Kulturbetrieb Seid Ihr Linke oder Mäuse?

Man kann auch intellektuell verfetten: Keine Ideen, keine Schlagfertigkeit - das Einzige, was dem kulturellen Establishment gegen die Provokationen von rechts einfällt, ist der Boykott.

Günter Gaus (rechts) im Gespräch mit Rudi Dutschke, 1967 (Bild aus der SWR-Sendung "Deutsche Lebensläufe")
SWR/ Käte Krome

Günter Gaus (rechts) im Gespräch mit Rudi Dutschke, 1967 (Bild aus der SWR-Sendung "Deutsche Lebensläufe")

Eine Kolumne von


Vor ein paar Monaten sollte der Verleger Götz Kubitschek im Theater Magdeburg auftreten. Kubitschek gilt als der intellektuelle Kopf der Neuen Rechten. Der Bauernhof, auf dem er mit Frau und Kindern in einem Kaff zwischen Leipzig und Erfurt lebt, ist zum Wallfahrtsort für alle geworden, die sich mit den Ideen, die den Aufstand von rechts antreiben, vertraut machen wollen.

Kubitschek ist eine Art Ernst-Jünger-Figur, also ein rechter Hippie minus Haschisch, Käferkunde und Weltkriegserfahrung. Das ist für eine Veranstaltung, die "den neuen politischen Akteuren auf den Zahn fühlen" will, wie es in der Ankündigung des Theaters hieß, schon mal keine schlechte Besetzung.

"Unglaublich und verantwortungslos"

Geplant war in Magdeburg eine Podiumsdiskussion, an der neben einer Kunstprofessorin aus Baden-Württemberg auch der sachsen-anhaltische Innenminister Holger Stahlknecht teilnehmen sollte. Kaum hatte das Theater seine Pläne annonciert, formierte sich Protest.

Wer glaube, man könne Leute wie Kubitschek in einer öffentlichen Diskussion stellen, sei ihnen bereits auf den Leim gegangen, erklärte der SPD-Vorsitzende von Sachsen-Anhalt. Die Fraktionsvorsitzende der Grünen, Cornelia Lüddemann, fand die Idee, mit Kubitschek zu diskutieren, "unglaublich und verantwortungslos". Kurz nachdem das Theater seinen "Politischen Salon" ins Programm gehoben hatte, war er auch schon wieder abgesagt.

Ein unglücklicher Einzelfall könnte man meinen, wenn sich die Geschichte in Zürich nicht vor ein paar Tagen in anderer Besetzung wiederholt hätte. Diesmal war der Philosoph Marc Jongen eingeladen, der für die AfD in den nächsten Bundestag einziehen will. Zwei der Diskutanten plus ein Moderator hätten dem Gast aus Deutschland Paroli bieten sollen, aber auch das war den Kritikern für ein "ausgewogenes Gespräch" nicht Garantie genug, weshalb sie die sofortige Wiederausladung Jongens forderten.

In einem "offenen Brief" appellierten rund 350 Kulturschaffende aus der Schweiz und Deutschland an das Theaterhaus, dem "raffiniertesten Rhetoriker" der AfD "keine Bühne zu bieten". Jongen bezeichne sich als "avantgard-konservativ", für "politisch Unbedarfte" könne das "gefährlich anziehend" wirken, heißt es in dem Boykottaufruf, dem das Theater nach kurzem Lavieren Folge leistete: Man habe die Sicherheit der Debatte angesichts zahlreicher Anfeindungen nicht mehr garantieren können.

Den Beteiligten schlottern vor Angst die Hosen

Das ist also der Stand linker Kulturkritik im Frühjahr 2017: keine Idee, keine Begriffe, die man dem politischen Gegner entgegenhalten kann. Stattdessen der Rückzug ins Mauseloch. Gerade die Kultur hat sich immer viel darauf eingebildet, unbequem und widerständig zu sein, wie es im Jargon des Kulturbetriebs heißt, ein Ort, an dem Außenseiter die Stimme erheben und dem Justemilieu ordentlich eingeheizt wird. Nun reicht der Auftritt eines Publizisten vom rechten Rand, und den Beteiligten schlottern vor Angst so sehr die Hosen, dass sie lieber die Diskussion verweigern, als gegen den Herausforderer anzutreten.

Man kann auch intellektuell verfetten, wie sich zeigt. Die Humor- und Kritikunfähigkeit wächst wie ein Bauchansatz. Wer es sich zu lange bequem gemacht hat, bekommt schon bei den kleinsten Provokationen einen Herzkasper. Das ist wie bei Damen im fortgerückten Alter, denen vor Schreck die Teetasse aus der Hand fällt, wenn jemand in ihrer Gegenwart ein unanständiges Wort benutzt.

Ein Freund hat mich auf ein Interview aufmerksam gemacht, das der Journalist Günter Gaus 1967 für die ARD mit dem Aktivisten Rudi Dutschke geführt hat. Man findet es auf leicht YouTube. Wer beim Zuhören die Augen schließt, erkennt viele Parolen wieder, die heute die rechten Provokateure im Munde führen. Da ist die Schmähung der Regierungskabinette als "institutionalisierte Lügeninstrumente", die Ablehnung des parlamentarischen Systems als manipulativ und unbrauchbar, die Verherrlichung der neuen Bewegung als eine, die "die wirklichen Interessen der Bevölkerung" ausdrückt: "Dem Volk wird nicht die Wahrheit gesagt."

Stellen wir uns für einen Augenblick vor, wie Gaus das Gespräch mit Dutschke geführt hätte, hätte er es unter den heutigen Bedingungen führen müssen, wo von einem Interview nicht Erkenntnisgewinn, sondern Haltung verlangt wird. Zunächst hätte Gaus Dutschke daran erinnert, wie verfassungsfeindlich seine Ideen seien. Er hätte darauf hingewiesen, dass die Ablehnung des Parlamentarismus an das dunkelste Kapitel der deutschen Geschichte erinnere, und moniert, dass schon die Verwendung des Begriffs "Volk" schlimme Assoziationen wecke. Tatsächlich beschränkte sich Gaus darauf, Dutschke als Anführer "jener radikalen Studenten" vorzustellen, die nicht nur die Hochschulen reformieren, "sondern unsere ganze Gesellschaftsordnung umstülpen" wollten.

Prediger vor den ohnehin Bekehrten

Wenn heute von der Politisierung des Theaters die Rede ist, dann ist die Inszenierung des Flüchtlingselends oder der Vereinsamung des Menschen im Spätkapitalismus gemeint. Unter den Unterzeichnern des Zürcher Boykottaufrufs findet sich auch der Regisseur Falk Richter, der seit Jahren mit seinem Gemeindehaustheater auf Tour ist, wo er den ohnehin Bekehrten noch mal den linken Katechismus vorsetzt.

Günter Gaus, so steht zu vermuten, hätte heute Götz Kubitschek in seine Sendung eingeladen, auch weil von links zurzeit nichts kommt, was halbwegs interessant wäre, um darüber 45 Minuten auf offener Bühne zu sinnieren.

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Kolumne - Der schwarze Kanal


insgesamt 174 Beiträge
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Seite 1
Abel Frühstück 13.03.2017
1. Schade
Schade, es klang zunächst recht hübsch ätzend und sezierend. Ganz amüsant also, wenn man mal unzulässige Argumentationssprünge und das notorische Ausklammern von Zeitumständen und "kontext" außer acht lässt. Im letzten Absatz aber reißt Fleischhauer alles wieder mit dem Hintern ein: Warum er gezielt eine Person als Stellvertreter herausgreift und namentlich ausstellt, bleibt sein Geheimnis. Ein Journalist sollte seinen Beef mit ihm nicht genehmen Mitmenschen aber anders austragen. Eine gute Redaktion würde da auch Leitlinien vorgeben.
schlaueralsschlau 13.03.2017
2.
Muss ich denn mit jedem dahergelaufenen diskutieren?
Benko 13.03.2017
3.
Auf den Punk gebracht, präzise und - vor allem wahr. Allerdings sind die diversen Worstverrückungen und grammatikalischen Verschiebungen doch zuviel, der Beitrag scheint extrem hastig geschrieben zu sein und bedarf dringend der Korrekur.
pecos 13.03.2017
4. Fleischhauer wird immer ...
... interessanter, gerade weil ich seine Haltung eigentlich nicht mag. Er ist mir viel zu rechts. Aber er ist klug und bringt es oftmals besser auf den Punkt als wir Linken im Spektrum der öffentlichen Meinung. Denn es stimmt ja: ausser Empörung und Boykott kommt kaum etwas aus unsrer Ecke. Aus der Mitte der Gesellschaft leider auch nicht. Vielleicht sind es Konservative wie Fleischhauer, die diesem Nazigesindel etwas entgegenzusetzen haben. Zum Nutzen unserer Demokratie.
deepbrain 13.03.2017
5.
Typischer Fleischhauer: 1-2 willkürliche Beispiele rausgepickt, die ins Weltbild (Linke = doof) passen. Diese dann verallgemeinern und fertig ist die Kolumne. Dazu passend der Dutschke-Absatz. Der Zusammenhang zum ersten teil der Kollumne besteht nur darin, dass beides Mal die "Linken" doof sind. Tiefere Analyse, die über Einzelfälle hinausgeht? Fehlanzeige. Zusammenhänge aufzeigen? Fehlanzeige. Das Gesamtbild beleuchten (Z.B.: Was machen denn die Nicht-Linken in solchen Situationen?)? Fehlanzeige. Herrgott, ist das eine einfältige Kolumne, Hauptsache am Ende bekommen alle Nicht-Linken wieder ihr Futter: "sind die Linken wieder doof".
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