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Debatte um Preisverleihung: Putin-Streit entzweit Quadriga-Kuratorium

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Das honorige Netzwerk Quadriga ist in Aufruhr. Der Plan, dem russischen Ministerpräsidenten Putin einen Preis für vorbildliche Anführerschaft zu verleihen, stößt auf heftige Kritik, auch aus den eigenen Reihen. Nun will es keiner gewesen sein, doch CSU-Minister Ramsauer drängt zum Durchhalten.

Wladimir Putin: Russlands Naturbursche Fotos
AP / RIA Novosti

Berlin - Wenn Marie-Luise Weinberger aus dem Fenster ihres Penthouse am Pariser Platz in Berlin-Mitte sieht, thront keine fünfzig Meter entfernt auf einem Streitwagen die römische Siegesgöttin Victoria - oben auf dem Brandenburger Tor.

Der Blick auf den mit vier Pferden bespannten Wagen, die Quadriga, gehört zum Exklusivsten, was die deutsche Hauptstadt an Aussichten zu bieten hat. Über dem Kamin der Penthouse-Suite prangt ein Immendorff-Gemälde. Kein Wunder, dass sich bei der unermüdlichen Netzwerkerin Weinberger gerne das Kuratorium der von ihr geführten gemeinnützigen "Netzwerk Quadriga gGmbH" versammelt.

Von Siegesstimmung kann derzeit vis-à-vis der Victoria allerdings nicht die Rede sein, Weinberger versucht vielmehr, mit ein paar Mitstreitern zu retten, was noch zu retten ist. Seit bekannt wurde, dass das Netzwerk einen ihrer alljährlichen verliehenen Preise dem russischen Ministerpräsidenten Wladimir Putin angetragen hat, geht es drunter und drüber in dem honorigen Club.

Der Bundesvorsitzende der Grünen, Cem Özdemir, erklärte ebenso seinen Rücktritt aus dem Kuratorium wie der Heidelberger Historiker Edgar Wolfrum. Die Mitglieder des handverlesenen Gremiums verpassten sich zwar mehr oder minder freiwillig einen Maulkorb über die interne Entscheidungsfindung. Gleichwohl ließen mehrere von ihnen wissen, dass sie an der entscheidenden Sitzung gar nicht teilgenommen hätten.

"Die Entschlossenheit für das Notwendige"

Das Netzwerk ist einer jener Clubs in der Hauptstadt, in denen sich vornehmlich männliche Mitglieder ihrer oft vergangenen Bedeutung vergewissern. Man trifft sich regelmäßig bei Lectures, Empfängen und Salonabenden.

Die Quadriga ist aus dem Verein "Werkstatt Deutschland" hervorgegangen. Den riefen 1993 der Sozialdemokrat Klaus Riebschläger, Sony-Manager Rainer Wagner und Weinberger ins Leben. In den Kreis der sieben Gründungsmitglieder wurde auch der bei der CDU in Ungnade gefallene Lothar de Maizière aufgenommen.

Der letzte Ministerpräsident der DDR wurde folgerichtig Träger des "Quadriga"-Preises, dessen Verleihung seit dem Jahr 2003 die wichtigste Aktivität des Netzwerks ist. Jeweils am 3. Oktober, meist im Konzerthaus am Gendarmenmarkt, trifft sich die Prominenz der Hauptstadt in Smoking und Abendkleid, um die Preisträger und sich selbst zu feiern. Die rund 200.000 Euro teure Preisverleihung sei ein "originärer Beitrag zu einer demokratischen und dennoch repräsentativen Feierkultur des Tages der Deutschen Einheit".

Michail Gorbatschow bekam schon eine goldene Quadriga in die Hand gedrückt, auch Helmut Kohl, Gerhard Schröder oder im vergangenen Jahr Karl-Theodor zu Guttenberg und der griechische Premier Giorgos Papandreou. Auch Stefan Aust nahm 2007 für den SPIEGEL einen Preis als "Institution der Republik" entgegen.

Bereits am 7. Dezember vergangenen Jahres vereinbarte das Kuratorium, dass in diesem Jahr Personen unter dem Motto "Leadership" ausgezeichnet werden sollten. Das zu prämierende Anführertum definierte man unter anderem so: "Leadership braucht die Entschlossenheit für das Notwendige."

Putin ist die ideale Hassfigur

Niemand kann - oder will - sich mehr daran erinnern, wer als erster den Namen Wladimir Putin ins Spiel brachte, in jedem Fall debattierte das Kuratorium Anfang des Jahres darüber, ihm eine Quadriga für seine Verdienste um die Verlässlichkeit der deutsch-russischen Beziehungen anzutragen.

Spätestens seit Bundeskanzler Gerhard Schröder Putin das Prädikat "lupenreiner Demokrat" verlieh, müsste eigentlich bekannt sein, dass der einstige KGB-Agent hierzulande eine höchst umstrittene Figur ist. Sein Macho-Gehabe, seine Regierungspraxis der "gelenkten Demokratie", die eingeschränkte Pressefreiheit und mangelnde Unabhängigkeit der Justiz in Russland machen ihn zu einer idealen Hassfigur für Menschenrechtler, Liberale und Grüne. Für die Aktivisten des Kuratoriums schien das kein sonderlich großes Problem zu sein.

Am 14. Februar traf sich die Mehrzahl der Kuratoriumsmitglieder und kam überein, Putin den Preis anzubieten. Der Bundesvorsitzende der Grünen, Cem Özdemir, der die Sitzung verpasst hatte, machte bei einem Frühstück mit Marie-Louise Weinberger im Hotel Adlon vorsichtige Bedenken geltend. Aufgrund der Menschenrechtssituation in Russland könne er diesen Vorschlag wohl nicht mittragen. Erstaunlicherweise kamen von vermeintlich linken Vertretern wie Georgia Tornow, einst Mitglied der "taz"-Chefredaktion, keine Einwände.

Ramsauer plädiert vehement für Standhaftigkeit

Nachdem Menschenrechtsexperten der Grünen, FDP und Union seit vergangenem Wochenende die geplante Preisverleihung kritisiert haben, herrscht im Kuratorium Panik. Niemand wollte es so recht gewesen sein. Die FDP-Politikberaterin Margarita Mathiopoulos wies darauf hin, dass sie bei der entscheidenden Sitzung gefehlt habe und sich, falls sie teilgenommen hätte, ohnehin enthalten hätte.

Auch Verkehrminister Peter Ramsauer (CSU) ließ eine Sprecherin erklären, dass er bei der Entscheidung für Putin gefehlt habe. Was der Minister mitzuteilen vergaß: In einer Krisen-Telefonkonferenz Anfang dieser Woche war er es, der vehement für Standhaftigkeit plädierte. Man dürfe dem Druck jetzt nicht nachgeben, argumentierte der konservative Polit-Profi, und solle an Putin festhalten. Das Kuratorium schloss sich nach anderthalbstündiger Beratung Ramsauer an.

Doch es kann gut sein, dass Durchhalteparolen jetzt nicht mehr ausreichen. Der Historiker Edgar Wolfrum begründete seinen Rückzug aus dem Kuratorium klar. Er sei über das umstrittene Angebot an Putin in keiner Weise informiert worden und habe erst aus der Presse davon erfahren, sagt er. "Die Entscheidung", so der Professor, "kann von mir nicht mitgetragen werden."

Neben Wolfrum trat auch Barbara Monheim, die eine Stiftung für europäischen Dialog führt, aus dem Kuratorium zurück. Sowohl die "interne Verfahrensweise", so ihre Begründung, als auch "die öffentliche Kommunikationspolitik" bei der Quadriga seien "völlig inakzeptabel".

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1. Ein schlechter Witz
NormanR, 16.07.2011
ist diese Preis-Vergabe. Die haben sie nicht alle.
2. Warum
Hannowald 16.07.2011
regt man sich wegen Putin so auf? Der "Lupenreine Demokrat" kann ihn genauso bekommen wie Herr Karzai. Der hat ihn nämlich schon. Und das ging ohne großes Theater über die Bühne. An Putins Stelle würde ich mir mal die Preisträger der letzten Jahre genau anschauen und dann überlegen, ob ich diesen Preis überhaupt haben will. Auf jeden Fall kann er mit Herrn Obama nicht mithalten, denn der hat ja den Friedensnobel-Preis und erweisst sich diesem ja würdig.
3. Putinstreit
petsche 16.07.2011
Zitat von sysopDas*honorige Netzwerk*Quadriga*ist in Aufruhr.*Der Plan, dem russischen Ministerpräsidenten Putin einen Preis für vorbildliche Anführerschaft zu verleihen, stößt auf heftige Kritik, auch aus den eigenen Reihen. Nun will es keiner gewesen sein, doch CSU-Minister Ramsauer drängt zum Durchhalten. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,774640,00.html
Was sind denn die Konditionen fuer eine vorbildliche Anfuehrerschaft ?? Der Mann hat sein Land vor dem Untergang durch Spekulationsganoven gerettet. George Dabbeljuh Bush waere wohl mehr geeignet so einen Preis zu erhalten.?
4.
Hador, 16.07.2011
Neben der eigentlichen Debatte um Putin als Preisträger frage ich mich mittlerweile noch was ganz anderes: Für was braucht man eigentlich ein 19-köpfiges Kuratorium, wenn anscheinend bei der Abstimmung über die Preisträger ein Drittel gar nicht dabei ist?
5. Erbärmlich
AlexN, 16.07.2011
Dieses gutmenschliche Treiben rund um die Verliehung ist widerlich. Putin ist auf jeden Fall ein würdiger Empfänger, er hat in der Tat sehr viel für die deutsch-russischen Beziehungen gemacht und auch rund für die wirtschaftliche Wiedergeburt Russlands Beachtliches geleistet. Die Kritiker besitzen nicht einen Bruchteil seiner staatsmännischen Dimension. Die aus dem Finger gesaugte Kritik dient dazu, sich zu profilieren.
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Fläche: 17.098.200 km²

Bevölkerung: 143,972 Mio.

Hauptstadt: Moskau

Staatsoberhaupt:
Wladimir Putin

Regierungschef: Dmitrij Medwedew

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