Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.

Demoskop Roth: "Bei vielen veröffentlichten Umfragen kommt mir das große Grausen"

Eine Umfrage zur Demokratie hat für viel Aufsehen im Land gesorgt. Im Interview mit SPIEGEL ONLINE spricht der Demoskop Dieter Roth, ehemals Forschungsgruppe Wahlen, über die Kunst, richtig zu fragen, Fehldeutungen und das Demokratieverständnis der Deutschen.

SPIEGEL ONLINE: Nach einer Umfrage des ARD-Deutschlandtrends (Infratest dimap) sind 51 Prozent der Befragten mit der Art und Weise, wie die Demokratie in Deutschland funktioniert, nicht zufrieden. Kann man davon ableiten, dass die Deutschen die Demokratie nicht mehr wollen?

Roth: "Die meisten sind überfordert, eine Alternative zu nennen"
DPA

Roth: "Die meisten sind überfordert, eine Alternative zu nennen"

Roth: Das kann man nicht. Die Frage zielt eher auf die gelebte Demokratie, das heißt, auf die Arbeit der Regierung. Das Ergebnis spiegelt eine Unzufriedenheit mit dem Regierungsgeschäft wider. Es wird nicht die Verfassung zur Disposition gestellt. Wird nach der besten Staatsform gefragt, hat die Demokratie in der Regel eine Zustimmung von rund 75 Prozent.

SPIEGEL ONLINE: Wir können somit nicht von einer Demokratiemüdigkeit sprechen?

Roth: Nein, denn die Demokratie wird mehrheitlich bei Weitem nicht in Frage gestellt. Die Regierung bekommt allerdings derzeit sehr schlechte Noten, das war ein Jahr nach der Wiederwahl von Rot-Grün allerdings ähnlich.

SPIEGEL ONLINE: Der Stuttgarter Professor Oscar Gabriel beobachtet seit anderthalb Jahrzehnten, dass die Demokratie als Staatsform an Ansehen einbüßt.

Roth: Das muss sich nicht nur auf die Demokratie in der Bundesrepublik zurückführen lassen. Es kann auch andere Faktoren haben. Wenn sie beispielsweise sehen, wie Demokratie von einem großen West-Partner exportiert wird und was dabei herauskommt, können die Leute schon mal zweifeln.

SPIEGEL ONLINE: Ist die Frage "Sind Sie mit der Funktionsfähigkeit der Demokratie zufrieden" eigentlich sinnvoll, wenn eine realistische Alternative zur Demokratie fehlt?

Roth: Es lässt sich damit zum Beispiel feststellen, dass sich einige in Ostdeutschland Befragten in Zeiten zurückwünschen, in denen alles reguliert war. Im Osten gibt es im Vergleich zum Westen doppelt so viele, die sagen, eine andere Staatsform wäre besser (24 zu 12 Prozent).

SPIEGEL ONLINE: Welche Staatsform soll das sein?

Roth: Danach wird in der Regel nicht gefragt. Die meisten, die eine solche Antwort geben, sind überfordert, eine Alternative zu nennen.

SPIEGEL ONLINE: Wie hoch ist die Gefahr für Demoskopen, dass sich in einer konkreten Frage ganz anders gelagerte Befindlichkeiten der Befragten äußern?

Roth: Die Gefahr besteht. Es liegt an der Frageformulierung, die eine hohe Kunst ist. Die Fragen müssen sehr präzise und zugespitzt sein. Sie sind immer kurz und eindimensional. Die Fragen müssen bei allen Befragten möglichst dasselbe auslösen, unabhängig davon, wie viel Bildung zum Beispiel die Befragten mitbringen.

SPIEGEL ONLINE: Wie sinnvoll ist zum Beispiel eine Frage, die neulich im Magazin "Zeit Wissen" veröffentlicht wurde. Danach wollen 58 Prozent der Deutschen intelligenter sein als sie sind. Dienen Umfragen auch als PR-Nummern, um eine Pressemitteilung abzuwerfen?

Roth: Es gibt sehr viel mehr schlechte Fragen als gute. Bei vielen veröffentlichten Umfragen kommt mir das große Grausen.

SPIEGEL ONLINE: Selbst wenn die Fragen noch so präzise gestellt sind und Missverständnisse beim Befragten ausgeschlossen werden können – was sind Umfragen überhaupt wert? Die vergangenen Bundestagswahlen haben gezeigt, dass die Umfrageinstitute durchweg kräftig daneben lagen.

Roth: Die Umfragen lagen nicht total daneben. Wir haben ziemlich präzise (Abweichung ein Prozent) die Lager Rot-Grün und Schwarz-Gelb vorausgesagt. Das Problem war, dass es in der letzten Woche innerhalb der Lager starke Verschiebungen gab.

SPIEGEL ONLINE: Die SPD wurde wesentlich schlechter gesehen, die Union wurde wesentlich stärker gesehen – am Ende kam es nahezu zu einem Patt.

Roth: Zehn Tage vor der Wahl wurde die SPD von drei aus fünf Instituten mit 34 Prozent getroffen. Für die CDU wurden drei oder mehr Prozentpunkte zuviel vorausgesagt und für die FDP drei Prozentpunkte zu wenig. Langfristige Wahlprognosen taugen allerdings nicht mehr viel. Kurz vor der Wahl ändert sich zu viel, weil die Gruppe der parteilich nicht Gebunden so groß ist.

SPIEGEL ONLINE: Geht es bei Umfragen nur um Datenerhebungen, oder gibt es auch übergeordnete Ziele, nämlich Trends zu setzen und die öffentliche Meinung zu beeinflussen?

Roth: Das sind sicherlich auch Ziele. Dabei geht man von zwei Theorien aus. Die eine ist die Mitläufertheorie. Sie besagt, dass sich Menschen Mehrheiten anschließen. Und es gibt die Underdog-Theorie, die besagt, dass Menschen motiviert werden, weil sie gegen einen Trend angehen wollen.

SPIEGEL ONLINE: Welche Theorie ist plausibler?

Roth: Sie leuchten beide ein. Häufig gleichen sie sich aus. Keine aber ist zahlenmäßig exakt zu erfassen.

Das Interview führte Alexander Schwabe

Diesen Artikel...

© SPIEGEL ONLINE 2006
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH




Der kompakte Nachrichtenüberblick am Morgen: aktuell und meinungsstark. Jeden Morgen (werktags) um 6 Uhr. Bestellen Sie direkt hier: