S.P.O.N. - Im Zweifel links: Die Raab-Republik

Eine Kolumne von Jakob Augstein

Raab-Talk (mit Yvonne Ploetz und Linda Teuteberg): Dann ist es zu spät Zur Großansicht
DPA

Raab-Talk (mit Yvonne Ploetz und Linda Teuteberg): Dann ist es zu spät

Stefan Raab im Kanzlerduell? Bitte nicht! Der Blödsinn muss Grenzen haben. Politik ist kein Spiel, auch wenn das Privat-TV sie dazu machen will. Darum Vorsicht: Wer ARD und ZDF niedermacht, bekommt irgendwann, was er verdient - die Raab-Republik.

Stefan Raab macht den Eindruck eines größenwahnsinnigen, durchgeknallten ADHS-Teenagers mit eingebautem Amphetamin-Depot. Er macht also einen hervorragenden Eindruck. Für einen TV-Unterhalter. Raab gehört zu den zwei, drei wirklich genialen Fernsehfiguren, die es in diesem Land gibt. Er ist lustig, er versteht etwas von Musik und er hat keine Angst. Das ist viel. Es gäbe eine Menge Menschen im Politikgeschäft, denen man solchen Mut und solchen Humor wünschen würde.

Das ist es dann aber auch schon, was das Politikgeschäft von Raab lernen kann. Ansonsten sollte er sich da raushalten.

Politik ist eine ernste Sache, und Fernsehen, das sich mit Politik befasst, sollte auch eine ernste Sache sein. Ein Kanzlerduell mit Stefan Raab ergibt ebenso wenig Sinn wie überhaupt eine politische Talkshow mit Stefan Raab Sinn ergibt. Es ist ein Jammer, dass er jetzt eine hat. Das schadet dem Genre. Denn die Talkshow steht ja hierzulande unter besonderer Beobachtung. Und zwar durch die Intellektuellen.

Intellektueller sein ist leicht in Deutschland. Im Lexikon steht: "Als Intellektueller wird ein Mensch bezeichnet, der wissenschaftlich, künstlerisch, religiös, literarisch oder journalistisch tätig ist, dort ausgewiesene Kompetenzen erworben hat, und in öffentlichen Auseinandersetzungen kritisch oder affirmativ Position bezieht."

Aber auch Leute, auf die keines dieser Kriterien zutrifft, können sich leicht als Intellektuelle fühlen: Sie müssen nur das öffentlich-rechtliche Fernsehen kritisieren.

Fehlendes Einfühlungsvermögen

Vor allem Printjournalisten machen das gerne. Aus irgendeinem Grund halten Printjournalisten die vielen Talkshows, die es im öffentlich-rechtlichen Fernsehen gibt, für Schrott und die TV-Journalisten für Deppen. Man sieht zwar nicht so richtig, dass die Kollegen in der Redaktion von Anne Will irgendwie dümmer wären als die Kollegen, sagen wir, von der "Zeit". Aber das glauben die dort tatsächlich. Darum wurden in der "Zeit" gerade wieder die Talkshows und alle daran Beteiligten in Bausch und Bogen für blöd und verlogen erklärt.

In dem Artikel stand ein interessanter wie irriger Gedanke: "Man geht gemeinhin davon aus, dass Talkshows Modelle des gesellschaftlichen Lebens sind. Das ist falsch. In Wahrheit spielt das Talk-Fernsehen uns vor, was nicht stattfindet: Mitsprache, Partizipation, Debatte. [...] Je länger man deutsche Talkshows betrachtet, desto mehr könnte man sie mit einem anderen beliebten Format verwechseln, der Kochshow. Beide zeigen nicht, was sich in unserer Gesellschaft abspielt, sondern was ihr fehlt."

Vor allem fehlt aber dem Autor das Einfühlungsvermögen für den normalen Fernsehzuschauer. Denn auch wenn wir Printjournalisten das nicht so gerne hören: Es sind immer noch die öffentlich-rechtlichen Sender, die das Rückgrat der Medien- und Informationsdemokratie bilden. Der langjährige Verfassungsrichter und ZDF-Funktionär Dieter Grimm hat recht: "Die meisten Menschen beziehen ihre politischen Informationen aus dem Fernsehen." Und die privaten Kanäle kann er damit nicht meinen, die machen nicht in Politik.

Man kann das nüchtern feststellen, ohne den ganzen Unsinn zu beschönigen, den wir mit den Gebührengeldern auch bezahlen, das "blubbernde Aquarium voller grotesker Gestalten, die Dinge tun, die anderen Kulturen nur schwer zu vermitteln sind", um mal die hübschen Worte des SPON-Kollegen Georg Diez zu zitieren.

Die Talkshow rettet das gesprochene Wort

Als er noch Parlamentspräsident war, hat Wolfgang Thierse über die "Christiansenisierung der Politik" geklagt - nicht im Parlament würden die großen Debatten geführt, sondern im Studio. Und heute sagt Norbert Lammert: "Mein Haupteinwand gegen die anschwellende Flut von Politik-Talkshows ist: Sie simulieren nur politische Debatten. In Wahrheit benutzen sie Politik zu Unterhaltungszwecken."

Aber das ist ein Irrtum. Das Gegenteil trifft zu. Die Talkshow ist der Ort, an dem Politik verhandelt wird. Es findet dort nicht mehr oder weniger Simulation statt als der Politik ohnehin eigen ist.

Und noch etwas: In der Ära der Digitalisierung droht eine Besonderheit des alten Systems verloren zu gehen: die Rolle des gesprochenen Worts. Im Notariat muss der Vertrag vorgelesen werden. Wenn vor Gericht Strafen verhängt werden, gilt nur, was in mündlicher Verhandlung erfolgt ist. Der Akt des Aussprechens ist wichtig. Das gesprochene Wort ist kein Anachronismus. Die Talkshow rettet das gesprochene Wort.

Es gibt eine Definition, die sagt, Demokratie existiert immer nur dort, wo die Leute über Politik reden und sich über die engeren Lebenskreise hinweg zu politischer Öffentlichkeit formieren: ein Gespräch unter Bürgern, das in den Handlungen der staatlichen Organe nur seinen institutionellen Ausdruck findet. Habermas hat das die "Deliberative Demokratie" genannt. Die Talkshow ist das neue Parlament.

Um so wichtiger, sie nicht Stefan Raab zu überlassen. Sonst landen wir in der Raab-Republik. Dann gäbe es Grund, sich zu beschweren. Aber dann ist es zu spät.

Diesen Artikel...
Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.

Auf anderen Social Networks teilen

  • Xing
  • LinkedIn
  • Tumblr
  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • deli.cio.us
  • Digg
  • reddit
Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 352 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. Klamauk und Politik ist dasselbe!
albertdasschaf 18.02.2013
Und Typen wie Raab sorgen dafür daß das auch so bleibt! Bitte schlagt den Raab!
2. ?
florianyx 18.02.2013
Es geht doch nur darum, die politische Diskussion durch einen Moderator zu erweitern - nicht sie Herrn Raab zu überlassen.
3. Einfühlungsvermögen?
captain 18.02.2013
...für den normalen Fernsehzuschauer? Das konnte ich bei IHNEN, Herr Augstein auch noch nicht feststellen.
4. Hetze über öffentlich rechtliche Talkshows
fexbest 18.02.2013
Ihr als SPON Redakteure nehmt euch natürlich aus der Kritik an den Talkshows der öffentlichen Rechtlichen komplett raus? Hauptsache mal auf die Zeit schieben...
5. Was?
insideman 18.02.2013
Politik ist eine ernste Sache? Seit wann das denn? Für mich ist Politik nur eine Zirkusshow in der Clowns sich gegenseitig Posten und Geld zuschieben. Weiß nicht wo Herr Augstein hier den Ernst ausmacht... Abgesehen davon will Raab auch gar keine Politik machen. Ich nehme an er bevorzugt es sein Geld ehrlich zu verdienen.
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Politik
Twitter | RSS
alles aus der Rubrik Deutschland
RSS
alles zum Thema S.P.O.N. - Im Zweifel links
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2013
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH

SPIEGEL ONLINE Schließen


  • Drucken Versenden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • Kommentieren | 352 Kommentare
  • Zur Startseite
Jakob Augstein
In dieser Woche...

...berichtet "Der Freitag" unter anderem über folgende Themen:

  • Abgelehnt! Unser Familienrecht wird Kindern nicht gerecht. Was sich ändern muss

    Machismo: In Südafrika ist sexuelle und häusliche Gewalt alltäglich. Der Fall Pistorius lenkt den Blick darauf

    Infantil: Silvio Berlusconis Comeback lässt sich auch so erklären: die Lust der Italiener am Untergang

    Grotesk: Allen Skandalen zum Trotz halten wir an unserer Fleischkultur fest. Dafür spricht sogar einiges

  • Lernen Sie jetzt den Freitag kennen!

Vote
Raab und das Kanzlerduell

Sollte Stefan Raab das TV-Duell zwischen Angela Merkel und Peer Steinbrück moderieren?