Grund in nicht viel in rsikante Anlagen investieren.
sugar1 16.01.2012
4. Gnädige Rating-Agenturen..
Zitat von ernesto cHerr Kraemer von S&P faselt von der 'Erfolgsbilanz' der Ratingagenturen. Wie waren denn die Ratings von Lehman oder HypoReal vor dem Crash ? Das waren grandiose Fehlratings. Haften die Ratingagenturen eigentlich, wenn sie daneben liegen ? Immerhin wird auf Basis ihrer Ratings investiert oder devestiert, und Unternehmen lassen sich diese Ratings sehr viel Geld kosten.
Frohlocken sollten die Europäer über die gnädigen Ratings. Der aufgeblasene EFSM sollte eher nur bei B+ liegen....macht aber nichts da er eh platzen wird wie eine Luftblase...
PK2011 16.01.2012
5. Titel
Zitat von ernesto cHerr Kraemer von S&P faselt von der 'Erfolgsbilanz' der Ratingagenturen. Wie waren denn die Ratings von Lehman oder HypoReal vor dem Crash ? Das waren grandiose Fehlratings. Haften die Ratingagenturen eigentlich, wenn sie daneben liegen ? Immerhin wird auf Basis ihrer Ratings investiert oder devestiert, und Unternehmen lassen sich diese Ratings sehr viel Geld kosten.
[QUOTE=ernesto c;9462060]Herr Kraemer von S&P faselt von der 'Erfolgsbilanz' der Ratingagenturen. Wie waren denn die Ratings von Lehman oder HypoReal vor dem Crash ? Das waren grandiose Fehlratings. Haften die Ratingagenturen eigentlich, wenn sie daneben liegen ? Immerhin wird auf Basis ihrer Ratings investiert oder devestiert, und Unternehmen lassen sich diese Ratings sehr viel Geld kosten.[/QUOTE Die Rating-Leute haben dazu gelernt. Sehen Sie an den aktuellen Ereignissen. Wohlwollendes Rating für die EUR-Sache, AA+. Mein persönliches Rating sieht da anders aus und ich bleibe daher in Sachwerten und CHF.
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