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Debatte um Minarett-Verbot: "Die Schweiz darf uns auf keinen Fall infizieren"

Der Streit geht nicht um Minarette - in der Schweizer Abstimmung spiegelt sich viel mehr der Fremdenhass der Ewiggestrigen wider, warnt der türkischstämmige Unternehmer Vural Öger. Nun wollen sie auch hierzulande Ängste wecken und schüren. Ein offener Brief an die Deutschen.

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Vural Öger: "Übler Angriff auf die Religionsfreiheit"

Zur Grundsteinlegung der neuen Moschee in Köln kamen Vertreter der Katholischen und Evangelische Kirche sowie die Jüdische Gemeinde. Der Integrationsbeauftragte des Landes NRW sprach dazu sein Grußwort auf Türkisch, und Ministerpräsident Rüttgers (CDU) kommentierte, angesichts der vielen Muslime in seinem Land müsse es mehr Moscheen geben. Diese sollten nicht in Hinterhöfen entstehen, sondern sichtbar sein.

So weit, so gut.

Nun haben wir aber auch den Innenexperten Wolfgang Bosbach von der CDU, den das finstere Geschehen in der Schweiz zu der Forderung animierte, man müsse die Furcht der Bevölkerung vor der Islamisierung ernstnehmen, und der sich zudem zu der gefährlichen Dummheit verstieg, in der Architektur von Moscheen manifestiere sich ein "islamischer Herrschaftsanspruch".

"Verlogener Vorwand für die uralte Fremdenfeindlichkeit Ewiggestriger"

Ärger noch trieb es der Chefredakteur der "Weltwoche", Roger Köppel, der hetzte, wenn Muslime unbedingt in einer Moschee mit Minarett beten müssten, dann "sollten sie doch in ein anderes Land gehen". Die rechtspopulistische Volksinitiative in der Schweiz wurde auf ihrer Homepage noch deutlicher: "Wer Minarette baut, will bleiben. Für die Bevölkerung sind Moschee und Minarett der unübersehbare Beweis dafür, dass die Einwanderer bleiben wollen."

Das trifft das Problem auf den Punkt: Denn der Islam, den der Vatikan eine "große Weltreligion" nennt, ist nur der verlogene Vorwand für die uralte Fremdenfeindlichkeit der Ewiggestrigen. Auch die Minarette sind ein Vorwand - davon gibt es in der Schweiz bis dato ganze vier. Zwar haben die Schweizer in ihrer Mehrheit und deren plappernde Nachbeter jetzt einen üblen Angriff auf die Religionsfreiheit gestartet. Hergestellt werden soll aber vor allem das Bild, dass alle Türken hierzulande und im Alpenland Muslime sind, was ja bei weitem nicht zutrifft, und dass diese besonders einem finsteren Kult huldigen, der Herrschaft über das gute christliche Abendland anstrebt.

Europa ist unleugbar das Resultat des Christentums minus Inquisition, aber auch der Aufklärung und vieler illustrer Demokraten. Damit ist es offen für alle Länder geworden, die sich zur Einhaltung der Menschenrechte verpflichten, auch für die Türkei. Dummköpfe und Randalierer finden sich auf allen Seiten. Aber wir haben schließlich in Deutschland einige Jahrzehnte des Religionsfriedens und der relativ erfolgreichen Integration von Einwanderern - in einem Prozess, der sich selbstredend nicht über Nacht vollziehen konnte.

"Ängste kann man auch wecken oder erfinden"

Gewiss, Ängste mögen hier und da vorhanden sein. Doch Ängste kann man auch wecken und erfinden, wie auf den Plakaten in der Schweiz, auf denen eine schwarz vermummte Frau vor raketengleichen Minaretten auf der Landesflagge lauerte. Die Botschaft lautete dort auch, der Islam sei unvereinbar mit "unseren" Werten, und die schmierige Manipulation versuchte aus allen Bürgen Opfer zu machen, was ja bei einer Mehrheit tatsächlich gelang, die sich als Verteidiger einer fragwürdigen Freiheit fühlen sollte. In diesem Zerrbild von Realität und Menschlichkeit ist der beste Muslim einer, den man nicht sieht - oder wie gehabt: nur ein toter Indianer ist ein guter Indianer!

Die Schweiz darf uns auf keinen Fall infizieren. Die Verbohrtheit einiger Extremisten und ihrer Mitläufer darf uns nicht zurückwerfen in die Zeit vor Friedrich dem Großen und der Aufklärung. Unser Grundgesetz garantiert die Freiheit zur Ausübung einer Religion, mit oder ohne Minarett. Das sind die Grundwerte, von denen so viel die Rede ist. Niemand darf sie zerschlagen.

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Zum Autor
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Vural Öger, geboren 1942 in Ankara und aufgewachsen in Istanbul, lebt seit 1960 in Deutschland. 1990 bekam er die deutsche Staatsbürgerschaft. Der Diplomingenieur gründete 1982 das Touristikunternehmen Öger Tours, das vor allem Türkeireisen anbietet. Für sein Engagement für die Verständigung zwischen Deutschland und der Türkei wurde Öger mehrfach ausgezeichnet, unter anderem mit dem Bundesverdienstkreuz. Von 2004 bis 2009 saß Vural Öger für die SPD im Europäischen Parlament in Brüssel.

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Minarettverbot in der Schweiz: Kampf um Symbole


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