Debatte um "Das Amt" "Dieses Buch ist zutiefst fehlerhaft"

Der renommierte britische Historiker Richard J. Evans hat sich den Bestseller "Das Amt" vorgeknöpft. Er hält die Arbeit seiner Kollegen über die deutschen Diplomaten unter Hitler für mangelhaft - und wirft den Herausgebern des Buchs "Pflichtverletzung" vor.

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Auswärtiges Amt in Berlin: "Fehler und Fehlinterpretationen"
dapd

Auswärtiges Amt in Berlin: "Fehler und Fehlinterpretationen"


Bisher hatten sich vor allem deutsche Historiker über den Bestseller "Das Amt" gestritten, der die Rolle der deutschen Diplomaten während der Nazi-Zeit beleuchtet. Nun meldet sich ein namhafter Wissenschaftler aus dem Ausland zu Wort. Der britische Historiker Richard J. Evans lässt in der aktuellen Ausgabe der Zeitschrift "Neue Politische Literatur" (Ausgabe 2/2011) kein gutes Haar an dem Werk. "Es kann kein Zweifel darüber bestehen, dass dieses Buch als wissenschaftliches Werk zutiefst fehlerhaft ist", urteilt Evans.

Der Bericht zeichne sich "durch eine durchgängige Tendenz aus, die aktive Teilhabe des Auswärtigen Amtes an einer Reihe von kriminellen Aktivitäten der Nazis zu übertreiben". Dabei werde in einigen Teilen der aktuelle Forschungsstand nicht beachtet, was zu "Fehlern und Fehlinterpretationen" führe.

Das Buch fällt laut Evans "hinter die wissenschaftlichen Standards zurück, die man von einem Kommissionsbericht dieser Wichtigkeit" erwarten dürfe. So habe man versäumt, "die relevante Sekundärliteratur zu konsultieren". Selbst Standardwerke würden nicht ausreichend zitiert und der Blick auf spezielles Schrifttum fehle ganz. "Besonders schwach ist die Berücksichtigung der englischsprachigen Literatur." Dabei sei die Forschung über den Nationalsozialismus, und hierbei insbesondere über die Außenpolitik der Nazis, längst international.

Die Kritik aus Großbritannien wiegt schwer, denn Evans, der in Cambridge lehrt, gilt als einer der besten Kenner der NS-Geschichte, über die er unter anderem ein dreibändiges Standardwerk geschrieben hat. Er gehört keiner deutschen akademischen Seilschaft an und blickt von außen auf die Diskussion. Der 1947 geborene Historiker ist apologetischer Absichten völlig unverdächtig, er hatte sich schon während Historikerstreits von 1986 um den Massenmord an den europäischen Juden gegen jeden Versuch verwehrt, die deutsche Geschichte rein zu waschen.

"Pflicht verletzt"

Der Zwischenruf aus Cambridge wird eine Debatte neu befeuern, die seit der Veröffentlichung des Werkes im vergangenen Herbst andauert. Der Marburger Historiker Eckart Conze hatte als Kommissionssprecher im SPIEGEL (43/2010) das gesamte Auswärtige Amt kurzerhand zur "verbrecherischen Organisation" erklärt und ihm eine zentrale Rolle beim Mord an den europäischen Juden zugeschrieben.

Die Kommission geht auf Joschka Fischer zurück, der 2005 als Außenminister neben Conze auch Norbert Frei aus Jena, den US-Historiker Peter Hayes und den Israeli Moshe Zimmermann beauftragt hatte, die Geschichte seines Ministeriums zu klären. An dem 880 Seiten dicken Wälzer wirkten aber auch wissenschaftliche Nachwuchskräfte mit, ein Vorgehen, an dem sich Evans stößt: "Wenn man Doktoranden als Forscher beschäftigt, dann ist es die Pflicht des erfahrenen Historikers, deren Arbeit sorgfältig durchzusehen." Die Herausgeber, so Evans, "haben diese Pflicht verletzt".

Evans reiht sich ein in eine lange Serie von kritischen Kommentatoren. So sprach beispielsweise Johannes Hürter vom renommierten Institut für Zeitgeschichte von "bodenlosen Behauptungen", "Überzeichnungen, Vereinfachungen, Widersprüche" und "schlichtweg falschen Befunden". Bislang sind die Autoren auf solche Anmerkungen im Detail wenig eingegangen, sondern warfen ihren Kritikern wiederum vor, ihrerseits die Mär vom Auswärtigen Amt als Hort des Widerstandes aufs Neue etablieren.

Nach Evans Einlassungen dürfte es für die Kommission noch schwieriger sein, Kritik so einfach zurückzuweisen. Denn Evans begrüßt, dass die alte Legende von den sauberen Diplomaten angegangen wird. Jedoch: "Die Defizite und Übertreibungen des Buches machen es denen einfacher, die immer noch an diesen Mythos glauben."



Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 77 Beiträge
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Seite 1
talvisota 27.05.2011
1. Ware Geschichte
Sollte es während der NS-Zeit selbst im auswärtigen Amt Nazis gegeben haben? War vielleicht sogar der Außenminister selbst ein Nazi? Unglaublich! Gut, dass Fischer diesen lange vertuschten Skandal hat aufdecken lassen.
Andreas Rolfes 27.05.2011
2. Man kaufe sich eine Expertenkommision...
Sieger schreiben die Geschichte. Und manchmal lassen auch so Verlierer-Typen wie Fischer die Geschichte umschreiben. Das nennt man dann politische Geschichtsforschung. Die kritische und vor allem wissenschaftliche (nicht politische!) Aufarbeitung der deutschen Geschichte scheint in Händen von Nicht-Deutschen doch wesentlich besser aufgehoben zu sein. Diese sind nicht von Schuldkomplexen befangen.
klemme1952 27.05.2011
3. Ware auf Bestellung
Zitat von talvisotaSollte es während der NS-Zeit selbst im auswärtigen Amt Nazis gegeben haben? War vielleicht sogar der Außenminister selbst ein Nazi? Unglaublich! Gut, dass Fischer diesen lange vertuschten Skandal hat aufdecken lassen.
So scheint es, talvisota. Die Autoren der Studie "Das Amt" haben Geschichte zur Ware gemacht und pfiffig das geliefert, was sich vermeintlich gut verkauft. Überschrift: Das Auswärtige Amt - von 33 bis 45 eine verbrecherische Organisation.
jüttemann 27.05.2011
4. Das alte Lied
Zitat von sysopDer renommierte britische Historiker Richard J. Evans hat sich den Bestseller "Das Amt" vorgeknöpft. Er hält die Arbeit seiner Kollegen über die deutschen Diplomaten unter Hitler für mangelhaft - und wirft den Herausgebern des Buchs "Pflichtverletzung" vor. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,765349,00.html
Dieser Fischer´sche Historikerschmarrn ist wieder einmal ein Beleg für die These, dass man auch dann noch stolpern kann, wenn man vor dem Zeitgeist längst auf den Knien rutscht. „Es gibt kein gutmütigeres, aber auch kein leichtgläubigeres Volk als das deutsche. Keine Lüge kann grob genug ersonnen werden, die Deutschen glauben sie. Um eine Parole, die man ihnen gab, verfolgen sie ihre Landsleute mit größerer Erbitterung als ihre wirklichen Feinde.“ Napoleon
wkawollek 27.05.2011
5. Warum muss immer nachgeholfen werden,wenn das Ergebnis nicht (ganz) passt?
Wieder einmal muss 'von außen' korrigiert werden - wie schon bei der Wehrmachtsausstellung. Dabei ist in Sachen Nationalsozialismus nichts überzeugender als eine nüchterne und strengen Maßstäben genügende historische Aufarbeitung. Es gibt keinerlei Grund 'nachzubessern', wenn im Verlauf der Untersuchung Erkenntnisse gewonnen werden,die das gewünschte Ergebnis 'stören'. Natürlich war das Außenamt im gleichgeschalteten Nazi-Staat kein Hort der Unschuldigen und es war durchaus überfällig das lange Zeit vorherrschende Bild zu korrigieren. Die Fischer-Kommission entschied sich leider für eine 100%-'Korrektur', das mag Ideologen begeistern, dient aber nicht der Sache.
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