Merkel über mögliche Freilassung von Yücel "Nichts würde ich mir mehr wünschen als das"

Seit fast 200 Tagen sitzt der deutschtürkische Journalist Deniz Yücel in der Türkei in Haft. "Wir setzen uns auf allen Kanälen für ihn ein", sagt nun Kanzlerin Angela Merkel. Das sei leider sehr kompliziert.

Angela Merkel
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Die Freilassung des in der Türkei inhaftierten "Welt"-Korrespondenten Deniz Yücel hat für Bundeskanzlerin Angela Merkel eine hohe Priorität. Zwar hätten alle Bemühungen bislang nicht zur Freilassung geführt, "aber nichts würde ich mir mehr wünschen als das", sagte sie im Interview mit der Zeitung "taz".

"Wir setzen uns auf allen Kanälen für ihn ein", sagte Merkel. "Das ist leider sehr kompliziert, weil Deniz Yücel Doppelstaatler ist und wir da konsularisch nicht so viele Rechte haben." Trotzdem tue die Regierung alles in ihrer Macht Stehende für ihn, öffentlich, aber vor allem auch in den Kontakten mit türkischen Behörden.

Merkel sagte, die Bundesregierung sorge sich auch um die deutsche Übersetzerin Mesale Tolu, den deutschen Menschenrechtler Peter Steudtner sowie die weiteren Inhaftierten. "Wir haben die Reisehinweise für die Türkei verändert und gehen weit restriktiver an wirtschaftliche Kontakte heran."

Solidaritätsaktion für Yücel in Hamburg
DPA

Solidaritätsaktion für Yücel in Hamburg

Yücel, Tolu und Steudtner sitzen wegen Terrorvorwürfen in Untersuchungshaft.

  • Yücel sitzt bereits seit dem 14. Februar in Haft. Er hatte sich freiwillig der Polizei in Istanbul gestellt. Ihm werden Terrorpropaganda und Volksverhetzung vorgeworfen. Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan bezeichnete ihn wiederholt als deutschen "Spion" und "Agenten" der verbotenen Arbeiterpartei Kurdistans (PKK).
  • Tolu arbeitete für die regierungskritische Nachrichtenagentur ETHA. Sie war am 30. April von Polizisten einer Anti-Terror-Einheit festgenommen worden und sitzt mit ihrem zweijährigen Sohn im Frauengefängnis Bakirköy. Wegen des Vorwurfs der Terrorpropaganda und Mitgliedschaft in einer Terrororganisation drohen ihr bis zu 15 Jahre Haft.
  • Steudtner war am 5. Juli bei einem Seminar in Istanbul zusammen mit weiteren Aktivisten festgenommen worden. Den Menschenrechtlern wird von der Staatsanwaltschaft Unterstützung einer Terrororganisation vorgeworfen. Erdogan hat sie außerdem in die Nähe von Putschisten und von deutschen Spionen gerückt.

Die anhaltende Inhaftierung belastet die deutsch-türkischen Beziehungen massiv. Der deutsche Außenminister Sigmar Gabriel warf Erdogan vor, Yücel als "Geisel" zu halten. In einem Gastbeitrag für SPIEGEL ONLINE forderten Gabriel und Justizminister Heiko Maas schärfere Kontrolle von Vereinen und Moscheen, die Erdogan nahestehen.

Die Frage nach Yücel war die letzte im Interview der "taz" mit Merkel. Davor hatte sie unter anderem auch über den Wahlkampf, über Flüchtlinge und die Autoindustrie gesprochen.

aar/dpa

insgesamt 20 Beiträge
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Seite 1
Bernhard.R 29.08.2017
1. Der Versuch, einen juristischen Fall politisch zu lösen,
ist nicht erfolgversprechend. Ein qualifizierter deutscher Jurist sollte den Haftbefehl und die Akte studieren und sich dann öffentlich äußern. Und vor allem sollten diese populistischen Äußerungen "Herr Erdogan, geben Sie Deniz Yücel frei." unterbleiben. Es ist nicht Aufgabe eines Präsidenten, einen Untersuchungshäftling freizulassen. Herr Steinmeier könnte das auch nicht. Also sollte das auch niemand fordern.
laracrofti 29.08.2017
2. Es ist gar nicht so schwer,
einfach mal die deutschen Botschaftsmitarbeiter aus der Türkei zurückrufen, gleichzeitig ein paar türkische Spione (reicht schon ein Anfangsverdacht) festnehmen, dazu ein paar DITIB-Imame und -Angestellte (auch Spionageverdacht) und schon hat man mehr "Tauschpersonen" als der olle Erdogan. Aber für so eine Aktion fehlt unserer Führung in Berlin jegliche Entschlossenheit und Härte ... nur gegen die eigenen Steuerzahler, da wenden sie diese Eigenschaften ohne Skrupel an.
Frida_Gold 29.08.2017
3.
Zitat von Bernhard.Rist nicht erfolgversprechend. Ein qualifizierter deutscher Jurist sollte den Haftbefehl und die Akte studieren und sich dann öffentlich äußern. Und vor allem sollten diese populistischen Äußerungen "Herr Erdogan, geben Sie Deniz Yücel frei." unterbleiben. Es ist nicht Aufgabe eines Präsidenten, einen Untersuchungshäftling freizulassen. Herr Steinmeier könnte das auch nicht. Also sollte das auch niemand fordern.
Ein Präsident, der den Austausch von Yücel gegen türkische Offiziere angeboten hat, könnte durchaus auch einen Untersuchungshäftling einfach so freilassen. Zumal er ihn einen "deutschen Spion" nennt und somit schon Urteile fällt, obwohl es noch nicht einmal eine Verhandlung gab. Die Türkei ist kein Rechtsstaat mehr und Erdogan kann tun, was er möchte.
jan07 29.08.2017
4. Der Nachteil des Doppelpasses
Was heißt hier 'Deutschtürke'? Für die türkischen Behörden ist Herr Yücel ein türkischer Staatsbürger, sonst nichts. Und das zu Recht - was man auch sonst von der gegenwärtigen Politik der Türkei denken mag. Der deutsche Zweitpass muss die nicht interessieren. An dem Beispiel sieht man, dass der Doppelpass nicht nur Rosinenpickerei ist - man handelt sich auch Nachteile ein. Vielleicht überdenkt das Herr Yücel noch einmal und gibt als Konsequenz seinen türkischen Pass zurück. Zeit zum Nachdenken hat er ja gerade.
jh2015 29.08.2017
5. Aussage des Artikels?
Zuerst einmal fragt man sich , welche neue Information diese Artikel enthaelt? Die Kanzlerin " aeussert sich" - toll , offensichtlich schon erwaehnenswert . " Es ist aber kompliziert" - wer haette das gedacht? " Wir arbeiten auf allen Kanaelen" ist dann - bei entsprechender Interpretation - noch der bemerkenswerteste Satz. Sagt sie doch nicht " Ich habe dies oder das angewiesen , mit diesem oder jenem gesprochen etc" , nein " WIR setzen uns ein...". Kann man naemlich auch so lesen : " Meine Mannschaft , zuerst einmal der Aussenminister und sein Stab , arbeiten daran". Bleibt die Frage zurueck, ob sie selbst das Amt des Kanzlers bisher ueberhaupt zu Kontakten mit Herrn Erdogan genutzt hat. Bekanntlich ist dieser ja sehr duennhaeutig , wenn ihn jemand unter seinem Level anspricht. Leider kann man nicht ausschliessen, dass sie genau davor kneift, weil sie einmal mehr vor der Wahl keinen Aerger haben will.
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