Debatte um katholischen Missbrauch Die Grünen, der Sex und die Kinder

Missbrauch von Kindern als Folge der sexuellen Revolution? Auf Bischof Mixas Äußerungen folgte zu Recht Entrüstung. Ganz vorne dabei: die Grünen - und die hatten zum Thema Sexualität und Kinder einst Abenteuerliches zu sagen. Eine kleine Zeitreise von Jan Fleischhauer

Grüne Claudia Roth: Grauen im Archiv
dpa

Grüne Claudia Roth: Grauen im Archiv


Zu den Vergangenheiten, die nicht vergehen wollen, gehören das Jahr 1968 und seine Folgen. Die Linke hat das Datum in den Rang einer zweiten Staatsgründung erhoben, weshalb nun bereits jedes Kleinstjubiläum von der Erlebnisgeneration mit Erinnerungsmärschen durch alle Medien begangen wird.

Für die Rechte ist 1968 das Jahr, in dem sich Dunkelheit über Deutschland legte: So ziemlich alles, was in der Republik schiefläuft, nimmt aus ihrer Sicht hier seinen Anfang, von steigenden Scheidungsraten bis zu Graffiti an Hauswänden. Insofern sind die jüngsten Erklärungen des Augsburger Bischofs Walter Mixa zum Missbrauch an katholischen Schulen, in denen er der "sogenannten sexuellen Revolution" einen Teil der Schuld gibt,ein Beispiel von Traditionspflege.

Man könnte sie als kuriose Zeiterscheinung abhaken, wenn nicht die aufgeregte Reaktion der Grünen und namentlich ihrer Parteivorsitzenden Claudia Roth ("beispiellose Verhöhnung der Opfer") Anlass geben würden, sich mit der Sache doch noch einmal genauer zu befassen.

Es ist wirklich lange her und nicht mehr vielen präsent, aber die Grünen hatten zum Thema Sexualität und Kinder in ihrer wilden Gründungsphase immer viel zu sagen, wenn auch nicht unbedingt in der Form, die heute noch zeitgemäß erscheint. Es gibt da bei der Partei, nun ja, sagen wir: Jugendsünden.

Ein kleiner Gang ins Archiv belehrt einen zum Beispiel über einen Antrag der grünen Bundestagsfraktion vom Februar 1985, die Strafrechtsparagrafen 175 und 182 ersatzlos zu streichen, da diese "einvernehmliche sexuelle Kontakte" mit Minderjährigen unter Strafe stellten und dadurch "die freie Entfaltung der Persönlichkeit" behinderten. "Mädchen werden als willenlose Objekte männlicher Verführungskunst dargestellt", heißt es in dem Gesetzentwurf, "in der Norm drücken sich mithin bürgerliche Moralvorstellungen aus."

Die Grünen in Nordrhein-Westfalen forderten im gleichen Jahr auf ihrem Programmparteitag in Lüdenscheid, dass "gewaltfreie Sexualität" zwischen Kindern und Erwachsenen generell nicht länger Gegenstand strafrechtlicher Verfolgung sein dürfe: Sie sei "im Gegenteil von allen Restriktionen zu befreien, die ihr in dieser Gesellschaft auferlegt sind".

"Einvernehmliche sexuelle Beziehungen müssen straffrei sein"

Wie immer, wenn es gegen "gesellschaftliche Unterdrückung" geht, waren die Grünen auch hier ganz vorne mit dabei, in diesem Fall zur Befreiung derjenigen, "die gewaltfreie Sexualität mit Kindern wollen, dazu fähig sind und deren gesamte Existenz von einem Tag auf den anderen vernichtet wird, wenn bekannt wird, dass sie Beziehungen eingegangen sind, die wir alle als für beide Teile angenehm, produktiv, entwicklungsfördernd, kurz: positiv ansehen müssen".

"Einvernehmliche sexuelle Beziehungen zwischen Erwachsenen und Kindern müssen straffrei sein", heißt es im Entschluss eines Arbeitskreises "Kinder und Jugendliche" der Grünen in Baden-Württemberg vom April 1985: "Da Kinder Menschen sind, hat niemand das Recht, sich unter welchem Vorwand auch immer über ihre Rechte auf Selbstbestimmung und persönliches Glück hinwegzusetzen." Noch deutlicher formulierte es das Wahlprogramm der Alternativen Liste in Berlin: "Es ist unmenschlich, Sexualität nur einer bestimmten Altersstufe und unter bestimmten Bedingungen zuzubilligen. Wenn Jugendliche den Wunsch haben, mit Gleichaltrigen oder Älteren außerhalb der Familie zusammenzuleben, sei es, weil ihre Homosexualität von ihren Eltern nicht akzeptiert wird, sei es, weil sie pädosexuelle Neigungen haben, sei es aus anderen Gründen, muss ihnen die Möglichkeit dazu eingeräumt werden."

Das alles ist Schnee von gestern, sicher. Heute würde sich kein Grüner, der ernst genommen werden will, noch so äußern, man hat schließlich dazugelernt.

Auch soll man Leuten nicht endlos ihre Sünden vorhalten - nur wäre es im Gegenzug ganz schön, wenn sie nicht immer in der ersten Reihe tanzen müssten, wenn es darum geht, von anderen Entschuldigungen zu verlangen.



Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 324 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
shenshen_ie 19.02.2010
1. ...
Was ich in dem Artikel lese, ging es den Gruenen um einvernehmliche Kontakte... nicht um Missbrauch und Vergewaltigung. Ich mag da altmodisch sein, aber fuer mich sind zwei 13-jaehrige, die anfangen ihre Sexualitaet zu erkunden, etwas anderes als ein alter Priester der Kinder verletzt, missbraucht und vergewaltigt...
saul7 19.02.2010
2. ++
Zitat von sysopMissbrauch von Kindern als Folge der sexuellen Revolution? Auf Bischof Mixas Äußerungen folgte zurecht Entrüstung. Ganz vorne dabei: die Grünen - und die hatten zum Thema Sexualität und Kinder einst Abenteuerliches zu sagen. Eine kleine Zeitreise von Jan Fleischhauer http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,678961,00.html
Wer nimmt denn Claudia Roth überhaupt noch ernst?
Pyrrhus, 19.02.2010
3.
Herr Fleischhauer sollte sich schon mal ducken ...
Betonia, 19.02.2010
4. ***
Zitat von sysopMissbrauch von Kindern als Folge der sexuellen Revolution? Auf Bischof Mixas Äußerungen folgte zurecht Entrüstung. Ganz vorne dabei: die Grünen - und die hatten zum Thema Sexualität und Kinder einst Abenteuerliches zu sagen. Eine kleine Zeitreise von Jan Fleischhauer http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,678961,00.html
Bei den Grünen gab es so einiges an Irrungen und Wirrungen. Die Befürwortung von "freier" Sexualität zwischen Erwachsenen und Kindern war nur eine davon. Eine ganz schlimme.
Tastenhengst, 19.02.2010
5. libertinismus statt neoliberalismus!
Zitat von sysopMissbrauch von Kindern als Folge der sexuellen Revolution? Auf Bischof Mixas Äußerungen folgte zurecht Entrüstung. Ganz vorne dabei: die Grünen - und die hatten zum Thema Sexualität und Kinder einst Abenteuerliches zu sagen. Eine kleine Zeitreise von Jan Fleischhauer http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,678961,00.html
Unfair, den fortschrittlichen grünen solche vorwürfe zu machen, nur weil sie sich bei sexualität von kindern noch nicht so durchsetzen konnten wie bei dem bewusstseinswandel, der zu freier liebe auch unverheirateter und homosexueller führt. Sexualität muss als politisch-gesellschaftliches phänomen verstanden werden (http://bluthilde.wordpress.com/2010/02/08/knabenmissbrauch-bei-den-jesuiten-eine-polit-deutung/), soll sexuelle befreiung nicht in neuer knechtung durch männer und neoliberalismus enden. Unser autorInnenkollektiv begrüsst deswegen, dass staatliche stellen geld für sexualerziehung von kindern (http://www.kinderliedertour.de/nasebauchpo) ausgeben und auch eltern hilfestellung zur sexuellen entfaltung ihrer kinder geben. Die deutung der eigenen kindlichen sexualität darf nicht klerikalfaschistischen eliten überlassen werden!
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...

© SPIEGEL ONLINE 2010
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.