Denkmal zur Deutschen Einheit "Ein Mahnmal historischen Glücks"

Das Datum soll ein Symbol sein: Heute, am 9. November, hat der Bundestag ein "Freiheits- und Einheitsdenkmal" in Berlin beschlossen. Grüne und Linke kritisierten die Entscheidung als überhastet. Genauer Ort und Ausgestaltung des Denkmals sind noch unklar.

Von


Berlin - Die wichtigste Person fehlte, als der Bundestag heute zum 17. Mal aus Anlass des Mauerfalls über den Stand der Deutschen Einheit debattierte. Kanzlerin Angela Merkel war ausgerechnet am 9. November zu einer Auslandsreise nach Crawford/Texas aufgebrochen - was die Grünen prompt bemängelten.

SPD-Politiker Thierse: "Wir Deutschen können Ermunterung vertragen"
DDP

SPD-Politiker Thierse: "Wir Deutschen können Ermunterung vertragen"

Verpasst hat die Kanzlerin nicht viel, denn die Reden zu dem Thema haben sich im Laufe der Jahre kaum verändert: Geklagt wird weiterhin über Arbeitslosigkeit, Abwanderung und mangelnde Wirtschaftskraft in den neuen Ländern. Die CDU hebt die Verdienste Helmut Kohls um die Einheit hervor. Für die FDP ist Hans-Dietrich Genscher der entscheidende Mann, und die Linkspartei würdigt vor allem die Verdienste Hans Modrows, des letzten SED-Ministerpräsidenten der DDR.

Eine Nachricht immerhin gab es: Zum ersten Mal seit sieben Jahren wurde wieder über ein Denkmal geredet, das an die historischen Wochen des Mauerfalls erinnern soll. Mit den Stimmen von CDU/CSU, SPD und FDP beschloss der Bundestag, ein solches "Freiheits- und Einheitsdenkmal" in Berlin zu errichten. Nach dem Willen der Koalition soll es bis zum 20. Jahrestag des Mauerfalls 2009 errichtet werden.

Bundestagsvizepräsident Wolfgang Thierse (SPD) redete begeistert von einem "Mahnmal unseren historischen Glücks". Ein Volk könne nicht nur aus seinem Versagen Orientierung gewinnen. "Auch wir Deutschen können Ermunterung vertragen", sagte der ostdeutsche Sozialdemokrat. "Seien wir endlich ein normales, durchschnittliches, gewöhnliches, europäisches Volk".

"Arroganz der Großen Koalition"

Die Opposition kritisierte, dass die Entscheidung übers Knie gebrochen werde. "Schnell, schnell, schnell" sei das Motto gewesen, sagte die Abgeordnete der Linksfraktion, Luc Jochimsen. Auch der Grünen-Abgeordnete Peter Hettlich bemängelte, dass keine ausreichende Zeit für Beratungen gelassen worden sei. Dies zeige wieder die "Arroganz der Großen Koalition".

Der um Ausgleich bemühte Bundestagspräsident Norbert Lammert (CDU) betonte, dass es sich bei dem Bundestagsbeschluss nur um den Beginn einer öffentlichen Diskussion handele. Schon die heutige Debatte im Plenum zeigte, dass es über den Ort und die Ausgestaltung des Denkmals wohl noch einige Auseinandersetzungen geben wird. Verkehrsminister Wolfgang Tiefensee, der zugleich Ost-Beauftragter der Regierung ist, plädierte für ein Denkmal in Berlin, aber gleichzeitig ein "markantes Zeichen" in seiner Heimatstadt Leipzig. Entscheidend sei nicht nur der Fall der Berliner Mauer am 9. November 1989, sondern auch die Leipziger Montagsdemos, besonders die Großdemo mit 70.000 Menschen am 9. Oktober.

"In der Provinz ging die Bewegung los"

Dagegen wandte der FDP-Abgeordnete Hans-Joachim Otto ein, ein Denkmalpaar werde der Revolution nicht gerecht. Neben Leipzig habe es schließlich in 80 weiteren Orten Demonstrationen gegeben. Um alle gleichermaßen zu berücksichtigen, gehöre das Denkmal in die Hauptstadt.

Das sieht der SPD-Abgeordnete Gunter Weißgerber wiederum anders. "In der Provinz ging die Bewegung los", bestätigte der Sachse. Leipzig komme aber eine besondere Signalwirkung zu. Deshalb stellte er zusammen mit 34 anderen Abgeordneten einen Antrag, das Denkmal in Berlin und Leipzig aufzustellen: Das Denkmal gehöre auch nach Leipzig, nicht zuletzt, weil dort der Slogan "Wir sind das Volk" entstanden sei.

Die Linksfraktion schließlich will das "Denkzeichen" samt Museum nur in Leipzig errichten. Die westdeutsche Abgeordnete und frühere Chefredakteurin des Hessischen Rundfunks Lukrezia Jochimsen sorgte jedoch für Empörung im Saal, als sie dies damit begründete, die Linksfraktion fühle sich "der Ehre der ostdeutschen Bürgerbewegung besonders verpflichtet".

"Bringschuld" gegenüber Tschechen und Polen

Der FDP-Abgeordnete Jan Mücke stand auf und sagte, das sei eine "Unverschämtheit". Die Leute seien damals gegen die SED auf die Straße gegangen, deren Nachfolgepartei Jochimsen nun im Bundestag repräsentiere. Auch Thierse reagierte aufgebracht: "Frau Jochimsen, Ihre Rede war von einer Dreistigkeit, dass mir regelrecht die Luft weggeblieben ist."

Gedacht werden soll mit dem "Freiheits- und Einheitsdenkmal" nicht nur der ostdeutschen Bürgerbewegung und der Wochen rund um den Mauerfall. Tiefensee betonte, Deutschland habe eine "Bringschuld" auch gegenüber den Tschechen, Polen, Ungarn und Russen, "die mit ihrem Blut den 9. November möglich gemacht haben".

Der CDU-Abgeordnete Jens Börnsen sagte, ein Denkmal müsse die gesamte deutsche Freiheitsgeschichte widerspiegeln - von der Paulskirche und dem Hambacher Fest bis zum Mauerfall. Schon deshalb gehöre das Denkmal nach Berlin.

Bleibt noch das Rätsel, wie das Denkmal aussehen soll. "Wir kennen viele mehr oder weniger peinliche Nationaldenkmäler", sagte Thierse. Wie aber könne man "historisches Glück" in eine angemessene Form gießen?



© SPIEGEL ONLINE 2007
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.