Demografischer Wandel Radikales Umdenken gegen Bevölkerungsschwund

Zwergschulen und mobile Lehrer, autarke Energieversorgung aus Biokraftwerken und eine Stärkung der kommunalen Eigenständigkeit: so soll die Regierung nach Ansicht von Demographieforschern die Landflucht in strukturschwachen Regionen aufhalten - oder ganze Ortschaften sterben lassen.

Von Zacharias Zacharakis


Hamburg - Am Anfang steht die Arbeitslosigkeit. Wo alte Industriestandorte sterben, nimmt als nächste Konsequenz auch die Bevölkerung ab. Wer jung und gut ausgebildet ist, zieht den Arbeitsplätzen hinterher. Zudem macht sich der demographische Wandel in solchen Regionen besonders bemerkbar. Ganze Gegenden vor allem im Osten der Republik veröden.

Blau steht für Verödung: Bevölkerungsschwund in Deutschland

Blau steht für Verödung: Bevölkerungsschwund in Deutschland

Nach Angaben des Statistischen Bundesamts leben heute eine halbe Million Menschen weniger in Deutschland als noch im Jahr 2003. 14 Millionen weniger sollen es 2050 sein. Zwei Strategien hat die Politik bisher verfolgt, um dem Problem Bevölkerungsschwund zu begegnen: anpassen oder gegensteuern.

Entweder wird mit öffentlichen Subventionen versucht, neue Industriebetriebe oder Gewerbe anzusiedeln, was in Regionen wie Dresden, Leipzig oder Erfurt teilweise gelingen mag. Allerdings hat dies zur Folge, dass die Menschen aus dem Umland dieser Städte in die Zentren selbst ziehen.

Die andere Strategie setzt auf den Abbau der Infrastruktur in ganzen Regionen. Schulen werden geschlossen, der öffentliche Nahverkehr reduziert, Ämter zusammengelegt. Kurz: Man fügt sich dem Schwund.

Mit Energieüberschüssen attraktiver werden

"Wir müssen jetzt radikal neue Voraussetzungen für einen generellen Wandel schaffen", sagt Reiner Klingholz, Direktor des Berlin-Instituts für Bevölkerung und Entwicklung. Die Forschungseinrichtung hat für das Bundesministerium für Bau und Stadtentwicklung in einem Gutachten vollkommen neue Konzepte entwickelt, wie man mit der Entvölkerung umgehen soll.

"Einzelne Kommunen können durch Biomasse-, Sonnen- und Windkraftwerke unabhängig von den Energieversorgern werden", erklärt Klingholz. Dadurch könnten finanzielle Überschüsse erwirtschaftet werden, was wiederum die Attraktivität für neue Bewohner und Gewerbe erhöhen würde.

Fernunterricht und Zwergenschulen

Um ansässige Familien in den Regionen zu halten, schlägt Klingholz vor, "die Schule im Dorf zu lassen. Dazu brauchen wir aber andere Möglichkeiten, wie wir Unterricht anbieten können." Das Stichwort heißt auch hier: mehr Flexibilität.

Im wöchentlichen Turnus könnte Unterricht in Zwergschulen an verschiedenen Orten abgehalten werden. Lehrer könnten aus einer Zentrale zugeteilt werden. Außerdem empfiehlt das Berlin-Institut, die Möglichkeit von Fernunterricht zu nutzen, wie dies etwa in entlegenen Regionen Skandinaviens oder in Australien üblich ist.

Eine Umsetzung dieser alternativen Daseinsvorsorge sei jedoch nur möglich, "wenn wir die Verantwortlichkeit nach unten verlegen", sagt Klingholz. Den Gemeinden müsste mehr Entscheidungsfreiheit in Bildungsfragen und bei Infrastrukturmaßnahmen zukommen. Zudem plädiert das Institut dafür, eine Konkurrenzsituation zwischen den Regionen zu erzeugen.

Kontrollierter Absturz ganzer Regionen

Konkret bedeutet dies, dass ein Innovationswettbewerb mit radikalen Konsequenzen ausgerufen werden soll. "Die Regionen müssen selbst zeigen, dass sie entwicklungsfähig sind", sagt Klingholz. "Wenn dies nicht der Fall ist, muss man sie fallenlassen." Gegen einen solchen Schritt habe sich die Politik bisher immer gewehrt.

Trotz der neuen Studie steht man im Ministerium für Bau und Stadtentwicklung einem kontrollierten Absturz der schwächsten Gemeinden weiterhin sehr kritisch gegenüber. Ein solcher Schritt widerspreche ohnehin dem Grundgesetz, heißt es. Minister Wolfgang Tiefensee (SPD) aber will sich von dem Gutachten des Berlin-Instituts zumindest inspirieren lassen. Konkrete Pläne zu einer Umsetzung der Vorschläge liegen aber noch nicht vor.



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