Von Philipp Wittrock
Berlin - Eines muss man Guido Westerwelle lassen: Er ist standfest. Seit einer Woche trotzt der FDP-Chef dem Sturm der Entrüstung, der ihm seit seinem scharfen Gastkommentar in der "Welt" entgegenbläst. Tag für Tag legt er trotzig nach. Nichts will er zurücknehmen von den deftigen Sprüchen über "anstrengungslosen Wohlstand", der zu "spätrömischer Dekadenz" einlade, über den "geistigen Sozialismus", der unser Land durchwehe. "Millionen Bürger" glaubt Westerwelle auf seiner Seite, verkündete er am Mittwoch in den "Ruhr Nachrichten". Die Botschaft ist klar: Sollen mich Freund und Feind ruhig zerreißen - ich falle nicht um.
Die Standfestigkeit des FDP-Vorsitzenden rührt vielleicht auch daher, dass er sich auf sicherem geistigen Fundament wähnt. Denn was in der derzeit so hitzig geführten Debatte untergeht: Westerwelles steile Thesen entstammen nicht etwa einem spontanen Geistesblitz. Im Gegenteil, sie sind lange gereift.
Ein Blick ins Archiv zeigt: Nicht nur das Sozialismus-Gespenst bemühte der Chef-Liberale in schöner Regelmäßigkeit, auch die Dekadenz des Alten Rom musste schon vor Jahren für seine Kritik am deutschen Sozialstaat herhalten.
O-Ton Westerwelle in einem Interview mit der "Wirtschaftswoche" im Dezember 2006: "Die deutsche Politik hat Züge von Dekadenz. Anstrengungsloses Einkommen den Menschen und anstrengungslosen Wohlstand der Nation vorzugaukeln, war schon der Grund für den Untergang des Römischen Reiches."
Zum Vergleich, Westerwelle vor ein paar Tagen in der "Welt": "Wer dem Volk anstrengungslosen Wohlstand verspricht, lädt zu spätrömischer Dekadenz ein."
Auch ohne historische Anleihen hatte es die vermeintliche Dekadenz in dieser Republik dem FDP-Mann in der Vergangenheit angetan. Noch ein paar Beispiele:
So ein rhetorisches Recycling ist in der Politik keinesfalls ungewöhnlich. Es ist auch nicht unbedingt verwerflich. Wer ständig Reden halten oder Interviews geben muss, bedient sich auf Dauer gerne der immer gleichen Versatzstücke aus dem persönlichen Zettelkasten. Nur wer mehrfach Auftritte von Spitzenpolitikern besucht, dem werden die ständigen Wiederholungen auffallen.
Wenn Westerwelle nun eigene, alte Sprüche wieder aufwärmt, ist er damit also in bester Gesellschaft. Die jetzige Debatte ist eigentlich nur eine Art Praxistest für seine Sicht auf den Sozialstaat. Solange der FDP-Politiker noch auf der Oppositionsbank saß, nahm kaum jemand Notiz von seinen verbalen Attacken. Nun aber ist er nicht mehr nur Parteichef, sondern auch Vizekanzler und Außenminister.
Und genau darin liegt das Problem: Westerwelle bleibt sich persönlich auch in seiner neuen politischen Rolle treu. In dieser neuen Rolle allerdings wirkt das Hartz-IV-Bashing befremdlich, weil es ganz und gar nicht diplomatisch daherkommt.
Es klingt noch immer nach Oppositionsführer.
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