Demografiestudie Der Osten verliert, der Süden profitiert

Eine aktuelle Studie zeigt: Große Teile Ostdeutschlands und manche Gebiete im Westen verlieren schon jetzt dramatisch viele Einwohner. In den nächsten 15 Jahren drohen ganze Landstriche auszubluten.


In Bayern boomt die Wirtschaft, in Ostdeutschland rückt der Wolf vor. In der Bundesrepublik leben, gemessen an der Einwohnerzahl, weltweit die wenigsten Kinder. Während große Metropolen und wirtschaftlich starke Gebiete im Süden der Republik junge Familien anziehen, werden in den neuen Bundesländern, aber auch in Teilen Westdeutschlands, ganze Städte und Regionen langfristig ausbluten. Und wo die Menschen weichen, kehrt die Natur zurück. Das ist das Ergebnis einer Langzeitstudie zu den Folgen der demografischen Entwicklung für die Regionen in Deutschland, durchgeführt vom Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung.

"Die negative demografische Entwicklung in Deutschland nimmt an Geschwindigkeit noch zu. Die schlechte Entwicklung dramatisiert sich", sagte Instituts-Leiter Hans Fleisch heute in Berlin. Die Geburtenrate in Deutschland ist auf dem niedrigsten Stand seit 1945, die Kinderzahl pro Kopf ist die niedrigste der Welt. "Das heißt, wir sind in der schwierigsten Lage weltweit", sagte Rainer Klingholz, Leiter der Studie. Immer weniger Junge müssen immer mehr Alte versorgen. Die demografische Entwicklung beeinflusst zudem das Wirtschaftswachstum der Regionen: Neue Unternehmen siedeln sich nur dort an, wo es junge, qualifizierte Arbeitskräfte gibt.

Der demografische Wandel betrifft die Regionen in Deutschland allerdings unterschiedlich stark. "Von einer Gleichheit der Lebensverhältnisse kann nicht die Rede sein. Heute nicht und morgen auch nicht", so Klingholz. Wie viele junge Menschen an einem Ort leben, hängt nicht nur von der Anzahl der Geburten ab. Verantwortlich für die gähnende Leere in vielen Regionen ist die Abwanderung der jungen Leute. Besonders stark betroffen sind strukturschwache Gebiete in weiten Teilen Ostdeutschlands. Durch die Abwanderung von 1,5 Millionen Menschen und den Geburteneinbruch nach dem Mauerfall haben die neuen Bundesländer zum Teil massiv an Bevölkerung verloren.

"Hauen und Stechen um die Familien"

Langfristig sei hier mit dem Ausbluten ganzer Städte und Dörfer zu rechnen, so Klingholz. Aber auch das Ruhrgebiet und Teile des Saarlands mussten in der Vergangenheit kräftig Einwohner lassen. Wenn Arbeitsplätze fehlen, ziehen vor allem die jungen Menschen weg. Damit schwindet auch die Hoffnung auf qualifizierten Nachwuchs. Hinzugewonnen haben dagegen wirtschaftlich starke Kommunen, die meisten in Bayern und Baden-Württemberg. In Niedersachsen, in den Regionen um Cloppenburg und Vechta, wurden die meisten Kinder geboren.  

Zwischen den Regionen gebe es jetzt schon ein "Hauen und Stechen" um die Familien, sagte Klingholz. Denn eine junge, kinderreiche Bevölkerung bietet die besten Voraussetzungen für eine stabile ökonomische Entwicklung. Hier erzielen die Kommunen Steuereinnahmen, bleiben die Innenstädte belebt und wird die lokale Infrastruktur genügend ausgelastet. Die besten Chancen im Kampf um die Kinder aber haben vor allem solche Regionen, denen es heute schon wirtschaftlich gut geht. Reiche Kommunen können mit billigen Grundstücken, guten Schulen und exzellenten Betreuungsmöglichkeiten werben.

"Gut für die Bürger, schlecht für die Verliererregionen", so Klingholz. Denn die sind heute schon hoch verschuldet und haben kein Geld für solche Investitionen. Im Gegenteil: Hier müssen immer weniger Menschen eine teure Infrastruktur finanzieren. "Eine Kläranlage kann man nicht halbieren, die kostet immer 100 Prozent", so der Studienleiter.

Zurück bleiben arbeitslose junge Männer

Darum wird sich die Republik auch künftig in Verlierer- und Gewinnerregionen teilen: Für weite Teilen Baden-Württembergs und Bayern, im Westen Niedersachsens, im Rhein-Main-Gebiet und in Nordrhein-Westfalen (außerhalb des Ruhrgebietes) ermittelte die Studie positive wirtschaftliche und demografische Trends - und das, obwohl sich viele dieser Regionen bereits auf hohem Niveau befinden. Zu den Gewinnern gehören auch die großen Ballungszentren. Zu den eindeutigen Verlierern mit negativen demografischen und ökonomischen Trends gehören elf Kreise in den neuen Bundesländern und zwei im oberfränkischen Grenzland zu Thüringen.

Hier ist künftig mit immer weniger Einnahmen und steigenden Ausgaben zu rechnen, die Kreise verlieren Beschäftigung und damit junge Leute. Zurück bleiben die Alten und Bedürftigen - und arbeitslose junge Männer. "Zurück bleibt ein junges Männerproletariat, das keine Arbeit findet und Gewaltpotential birgt", so Klingholz. Frauen hätten heute durchschnittlich bessere Schulabschlüsse und darum mehr Chancen auf einen Job in einer Boomregion. Zudem orientierten sie sich bei der Partnerwahl traditionell an beruflich und sozial besser gestellten Männern.

Ein positives Ergebnis konnte Klingholz der Studie noch abgewinnen: Wo die Menschen das Land verlassen, siedeln sich selten gewordene Tiere und Pflanzen wieder an. In der sächsischen Lausitz lebten bereits zwei Wolfrudel - mit einem äußerst positiven demografischen Trend.

Miriam Schröder



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