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Debatte über Migration: "Schluss mit Integrationspolitik"

Asylbewerber aus Kunduz in München: "Populistische Politiker fördern Kulturrassismus" Zur Großansicht
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Asylbewerber aus Kunduz in München: "Populistische Politiker fördern Kulturrassismus"

Von wegen "Willkommenskultur": Deutschland macht es Migranten nach wie vor schwer - und zwar nicht nur mit seiner überholten Integrationspolitik, sagt der Historiker Klaus Bade. Im Interview warnt er vor einer zunehmenden Radikalisierung der Fremdenhasser.

SPIEGEL ONLINE: Herr Professor Bade, Deutschland ist bei Migranten so beliebt wie lange nicht. In Ihrem Buch aber beschreiben Sie die Bundesrepublik als Einwanderungsland wider Willen.

Bade: Das ist nur ein scheinbarer Widerspruch. Die hochqualifizierten jungen Griechen und Spanier kommen nicht, weil wir so beliebt sind, sondern weil die Krise sie aus ihren Heimatländern treibt.

SPIEGEL ONLINE: Selbst konservative Politiker wie CDU-Arbeitsministerin Ursula von der Leyen sprechen von einer neuen "Willkommenskultur" in Deutschland.

Bade: Die Klassengesellschaft fängt schon bei der Begrüßung an. "Willkommenszentren" sind hilfreich, sollten aber allen Neuzuwanderern offenstehen. Solange es noch immer mörderisch agitierende, antiislamistische Internetpranger und fremdenfeindliche No-Go-Areas gibt, ist "Willkommenskultur" ein Kandidat für das Unwort des Jahres.

SPIEGEL ONLINE: Sehen Sie gar keinen Fortschritt?

Bade: In den vergangenen zehn Jahren hat Deutschland in der Migrations- und Integrationspolitik mehr erreicht als in den vier Jahrzehnten zuvor. Aber viele Reformen kamen zu spät. Das Zuwanderungsgesetz von 2005 und das Anerkennungsgesetz von 2012 hätten wir vor einem Vierteljahrhundert schon gebraucht.

SPIEGEL ONLINE: Der Deutsche Städtetag hat unlängst vor einer Gefährdung des sozialen Friedens durch die Armenwanderung aus Osteuropa gewarnt.

Bade: In den Zahlen überzogen, in der Sache zu recht. Es gibt noch immer keine Strategie für diese seit langem absehbare Herausforderung. Die Folgen zeigen sich im aktuellen Wandel der Feindbilder: früher "Gastarbeiter", dann "Asylanten", schließlich die Islamophobie und heute in Konkurrenz dazu die Roma-Hysterie. Auf EU-Ebene geht es um Entwicklungspolitik mitten in Europa. Auf der nationalen Ebene geht es um Integration durch Qualifikation und Bildung.

SPIEGEL ONLINE: Wie sieht eine zeitgemäße Integrationspolitik aus?

Bade: Neuzuwanderern sollten wir helfen beim Erlernen der Sprache, bei der Suche nach Arbeit, Wohnung und Kita-Plätzen für ihre Kinder. Für Einwanderer der zweiten oder schon dritten Generation gilt: Schluss mit "Integrationspolitik". Ich erinnere mich an eine Diskussionsrunde in der BBC: Eine eloquente, junge Muslima fragte Thilo Sarrazin, was er denn eigentlich von ihr wolle: Und Sarrazin stammelte: "I want you to integrate." Das war eine Beleidigung.

SPIEGEL ONLINE: Der FDP-Politiker und hessische Integrationsminister Uwe Hahn hat kürzlich die Frage aufgeworfen, ob die Gesellschaft schon weit genug sei für einen vietnamesisch aussehenden Vizekanzler.

Bade: Wir leben in einem gespaltenen Land. Die Trennlinie verläuft nicht zwischen Mehrheitsbevölkerung und Einwanderern. Sie verläuft zwischen meist jüngeren Menschen, für die kulturelle Vielfalt eine mit Selbstverständlichkeit gelebte Alltagswirklichkeit ist, und jenen, die sich durch den kulturellen Wandel bedroht fühlen.

SPIEGEL ONLINE: Der bayerische Ministerpräsident Horst Seehofer warnt vor "Migranten aus fremden Kulturkreisen" und versprach 2011, "bis zur letzten Patrone" gegen die "Zuwanderung in den deutschen Sozialstaat" zu kämpfen.

Bade: Populistische Politiker fördern leider nur zu oft Kulturrassismus. Konservative Wähler haben in den vergangenen Jahren eine Reihe von Glaubensbastionen verloren: Ende der Legende vom "Nicht-Einwanderungsland", Ende der Wehrpflicht, Ausstieg aus der Atomenergie. Der Feldzug gegen unerwünschte Einwanderer ist eine der letzten politischen Konstanten konservativer Selbstfindung. Aber die Zahl der Menschen, die solche Ersatzpolitik gutheißen, nimmt ab.

SPIEGEL ONLINE: Sie glauben, dass die Vorbehalte gegen Zuwanderung schwinden?

Bade: Die Homogenitäts- und Desintegrations-Demagogen werden schwächer. Zugleich radikalisieren sie sich. Ich rechne damit, dass sich jenseits der NPD in den nächsten Jahren eine modernere, rechtskonservative Strömung festigen wird, eine Art deutsche Tea Party. Sie wird die Feinde der Einwanderungsgesellschaft sammeln und in ihren Vorurteilen bestärken: "Der Islam" ist nicht integrierbar und deshalb politisch gefährlich, "Zigeuner" und "Asylanten" sind nur "Sozialschmarotzer".

Das Interview führte Maximilian Popp

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 149 Beiträge
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1. optional
EinJemand 01.03.2013
Ich empfehle das Buch "Kein schönes Land in dieser Zeit", wenn man mal den (heftigen) Blickwinkel eines deutschen sehen will, der als Kind von türkischen Einwanderern aufgewachsen ist. Heftig, wieviel Hass und Probleme ihm in den Weg gelegt wurden. (Er hat später übrigens an Harvard studiert.)
2. optional
bluemke 01.03.2013
"mörderisch agitierende, amtislamistische Internetpranger" Ja, hat der Mann denn noch alle. Er meint natürlich PI. Mit dieser radikalen Wortwahl disqualifiziert sich der Herr Professor selbst. Wo und wann haben PI-Leser jemals "mörderisch" agitiert und wo ist der "Pranger"? Herr Bade, Leuten wie Ihnen verdanken wir die historischen Konsequenzen, die Sie am Ende des Intervies richtig skizzieren. Ich jedenfalls freue mich schon auf die Tea Party.
3. Zuwanderung
altarek 01.03.2013
Die EU überweist Milliardenbeträge an die Länder Rumänien und Bulgarien. Die verschwinde aber in den Taschen korrupter Politiker. Das wird aber gezahlt, um die Lebensumstände dem EU-Standard anzugleichen. Dies Staaten entledigen sich aber ihrer ungeliebten und diskriminierten Minderheiten. Wenn die hier ankommen, zahlen wir doppelt. Ich vermisse, das an die Auszahlung der EU-Gelder strenge Bedingungen geknüpft werden, die auch auf Einhaltung überprüft werde. Bei Nichteinhaltung werden die Zahlungen rigoros gestoppt. Das Argument, dass man damit die arme Bevölkerung träfe, zieht nicht. Die kommen ja hierher und wir bezahlen. Die EU-Gelder sollten wir lieber den Kommunen zahlen,damit sie die nötigen finanziellen Mittel zur Integration dieser neuen Einwanderer haben
4. Der Wahrheit bitte eine Chance
leser-fan 01.03.2013
Immer wieder ..auch in diesem Intervie ...die Rechtssein-Keule. Das genau bef?rdert die Wut. Die Probleme sind da, hier wie in anderen Industrielãndern. Jeder Menach im Elend sucht sein Traumland. Das verstehen unsere Bürger. Nur die Verweigerung, unsere Sprache zu lernen, anzuerkennen, das auch wir eine Kultur haben, nur zu fordern ...die eigenen Kinder abzuschotten ...wer in die USA einwandert geht unter mit dieser in Deutschland mõglichen Einstellung. Keiner hat Probleme mit Italienern, Spaniern etc...die Russen lernen schnell unsere Sprache und gieren nach Bildung. Baut Einwanderungseinrichtungen im Münchner Grünwald oder im Grunewald. Dann würde was losgehen ...aber sie werden dorthin geschickt, wo schon die deutschen Armen leben.
5. Was will uns dieser Artikel eigentlich sagen ...
eine-Meinung-unter-Vielen 01.03.2013
... dass sich unsere Gesellschaft mehr öffnen, aber nur keine Integrationswilligkeit der Migranten fordern soll, es sei denn, sie tun es aus eigenem Antrieb? Aus meiner Sicht ist zu diesem Thema eine ehrliche und offene Debatte notwendig, die weder mit ungerechtfertigten Vorurteilen noch mit Multi-Kulti-Romantik geführt wird. Es gibt Menschen, die sich leicht integrieren und welche die sich deutlich sträuben. IMHO erwarten die meisten Länder von Einwanderern, dass sich die Einwanderer eingliedern und nicht umgekehrt. Wobei Eingliedern nicht mit Selbstaufgabe und absoluter Anpassung zu verwechseln ist. Prof. Bade weist zurecht auf das Erlernen von Sprache, Arbeitsmöglichkeiten und Schulen hin. Absolut richtig. Einen sehr wichtigen Punkt möchte ich noch ergänzen: "Unser Grundgesetz". Wenn sich ein Einwanderer an unsere Gesetze hält, unsere Sprache spricht (muss ja nicht gleich perfekt sein), sich gesellschaftlich einbringt und sich sichtbar bemüht, seinen Anteil am Gemeinwohl zu leisten, dann ist er eigentlich ausreichend integriert. Welche Hautfarbe er hat, welchen Gott er anbetet oder welche sonstigen kulturellen Eigenschaften er besitzt, dürfte damit reine Privatsache sein und keinen stören.
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Zur Person
  • dapd
    Klaus Bade, 68, gilt als einer der renommiertesten Migrationsforscher Deutschland. Er war Gründungsvorsitzender des Sachverständigenrates Deutscher Stiftungen für Integration und Migration und lebt in Berlin. Soeben ist sein Buch über die Einwanderungsdebatte in Deutschland erschienen: "Kritik und Gewalt. Sarrazin-Debatte, 'Islamkritik', und Terror in der Einwanderungsgesellschaft".

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