Der Wohlstand und seine Feinde Wie man eine Volkswirtschaft ruiniert

Bei vielem, was in Amerika oder Brüssel gegen die deutsche Autoindustrie unternommen wird, geht es darum, Deutschland zu schwächen. Warum fällt es vielen bei uns bloß so schwer, das zu begreifen?

Der Geruch der Freiheit
DPA

Der Geruch der Freiheit

Eine Kolumne von


Mehr als 800.000 Menschen arbeiten in Deutschland in der Automobilindustrie, es ist der mit Abstand wichtigste Wirtschaftszweig des Landes. Nimmt man die Ausrüster und Dienstleister dazu, kommt man auf zwei Millionen Arbeitsplätze, die mehr oder weniger direkt vom Wohlergehen des Automobilbaus abhängen. Das sind die Zahlen, die man im Kopf haben sollte, wenn man das Ende des Verbrennungsmotors herbeiwünscht.

Kaum eine Woche vergeht, in der nicht irgendwo ein Staatsanwalt Ermittlungen gegen eine deutsche Autofirma und ihre Mitarbeiter ankündigt oder jemand mit einer neuen Klage um die Ecke biegt. Ich habe den Überblick verloren, wie viele Verfahren allein gegen VW anhängig sind, aber es sind ziemlich viele. Und das Klima wird nicht freundlicher. Wenn die Verantwortlichen beschwichtigend von der "Dieselthematik" sprechen, schwingt sich sogar die "FAZ" zu einem scharfen Kommentar auf, in dem die Manager daran erinnert werden, dass sie einem kriminellen Betrieb vorstehen.

Dem Diesel ist bereits der Tod vorhergesagt. Nach dem Diesel ist die normale Limousine dran. Die Grünen, die ihre Nase eng am Wind des ökologischen Zeitgeistes halten, haben auf ihrem Parteitag das Aus für jeden Verbrennungsmotor beschlossen. Spätestens 2030 soll der Hammer fallen, dann sollen in Deutschland nur noch Elektroautos zugelassen werden. Mit denen kann man auch Geld verdienen, aber deutlich weniger. Man braucht auch keine deutschen Ingenieure mehr, um sie zusammenzusetzen, das kann jeder Koreaner.

Nach der Energiewende kommt die Verkehrswende. "Dekarbonisierung" ist der Begriff, unter dem das Ganze läuft. Was nach Wasser ohne Sprudel klingt, meint eine Wirtschaft, die ohne C02-Ausstoß auskommt. Der Plan ist nicht ganz neu. Henry Morgenthau hieß der Mann, der vor 73 Jahren davon sprach, Deutschland wieder in einen Agrarstaat zu verwandeln. Was damals ein Schreckensversion war, ist heute für viele ein Glücksversprechen.

Im grünen Milieu träumt man von einer Welt, in der nichts mehr raucht und lärmt, und in der die Industrie auf die Größe freier Manufakturen geschrumpft ist. Das Einzige, was man noch hört, ist das Quietschen der Kinderwagen. Dass diese Regression in die schwäbische Quäkeridylle ausgerechnet von Menschen empfohlen wird, die sich ansonsten auf ihre Weltläufigkeit viel einbilden, gehört zu den überraschenden Volten der Moderne.

Machen wir uns nichts vor: Bei vielem, was auf europäischer Ebene gegen die deutsche Autoindustrie unternommen wird, geht es darum, Deutschland zu schwächen. Wer BMW und Daimler trifft, der trifft ins Herz der deutschen Wirtschaft, das wissen sie in Frankreich und Italien genau.

Den Verschärfungen der Abgasnormen können sie dort gelassen entgegensehen: Wer nur Kleinwagen baut, hat auf absehbare Zeit keine Probleme beim Flottenverbrauch. Leider lassen sich Drei-Liter-Autos schlecht exportieren, deshalb spielen Italiener und Franzosen beim Autobau international keine Rolle mehr.

Auch bei den amerikanischen Strafverfahren kommt man nicht umhin, andere Motive als die Sorge um den Umweltschutz zu vermuten. Die Empörung über die Schummelei beim Diesel erschiene mir jedenfalls deutlich glaubhafter, wenn die Leute, die über zu hohe Abgasbelastung klagen, nicht anschließend fröhlich in ihren SUV steigen würden, der 20 Liter Superbenzin auf 100 Kilometer verbrennt.

ANZEIGE
Jan Fleischhauer:
Unter Linken

Von einem, der aus Versehen konservativ wurde.

Rowohlt; 384 Seiten; 9,99 Euro.

Ich habe neulich mit dem Publizisten Mathias Greffrath zusammengesessen, um für den SPIEGEL über die Aktualität von Karl Marx zu reden. Anlässlich des 150. Geburtstags des "Kapitals" hat er ein Buch herausgegeben, indem er mit einer Reihe von Autoren examiniert, welche Ideen noch taugen.

"Diese Art von Luxus funktioniert nur auf der Basis einer Gesellschaft, in der die ökonomische Frage geklärt ist", war Greffraths Antwort auf die Frage, was von den grünen Blütenträumen einer Welt ohne Großindustrie zu halten ist. "Mit dem Land Rover am Wochenende 300 Kilometer fahren, die Fahrräder obendrauf, um auf dem Bauernhof die Biokarotte selbst aus dem Boden zu holen: Das muss man nicht niedermachen, aber das ist gesellschaftlich kein Ausweg." Man kann von den Altlinken halten, was man will. Aber man kann ihnen nicht den Vorwurf machen, dass sie die Welt nicht klar sehen.

Die Neunmalklugen werden mir nun entgegenhalten, dass Stickoxide wahnsinnig schädlich für die Gesundheit sind. Auch dem Feinstaub werden ja seit Jahren die verheerendsten Wirkungen attestiert. Wie die meisten Menschen lebe ich lieber in einer sauberen Welt mit sauberer Luft und sauberem Wasser. Aber erstens gibt es im Leben immer eine Art von Trade Off. Ich bin sicher, dass in der Steinzeit fabelhafte Umweltbedingungen herrschten, trotzdem möchte ich nicht dahin zurück.

Außerdem halte ich viel davon, die Dinge wissenschaftlich zu sehen. Eine der größten Quellen von Feinstaub ist der Wald. Jeder Nadelbaum gibt chemische Verbindungen in die Atmosphäre ab, die zu winzigen Aerosol-Partikeln kondensieren. Die Experten sprechen von "biogenen Emissionen".

Keine Ahnung, was man dagegen tun will. Wenn sie mit der Massenabholzung beginnen, um die Umweltzonen zu schützen, sagen Sie mir Bescheid: Auch dagegen würde ich dann meine Stimme erheben.

Mehr zum Thema
Newsletter
Kolumne - Der schwarze Kanal


insgesamt 520 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
elshi 27.03.2017
1. Über mangelnde Unterstützung seitens der Politik
kann sich die Autoindustrie wirklich nicht beklagen, wenn man sich die gute Lobbyarbeit der letzten Jahrzehnte so anschaut. Und mal ehrlich: der Verbrennungsmotor ist nicht mehr zeitgemäß.
rst2010 27.03.2017
2.
aus diesem grund ist unverständlich, warum die politik der autoindustrie jeden fehler, jedes vergehen, jedes gebrochene versprechen so einfach durchgehen lässt; denn so lässt man die völlig unterforderten hersteller auf dauer vor die hunde gehen.
Bondurant 27.03.2017
3. Fein beobachtet.
Im grünen Milieu träumt man von einer Welt, in der nichts mehr raucht und lärmt, und in der die Industrie auf die Größe freier Manufakturen geschrumpft ist. Das einzige was man noch hört, ist das Quietschen der Kinderwägen. Dass diese Regression in die schwäbische Quäker-Idylle ausgerechnet von Menschen empfohlen wird, die sich ansonsten auf ihre Weltläufigkeit mächtig viel einbilden, gehört zu den verrücktesten Volten der Moderne. man kann nur hoffen, die Konsequenzen dieser Einfalt nicht miterleben zu müssen.
kraftmeier2000 27.03.2017
4. Das
passt, sehr schön zu lesen der Artikel, wo muss ich unterschreiben? ;)
Roland-von-Gilead 27.03.2017
5. Arbeitsplätze über alles?
Man kann zwar der Ansicht sein, dass es durchaus Bestrebungen gibt, die deutsche Industrie zu schwächen, aber das ist bestimmt nicht der alleinige Grund für die Probleme der Autoindustrie. Diese rühren eher am uferlosen Lobbyismus, der schamlos die Regeln schreiben konnte und die Politik dies zuließ, da es ja um die Arbeitsplätze ging. Zukunftsorientiertes handeln sieht anders aus. Vor 20 Jahren hätte man schon damit anfangen müssen. Der politisch gesetzte Rahmen wäre hier wichtig gewesen, um die Modellentwicklung in eine verbrauchsarme Zukunft zu treiben. Das hätte dann auch keine Arbeitsplätze gekostet.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...

© SPIEGEL ONLINE 2017
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.