Debatte um Wahlbetrug Schäfer-Gümbel bittet per Videoblog um Verzeihung

Er hat kaum eine Chance, aber er will sie nutzen: Hessens SPD-Spitzenkandidat Schäfer-Gümbel entschuldigt sich in seinem ersten Videoblog für den Wortbruch seiner Partei. Die Internet-Strategie hat er sich aus den USA abgeguckt - doch der Youtube-Wahlkampf hat seine Tücken.

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Hamburg - Thorsten Schäfer-Gümbel ist kein Mann des höflichen Vorgeplänkels. Er kommt lieber direkt zur Sache. "Am 18. Januar 2009 sind Sie erneut zur Wahl des hessischen Landtags aufgerufen. Damit zum zweiten Mal innerhalb eines Jahres", spricht er sachlich in die Kamera. Dann senkt er seine Stimme. "Dieser Wahlgang ist überschattet von der großen Debatte um den Wortbruch."

Internet-Seite von Schäfer-Gümbel: "Ich will sagen, dass wir einen großen Fehler gemacht haben"
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Internet-Seite von Schäfer-Gümbel: "Ich will sagen, dass wir einen großen Fehler gemacht haben"

"Ich will sagen", fährt er leicht stockend fort, "dass wir einen großen Fehler als hessische SPD gemacht haben." Ausgerechnet in diesem Moment knarzt im Hintergrund unüberhörbar eine Tür.

Doch der Politiker lässt sich nicht aus dem Takt bringen, der "große Fehler", erklärt er weiter, sei gewesen, "eine Tolerierung der Linkspartei im vergangenen Jahr auszuschließen und es anschließend doch zu versuchen."

"Das hat Enttäuschung hervorgerufen", stellt Schäfer-Gümbel fest. Wieder knarzt die Tür.

Am Wochenende hat der Spitzenkandidat der Hessen-SPD auf seiner Internet-Seite den ersten eigenen Videoblog veröffentlicht. Das Setting wirkt auf den ersten Blick alles andere als glattgebügelt. Schäfer-Gümbel steht jackettlos vor einem Regal mit Fachbüchern und erweckt den Eindruck, als habe er spontan in der Mittagspause den Entschluss gefasst, sich per Internet-Botschaft ans Volk zu wenden.

"Online-Wahlkampf nach US-Vorbild"

Doch die Schlichtheit ist gewollt. Denn Wähler, das wissen auch Politiker mittlerweile, wollen keinen über-professionellen Hochglanzredner, der vom Teleprompter abliest. Deshalb stört es nicht, dass "TSG" eins, zwei Mal nach Worten sucht.

Immerhin steht die hessische SPD vor der Herausforderung, einen bis vor wenigen Wochen noch völlig unbekannten Politiker populär zu machen. Dazu haben Strategen und Berater nicht einmal zwei Monate Zeit. Nach "Tagesspiegel"-Informationen hat die Hessen-SPD deshalb eine Düsseldorfer Werbeagentur engagiert. Man habe sich geeinigt, "Elemente für einen Online-Wahlkampf nach US-Vorbild" zu verwenden, heißt es. Der "Videodialog" getaufte Blog soll nun offenbar die erste Aktion in Richtung Web-Wahlkampf sein.

Allerdings ist das Thema Wortbruch abgehakt, noch bevor die erste Blogminute zu Ende ist. "Im Wissen dieses Fehlers haben wir uns entschieden, den Blick nach vorne zu richten", spricht Schäfer-Gümbel, er klingt plötzlich viel dynamischer, zieht das Redetempo an. Flugs ist er bei den G8 gelandet, bei Studiengebühren, Mindestlohn, Energiewende und Finanzkrise.

"Um diese Themen erneut mit Ihnen zu diskutieren" bittet er seine Zuhörer, ihre "Anregungen" an ihn zu schicken. Er lächelt, vom reumütigen Spitzenkandidaten ist nichts mehr übrig. Schäfer-Gümbel verspricht, in der kommenden Woche ein neues Video zu veröffentlichen und auf das Feedback zu reagieren.

Reicht eine Entschuldigung für den Neuanfang?

Der Name Ypsilanti fällt in keiner Sekunde, auch differenziert er nicht zwischen denen, die den Wortbruch begangen haben, und denen, die ihn scharf kritisierten. Thorsten Schäfer-Gümbel entschuldigt sich stellvertretend für "die hessische SPD". Dabei zeigt doch das Drama um die vier Abweichler, der gescheiterte Versuch Ypsilantis, Roland Koch zu beerben, und die anschließende Not-Installation Schäfer-Gümbels, dass es diese eine, geschlossene Hessen-SPD nicht gibt. Doch all das hat keinen Platz in zweieinhalb Youtube-Minuten.

Vor einer Woche erst hatte sich der neue Spitzenkandidat schon einmal für den Wortbruch entschuldigt, in einem Interview mit der "Süddeutschen Zeitung". Auch dort ließ er unerwähnt, dass er genau wie Ypsilanti vor der Landtagswahl entrüstet darauf bestand, keinerlei Bündnis mit der Linken eingehen zu wollen - und nach der Wahl den Parteibeschluss, es auf einen Pakt mit den Radikalen ankommen zu lassen, mitgetragen hat.

"Ich freue mich auf Ihre zahlreichen Antworten", sagt Schäfer-Gümbel zum Schluss, dann wird er ausgeblendet. Unter dem Videofenster folgt der muntere Aufruf: "Schreiben Sie mir!"

Eines haben die Strategen allerdings nicht bedacht. Das Youtube-System der Querverweise auf verwandte Videos blendet unmittelbar andere Beiträge zu Schäfer-Gümbel ein. Darunter jede Menge Spottmaterial, das Journalisten und Hobby-Lästerer in den vergangenen Wochen zuhauf verfassten - nutzerfreundlich gebündelt. Zum Beispiel die Karikatur von Schäfer-Gümbel als Obama ("Yo isch kann"), unterlegt mit deutschem Punkrock. Oder eine Fernsehsatire, in der der Spitzenkandidat als "Agent Doppelnull" verhöhnt wird. Oder Ausschnitte aus einem Fernsehinterview, in dem Michel Friedman Schäfer-Gümbel einen "Ypsilanti-Ersatz" und "politischen Lügner" nennt.

Wer den Web-Wahlkampf will, muss auch seine derben Nebenprodukte in Kauf nehmen.

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Forum - SPD in Hessen - wie stehen die Chancen für einen Neuanfang?
insgesamt 1135 Beiträge
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Seite 1
off_road 21.11.2008
1.
Je länger Ypsilanti an den Ämtern klebt, umso schlechter für die Genossen.
off_road 21.11.2008
2.
Walter und Everts dürfen jetzt doch kandidieren. In der SPD ist man sich des eigenen Demokratieverständnises allmählich wohl doch unsicher geworden. Auf faz.net ist dazu zu lesen: ---Zitat--- Die in den vergangenen Tagen unter Teilnahme von Verfassungsrechtlern ausgebrochene Diskussion, ob damit gegen „demokratische Mindestanforderungen“ bei der Kandidatenaufstellung verstoßen und die Neuwahl daher angefochten werden könne, hat die hessische SPD-Führung nun offenbar aufgeschreckt. ---Zitatende---
Lehrer_Lämpel 21.11.2008
3.
Zitat von sysopIn der hessischen SPD herrscht Chaos, der Druck auf Parteichefin Ypsilanti wächst. Wie sehen Sie die Chancen der Genossen bei den Neuwahlen?
Ich glaube, die Hessen werden nach dem Motto wählen: "Lieber schlecht KOCHen als gut GÜMPELn..." Ob das GUT FÜR DAS LAND sein wird, wissen die Götter.
DiKi, 21.11.2008
4. SPD-Querelen in Hessen-wie sehen Sie die Chancen für einen Neuanfang?
Zitat von off_roadJe länger Ypsilanti an den Ämtern klebt, umso schlechter für die Genossen.
Pattex-Andrea wird die SPD nach unten ziehen,wenn sie weiterhin an ihren Ämter als Parteichefin und Fraktions- vorsitzende festhält!Der Wähler fragt sich doch jetzt, ob er,wenn er Schäfer-Gümbel wählt,nicht doch Ypsilanti bekommt,vielleicht geht es dann so aus,wie in Bayern,da steht ein Ministerpräsident Günther Beckstein zur Wahl, der schneidet schlecht ab und geht und die CSU wählt im Landtag Seehofer zum Ministerpräsidenten,man stelle sich mal vor,die SPD verliert ebenfalls über 14% am 18.1.2009, was ja nicht unwahrscheinlich ist und die Grünen und die Linkspartei legen um diese Prozentzahl zu und es reicht für Rot-Rot-Grün,dann würde ich mich nicht wundern,wenn die SPD dann mal kurz Schäfer-Gümbel durch Ypsilanti austauscht,der Koalitionsvertrag braucht dann ja nicht mehr neu verhandelt werden,der steht ja schon,das wäre doch ein Geniestreich der Hessen-SPD! Da kann man nur jedem Wähler raten:"Sei auf der Hut!!!" MfG DiKi
dieterschg, 21.11.2008
5.
Zitat von sysopIn der hessischen SPD herrscht Chaos, der Druck auf Parteichefin Ypsilanti wächst. Wie sehen Sie die Chancen der Genossen bei den Neuwahlen?
Wieso Chaos, wenn ich mich mit SPD-lern unterhalte, finden ca. 80-90% die jetzige Lösung in Ordnung, im Übrigen stehen die weitgehend hinter dem bisherigen, und wieder vertretenen Programm auch für den Januar. Gut meine Gesprächspartner sind meist vom stärsten Teilverband "Südhessen", und einige die ich aus dem Norden kenne, sehen das aber ähnlich. Also waraus schließt Spiegel-Online, den angeblichen Druck auf Ypsilanti, die Partei erscheint mir froh, dass sie noch in verantwortlicher Position steht. Auch wenn hier im Forum kräftig dagegen agiert wird, mit der Realität hat das meiner Meinung nach wenig zu tun, - und Verluste haben die schon einkalkuliert, wodurch die LINKE allerdings auf das Niveau anderer CDU-regierten Länder kommen wird, so zwischen 6-8%.
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