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Debatte: Was der Mitte das Leben vermiest

Eine Analyse von Franz Walter

Deutschlands Mittelschicht plagt Zukunftspanik. Viel größer als die Abstiegsangst sind die Sorge um die Chancen der eigenen Kinder - und die wachsende Wut auf das Versagen der Politik.

Familie in Deutschland: Vergebliche Suche nach einem politischen Helden Zur Großansicht
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Familie in Deutschland: Vergebliche Suche nach einem politischen Helden

Göttingen - Droht Deutschlands Mittelschicht der Absturz? Eine jüngst veröffentlichte Studie des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) attestiert dem Mittelbau der Gesellschaft "Statuspanik".

Das aber ist nur die eine, die schlechtere Seite. Denn gleichzeitig zeigt die Mitte ein großes Zutrauen in die eigenen Fähigkeiten - und präsentiert sich als krisenerprobt und krisengestählt. Sie hat ihr Leben im Griff, trifft Vorsorge, lernt dort hinzu, wo es nötig ist, verändert sich dann, wenn Stagnation zur Gefahr werden könnte.

Die nötige Kraft dafür schöpft die Mitte aus der Familie. Exakt hier aber keimen die Hauptsorgen dieser Schicht.

Eltern fürchten nicht unbedingt den eigenen Abstieg; aber sie sind pessimistisch, was die Zukunft ihrer Kinder angeht. Noch düsterer erscheinen der Mitte die Aussichten des bundesdeutschen Gemeinwesens schlechthin.

Dies sind die wichtigsten Ergebnisse einer Befragung, die Göttinger Politikwissenschaftler unter der Regie der Q-Agentur für Forschung aus Mannheim während des Wahlkampfs und nach den Wahlen in Nordrhein-Westfalen, gestartet haben (siehe Kasten).

Kein Vertrauen mehr in die Politik

Demnach erwartet die Mitte im Grunde nichts mehr von der Politik. Ohne große Emotionen, kühl und realistisch setzen die Menschen im sozialen Zentrum voraus, dass der Raum für jeden Politiker - selbst wenn er besten Willens und von einiger Güte wäre - denkbar knapp bemessen ist.

In der Woche nach den Landtagswahlen fand sich unter den Mitte-Zugehörigen in NRW, die an der Erhebung teilnahmen, niemand, der freudige Erwartungen in eine der seinerzeit noch zirkulierenden Koalitionsvarianten gesetzt hätte. Der Tenor war fatalistisch: Wer auch immer künftig die Regierung bilden oder anführen würde, entscheidende Auswirkungen für das eigene Leben und die Strukturen im Bundesland seien keinesfalls zu erwarten.

Auch Wähler der Sozialdemokratie aus diesem Spektrum der Mitte rechneten nicht mit einem wie auch immer identifizierbaren "Politikwechsel", den die Spitzenkandidatin der SPD, Hannelore Kraft, doch Tag für Tag in Aussicht stellte. Auch zeigten sich die Befragten gegenüber den Aufgeregtheiten und Winkelzügen rund um die Koalitionsbildung gleichgültig. Es tangiert sie im Gros nicht im geringsten.

Die Mitte hat ihre eigenen Sorgen und Nöte. Fünf Themen beschäftigen sie besonders:

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 192 Beiträge
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1. Die Angst der Mittelschicht
seniorita 17.06.2010
Wieder kann man sich fragen, was genau "die Angst der Mittelschicht" ist und was es darüber zu debattieren gäbe. Wenn man sich mal von SPON losreißen kann und zum Beispiel einkaufen geht, mit dem Nachbarn schwätzt oder sich in die Schlangen vor dem JobCenter einzureihen hat, dann weiß man, dass nicht "die Mittelschicht" Angst hat, sondern der Mensch, der seine Arbeit verloren hat, bald oder auch später verlieren will, nicht mehr mithalten kann, keine Ausbildung kriegt, keine Aufträge, Rechnungen nicht mehr begleichen kann, mehr Ausgaben als Einnahmen hat und selbst bescheidenes Einkaufen bei ALDI zur Rechenkunst mutiert. Befassen wir uns doch weniger mit der psychischen Komponente der Angelegenheit, lieber mit der ökonomischen. Befassen wir uns doch mit den Ursachen für das Elend. Nicht mit den Zerrbildern des Menschen, wenn ihm die Lebensgrundlagen weg brechen. Wär` wichtig für uns selbst und für unsere Kinder. Deren Kinder natürlich auch. Und so weiter und so weiter.... www.freiheitswerk.de
2. Wenn ich den Sysop richtig verstehe...
rafkuß 17.06.2010
Zitat von sysopDeutschlands Mittelschicht plagt Zukunftspanik. Viel größer als die Abstiegsangst ist die Sorge um die Chancen für die eigenen Kinder, diagnostiziert der Politikwissenschaftler Franz Walter - und die wachsende Wut auf das Versagen der Politik. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,700984,00.html
...ist also "Mitte", wer sich ob des Gesamtzustandes unseres Umfeldes Sorgen um die Zukunft von Kindern und Kindeskindern macht. Das mache ich mir zunehmend auch, mit tausend Euro Netto. Also bin ich linke Mitte mit wachsender Wut. Wie beruhigend. Es lebe der Mittelstand!
3. Wie wahr, wie wahr....
nethopper01 17.06.2010
Die Studie spricht mir in vielen Punkten aus dem Herzen. Scheinbar bin ich doch ein typischer Vertreter des Mittelstandes. Vor allem die Sorge um die Kinder ist typisch. Der Kampf um eine erfolgreiche Gymnasialläufbahn und ein gutes Studium, das ist wirklich mörderisch geworden. Mehr als 2 Kinder bekommt man nicht durch diese Mühlen. Dabei kippt der Staat den Eltern jede Menge Müll vor die Füße. G8, längeres gemeinsames Lernen, Abschaffung der Leisungskurse in der gymnasialen Oberstufe, Bachelor Studiengänge mit viel zu früher Spezialisierung usw. Ich stelle zudem bei mir eine Entfremdung vor diesem Staat und seinen Institutionen fest. Unsere Zukunftschancen werden systematisch von der Politik verspielt. Deshalb lernen meine Kinder auch auf einem humanistischen Europagymnasium 4 Fremdsprachen. Latein als erste Fremdsprache stellt weitgehen sicher, dass ausschliesslich Kinder des Bildungsbürgertums diese Schule besuchen. Jedes Jahr Auslandsaufenthalte, Sprachkurse, eintauchen in fremde Kulturen. Und ich vermittle ihnen das Gefühl, ihr seid diesem Staat nichts schuldig. Wir sind hier die Nettozahler, und die sind in jedem Land der Welt herzlich willkommen. Nutzt Eure Chancen, wenn nicht hier dann anderswo.
4. Miserable Bildungspolitik in NRW
Der einfache Bürger 17.06.2010
Ich habe eine 15-jährige Tochter, die ein Gymnasium besucht und als erster Jahrgang in die verheerende "G8" kam. Ein unüberschaubares Chaos, auch in den Augen der Lehrkräfte. Bis zu 30% Unterrichtsausfall, unqualifiziertes, demotiviertes Lehrpersonal mit befristeten Arbeitsverträgen, etc. Auf Anfrage des Direktors an die Landesregierung, wie die Kinder darauf vorbereitet werden können, wenn 2 Jahrgänge gleichzeitig Studienplätze suchen, wurde ihm mitgeteilt, dass es nicht die Angelegenheit der Landesregierung sei, sondern die Angelegenheit der Universitäten. Für die "G8" gibt es teilweise keine Lehrbücher, die Schüler sollen sich über Internet informieren. etc., etc., etc. Die einzige Möglichkeit als "ehemaliger" treuer CDU-Wähler, mich gegen diese Situation zu wehren ist es, alle meine Bekannten davon zu überzeugen, respektive darum zu bitten, in NRW keine CDU zu wählen. Allerdings kann ich auch keine Alternative vorschlagen. Wir haben die finanziellen Mittel, unsere Tochter alles zu bieten, was für ihre Bildung notwendig ist, Sprachreisen nach Kalifornien, etc. Langfristig ziehen wir in Erwägung, in ein anderes Bundesland umzuziehen, oder auch Deutschland ganz zu verlassen.
5. Den Blick bitte schärfer stellen
thomas bode 17.06.2010
Angeblich leben wir in einer Informationsgesellschaft. Aber was kursiert sind meist keine Informationen sondern unzähliger, den Geist vernebelnder "Content". Informationen sind nämlich verdichtet und auf de Punkt gebracht. Aber darum geht es kaum jemanden. Gerade die "Elite" profitiert ja gerade von dem mentalen und letztlich politischen Chaos. TV und Presse wollen primär erregen, unterhalten, verkaufen. Bei der Diskussion um die "Mittelschicht" fragt man sich warum man nicht über das eigentliche Thema spricht: die Unterschicht. Es ist so als ob man nicht über die Krankheit Krebs, seine Ursachen und Behandlung sondern über die Angst vor dem Krebs schreibt. Das Problem sind ja nicht die Angst oder die Mittelschicht an sich sondern das was mit ihr oder ihren Kindern passieren KANN. Wenn wir nicht damit mal anfangen kann das noch übel enden. Ist es denn so schwer zu erkennen dass sich die Grundlagen unserer Gesellschaft in Erosion befinden? Das ist das eigentliche Problem. Die Grundlage war das implizite Versprechen dass im Laufe der Zeit allmählich der Wohlstand immer weiter wächst und zwar bis zu dem Punkt wo er auch die "unterste Schicht" erreicht hat. Daran glaubt niemand mehr. Und nun? Das Grundgesetz und unsere viel beschworenen Werte verlangen danach diesen innersten Kitt zu erneuern, dabei wird er immer noch weiter von den Ignoranten der aktuellen Regierung, zerstört. Es muss ein behutsames aber entschlossenes Umsteuern geben. Würde und Respekt füreinander, jenseits diskrimnierender Begridffe wie "Unterschicht" müssen wieder belebt werden. Potentiale entfesselt, Zuversicht geweckt. Das geht, aber nicht mit der aktuellen Politik.
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Die Mitte in Zahlen: Sorgen, Steuern, Einkommen

Die Mitte-Forscher
Vor gut einem Jahr hatte sich eine Gruppe Göttinger Politikwissenschaftler gemeinsam mit Forschern des Heidelberger Sinus-Instituts aufgemacht, um mit den üblichen Methoden der empirischen Sozialforschung Einstellungen und Werte, Ängste und Hoffnungen in den sozial abgehängten Schichten der deutschen Gesellschaft zu erkunden. Die Ergebnisse lösten seinerzeit auf SPIEGEL ONLINE eine erregte, kontroverse Debatte aus. Nun ist die Göttinger Forschergruppe, diesmal unter der konzeptionellen Regie der Q-Agentur für Forschung aus Mannheim, erneut in eine bundesdeutsche Lebenswelt eingedrungen: nämlich in die „Mitte“ der Gesellschaft, genauer: in die nordrhein-westfälische Mitte zwischen Bielefeld und Köln, zunächst in den Zeiten des Wahlkampfes und schließlich während der Tage, die dem Wahlsonntag unmittelbar folgten. Die Methodik: Die Wissenschaftler befragten über mehrere Stunden in so genannten Kreativ-Gruppen Mitglieder der Mittelschicht. Zur Mittelschicht kann gerechnet werden, wer zwischen 70 und 150 Prozent des durchschnittlichen Haushaltsnettoeinkommens verdient.
Zum Autor
Uni Göttingen
Franz Walter, Jahrgang 1956, ist Parteienforscher und lehrt Politikwissenschaft an der Universität Göttingen. Seit März 2010 leitet er das Göttinger Institut für Demokratieforschung.

Buchtipp

Franz Walter:
Vorwärts oder abwärts?
Zur Transformation der Sozialdemokratie.

edition Suhrkamp; 135 Seiten; 8 Euro.

Erscheint am 15. März 2010.

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