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18. Februar 2013, 13:02 Uhr

S.P.O.N. - Im Zweifel links

Die Raab-Republik

Eine Kolumne von

Stefan Raab im Kanzlerduell? Bitte nicht! Der Blödsinn muss Grenzen haben. Politik ist kein Spiel, auch wenn das Privat-TV sie dazu machen will. Darum Vorsicht: Wer ARD und ZDF niedermacht, bekommt irgendwann, was er verdient - die Raab-Republik.

Stefan Raab macht den Eindruck eines größenwahnsinnigen, durchgeknallten ADHS-Teenagers mit eingebautem Amphetamin-Depot. Er macht also einen hervorragenden Eindruck. Für einen TV-Unterhalter. Raab gehört zu den zwei, drei wirklich genialen Fernsehfiguren, die es in diesem Land gibt. Er ist lustig, er versteht etwas von Musik und er hat keine Angst. Das ist viel. Es gäbe eine Menge Menschen im Politikgeschäft, denen man solchen Mut und solchen Humor wünschen würde.

Das ist es dann aber auch schon, was das Politikgeschäft von Raab lernen kann. Ansonsten sollte er sich da raushalten.

Politik ist eine ernste Sache, und Fernsehen, das sich mit Politik befasst, sollte auch eine ernste Sache sein. Ein Kanzlerduell mit Stefan Raab ergibt ebenso wenig Sinn wie überhaupt eine politische Talkshow mit Stefan Raab Sinn ergibt. Es ist ein Jammer, dass er jetzt eine hat. Das schadet dem Genre. Denn die Talkshow steht ja hierzulande unter besonderer Beobachtung. Und zwar durch die Intellektuellen.

Intellektueller sein ist leicht in Deutschland. Im Lexikon steht: "Als Intellektueller wird ein Mensch bezeichnet, der wissenschaftlich, künstlerisch, religiös, literarisch oder journalistisch tätig ist, dort ausgewiesene Kompetenzen erworben hat, und in öffentlichen Auseinandersetzungen kritisch oder affirmativ Position bezieht."

Aber auch Leute, auf die keines dieser Kriterien zutrifft, können sich leicht als Intellektuelle fühlen: Sie müssen nur das öffentlich-rechtliche Fernsehen kritisieren.

Fehlendes Einfühlungsvermögen

Vor allem Printjournalisten machen das gerne. Aus irgendeinem Grund halten Printjournalisten die vielen Talkshows, die es im öffentlich-rechtlichen Fernsehen gibt, für Schrott und die TV-Journalisten für Deppen. Man sieht zwar nicht so richtig, dass die Kollegen in der Redaktion von Anne Will irgendwie dümmer wären als die Kollegen, sagen wir, von der "Zeit". Aber das glauben die dort tatsächlich. Darum wurden in der "Zeit" gerade wieder die Talkshows und alle daran Beteiligten in Bausch und Bogen für blöd und verlogen erklärt.

In dem Artikel stand ein interessanter wie irriger Gedanke: "Man geht gemeinhin davon aus, dass Talkshows Modelle des gesellschaftlichen Lebens sind. Das ist falsch. In Wahrheit spielt das Talk-Fernsehen uns vor, was nicht stattfindet: Mitsprache, Partizipation, Debatte. [...] Je länger man deutsche Talkshows betrachtet, desto mehr könnte man sie mit einem anderen beliebten Format verwechseln, der Kochshow. Beide zeigen nicht, was sich in unserer Gesellschaft abspielt, sondern was ihr fehlt."

Vor allem fehlt aber dem Autor das Einfühlungsvermögen für den normalen Fernsehzuschauer. Denn auch wenn wir Printjournalisten das nicht so gerne hören: Es sind immer noch die öffentlich-rechtlichen Sender, die das Rückgrat der Medien- und Informationsdemokratie bilden. Der langjährige Verfassungsrichter und ZDF-Funktionär Dieter Grimm hat recht: "Die meisten Menschen beziehen ihre politischen Informationen aus dem Fernsehen." Und die privaten Kanäle kann er damit nicht meinen, die machen nicht in Politik.

Man kann das nüchtern feststellen, ohne den ganzen Unsinn zu beschönigen, den wir mit den Gebührengeldern auch bezahlen, das "blubbernde Aquarium voller grotesker Gestalten, die Dinge tun, die anderen Kulturen nur schwer zu vermitteln sind", um mal die hübschen Worte des SPON-Kollegen Georg Diez zu zitieren.

Die Talkshow rettet das gesprochene Wort

Als er noch Parlamentspräsident war, hat Wolfgang Thierse über die "Christiansenisierung der Politik" geklagt - nicht im Parlament würden die großen Debatten geführt, sondern im Studio. Und heute sagt Norbert Lammert: "Mein Haupteinwand gegen die anschwellende Flut von Politik-Talkshows ist: Sie simulieren nur politische Debatten. In Wahrheit benutzen sie Politik zu Unterhaltungszwecken."

Aber das ist ein Irrtum. Das Gegenteil trifft zu. Die Talkshow ist der Ort, an dem Politik verhandelt wird. Es findet dort nicht mehr oder weniger Simulation statt als der Politik ohnehin eigen ist.

Und noch etwas: In der Ära der Digitalisierung droht eine Besonderheit des alten Systems verloren zu gehen: die Rolle des gesprochenen Worts. Im Notariat muss der Vertrag vorgelesen werden. Wenn vor Gericht Strafen verhängt werden, gilt nur, was in mündlicher Verhandlung erfolgt ist. Der Akt des Aussprechens ist wichtig. Das gesprochene Wort ist kein Anachronismus. Die Talkshow rettet das gesprochene Wort.

Es gibt eine Definition, die sagt, Demokratie existiert immer nur dort, wo die Leute über Politik reden und sich über die engeren Lebenskreise hinweg zu politischer Öffentlichkeit formieren: ein Gespräch unter Bürgern, das in den Handlungen der staatlichen Organe nur seinen institutionellen Ausdruck findet. Habermas hat das die "Deliberative Demokratie" genannt. Die Talkshow ist das neue Parlament.

Um so wichtiger, sie nicht Stefan Raab zu überlassen. Sonst landen wir in der Raab-Republik. Dann gäbe es Grund, sich zu beschweren. Aber dann ist es zu spät.

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