Konservative Säcke Jan schwätzt zu viel

"Einfach mal die Klappe halten" lautet neuerdings die Empfehlung an alle, die zu weiß, zu alt und zu männlich sind. Um Toleranz und Vielfalt sicherzustellen, will man sie einschränken. Was für eine fabelhafte Paradoxie.

Der Kolumnist bei der Arbeit (Symbolbild)
Getty Images/ SuperStock

Der Kolumnist bei der Arbeit (Symbolbild)

Eine Kolumne von


Diesen Text hätte ich mir besser verkniffen. Eigentlich hätte er so nie erscheinen dürfen.

Mir ist ausdrücklich gesagt worden, ich sollte einfach mal die Klappe halten. Leser haben das gesagt, aber auch eine Kollegin aus dem eigenen Haus. "Einfach mal die Klappe halten und einsehen, dass man in einer Diskussion vielleicht mal nicht das letzte Wort hat?", so stand es als Rat an alle "konservativen Feuilleton-Männer" in einem Kommentar von Eva Horn zur Sexismus-Debatte.

Gut, ich könnte für mich in Anspruch nehmen, dass ich Kolumnist und nicht Feuilletonist bin. Konservativ bin ich streng genommen auch nicht. Was die politische Selbstetikettierung angeht, halte ich es mit dem Schriftsteller Martin Mosebach, der auf die Frage, ob er konservativ sei, einmal geantwortet hat: Konservativ klinge ihm zu sehr nach Konserve. Da sei er lieber reaktionär.

Aber das wären Ausweichmanöver. Alternde, weiße Journalisten, die immer das letzte Wort haben wollen? Männer, die einfach mal die Deutungshoheit beanspruchen, völlig unabhängig davon, ob sie den Sachverhalt überhaupt beurteilen können? Na, wenn das als Beschreibung auf jemanden passt, dann wohl auf mich.

Der Satz "einfach mal die Klappe halten" begegnet mir in jüngster Zeit öfter. Wenn nicht alles täuscht, dann ist er dabei, zu einer Art Slogan einer neuen Jetzt-red-i-Bewegung zu werden. Und "Klappe halten" ist noch die freundliche Fassung. "Einfach mal die Fresse halten": So watschte die Kreuzberger Grünen-Abgeordnete Canan Bayram vor ein paar Wochen ihren Parteikollegen Boris Palmer ab.

Manchen, die sich zu Wort melden, reicht es erkennbar nicht mehr, ihren Anliegen Gehör zu verschaffen. Sie verlangen, dass die andere Seite Ruhe gibt. Oder besser noch: dass endlich jemand dafür sorgt, dass auch publizistisch Quotengerechtigkeit herrscht.

Anlässe für die Schweigeforderung sind vielfältig

Die Anlässe für die Schweigeforderung sind vielfältig. Wenn es nicht der Sexismus ist, der mehr Zurückhaltung von Leuten wie mir verlangt, dann sind es die Flüchtlinge oder die Klimapolitik. Grundsätzlich eignet sich jedes Thema, das eine ausreichende Zahl von Betroffenen kennt, um eine Neujustierung der Diskursrichtlinien anzumahnen.

Mir fällt es von Natur aus schwer, den Mund zu halten. Das ist das erste Problem, das ich mit sprachlichen Benimmregeln habe. Schon in meinem ersten Zeugnis fand sich der Satz: "Jan schwätzt zu viel." Außerdem kollidiert das Klappehalten mit meinem Arbeitsvertrag.

Es hat seinen Grund, warum ich beim SPIEGEL und nicht bei der "taz" oder der "Süddeutschen Zeitung" bin. Der SPIEGEL ist ein hanseatisch geführtes Blatt, was bedeutet, dass hier auch Autoren zum Zug kommen, die nicht die Mehrheitsmeinung der Redaktion vertreten. Bei der "taz" oder der "Süddeutschen" würde ich als Kolumnist nicht eine Woche überleben.

Der zweite Vorbehalt ist grundsätzlicher Natur. Es macht mich immer skeptisch, wenn Leute verlangen, dass Diskursräume verengt werden statt sie zu erweitern. Was treibt Menschen, die sich die Vielfalt und Toleranz auf die Fahnen geschrieben haben, diese bei der erstbesten Gelegenheit infrage zu stellen?

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Die Argumentation dahinter kenne ich, die geht so: Gerade um Toleranz und Vielfalt sicherzustellen, muss man sie einschränken, um den Feinden der Vielfalt das Wasser abzugraben. Aber das ist etwa so überzeugend wie die Verteidigung der Freiheit durch einen stalinistischen Schauprozess.

Mit der Unduldsamkeit gegenüber unliebsamen Meinungen korrespondiert eine erstaunliche Empfindlichkeit, was vermeintliche Diskriminierung angeht. Alles ist gleich Hetze oder Populismus. Es reicht der kleinste Aufreger, um Alarm zu schlagen.

In meinem neuen Buch über Scheidungen steht an einer Stelle, dass es sicher auch Paare gebe, die sich einvernehmlich trennen würden - so wie es ja auch Babys gebe, die vom ersten Tag an durchschliefen, und Italiener, die ihr Geld zusammenhielten. Sofort wurde ich auf Twitter zur Ordnung gerufen, der Satz sei rassistisch und hetzerisch. Dass ich, was die Verschuldung der Italiener angeht, die Statistik der Europäischen Zentralbank auf meiner Seite habe, nützte mir gar nichts.

Wo Hetze auf dem Index steht, da steht der Hass erst recht

Wissen die Leute, die überall Hetze wittern, eigentlich, wie es früher so im Journalismus zugegangen ist, frage ich mich manchmal. Haben sie einmal einen Text von Karl Kraus gelesen, um nur ein Beispiel zu nennen. Oder, wem das zu weit zurückliegt: Maxim Biller?

Ich habe neulich den Sammelband mit den Kolumnen zur Hand genommen, die Biller bei "Tempo" veröffentlicht hat. Es ist ein wunderbares Buch, das ich nur jedem empfehlen kann, der wissen will, wie man ohne Handbremse schreibt. Allein die 100 Zeilen über die inzwischen verstorbene "Zeit"-Herausgeberin Marion Gräfin Dönhoff lohnen den Kauf. "Schwacher Aufbau, schlechte Worte - aber die richtigen Ansichten", das traf und trifft ins Schwarze.

Ich fürchte, es ist undenkbar, dass jemand heute noch eine Kolumne schreiben könnte, die "100 Zeilen Hass" heißt. Wo Hetze auf dem Index steht, da steht der Hass erst recht. Apropos: Deniz Yücel, für den sie jetzt überall Solidaritätsaktionen veranstalten, ginge auch nicht mehr. Ein Mann, der sich anlässlich der Fußball WM einen Spaß daraus macht, andere Nationen zu beleidigen und bei einem Kongress so lange das Wort "Neger" sagt, bis alle schreiend aus dem Saal laufen? So einer gehört doch ins Gefängnis!

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insgesamt 211 Beiträge
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Seite 1
MoorGraf 16.11.2017
1. einfach mal die Klappe halten: falsch verstanden
man kann den Satz natürlich auch absichtlich missverstehen, wie JF das hier tut. Aber im Original geht es nicht um das Verbieten von Reden, es geht um die Frage, WARUM manche Menschen reden. Um was beizutragen? Gerne. Auch wenn´s nicht meine Meinung ist. Im Original von Nuhr geht es um die Leute, die keine Ahnung haben, die nichts zu sagen haben, die aber trotzdem laut vor sich hinbrabbeln: "Wenn man keine Ahnung hat, einfach mal die Klappe halten." Ob die Kolumne hier so was ist? Aus meiner Sicht ja. Nirgendwo wird Männern oder Weißen oder wem auch immer verboten, sich zu äußern. Aber wenn "Mann" darüber diskutiert, ob Frauen sich zurecht belästigt fühlen dürfen, ist das selten von Wissen, Empathie oder sonstigem Wert getragen. Dann fände ich persönlich auch besser, dass nicht alles, was gebrabbelt werden kann, auch zu Gehör kommt...
dasdauertaber 16.11.2017
2. Herrlich
Herr Fleischhauer hat es mal wieder auf den Punkt gebracht. Ein Genuss, diese Kolumne zu lesen. Und das erwartbare Gezeter der für "Toleranz und Vielfalt" eintretenden Gutmenschen macht sicherlich auch Freude...
shekina_niko 16.11.2017
3. Wissen, Empathie...
Zitat von MoorGrafman kann den Satz natürlich auch absichtlich missverstehen, wie JF das hier tut. Aber im Original geht es nicht um das Verbieten von Reden, es geht um die Frage, WARUM manche Menschen reden. Um was beizutragen? Gerne. Auch wenn´s nicht meine Meinung ist. Im Original von Nuhr geht es um die Leute, die keine Ahnung haben, die nichts zu sagen haben, die aber trotzdem laut vor sich hinbrabbeln: "Wenn man keine Ahnung hat, einfach mal die Klappe halten." Ob die Kolumne hier so was ist? Aus meiner Sicht ja. Nirgendwo wird Männern oder Weißen oder wem auch immer verboten, sich zu äußern. Aber wenn "Mann" darüber diskutiert, ob Frauen sich zurecht belästigt fühlen dürfen, ist das selten von Wissen, Empathie oder sonstigem Wert getragen. Dann fände ich persönlich auch besser, dass nicht alles, was gebrabbelt werden kann, auch zu Gehör kommt...
Danke für Ihren Kommentar, der mir aus der Seele spricht.
karabas 16.11.2017
4. alleine heute
habe ich bei SPON mindestens einen Artikel mit "Hetze" in Überschrft gelesen. Solche überschriften flimmern täglich. AfD, früher FDP, mittlerweile teilweise auch CSU scheinen überhaupt nicht mehr normal reden zu können. Wen man die Überschriften liest, dann hetzen, wettern oder im besten Falle lästern sie nur noch. Es war noch nie so schlecht um den Pluralismus und guten objektiven Jornalismus in diesem Land bestellt, seit ich auf der Welt bin.
DougStamper 16.11.2017
5. Mimimi
Fleischi, bitte kehre zurück zur politischen Kolumne. Dieses „mimimi ich darf nicht mehr“ konservativ sein nervt. Sie dürfen alles schreiben was auf dem Boden der Meinungsfreiheit steht und nicht gegen Gesetze verstößt. Sie müssen aber auch damit leben können, dass jemand anderer Meinung ist und das auch lautstark kundtut. Bloß weil ihre Kollegin der Meinung ist sie sollten die Klappe halten müssen sie das noch lange nicht tun. Oder wurde ihre heutige Kolumne zensiert? Ich denke nicht, und daher bleibt das alles hier nur rumgeheule weil andere genau so ihre Meinung kund tun wie sie.
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