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21. Februar 2013, 12:06 Uhr

S.P.O.N. - Der Schwarze Kanal

Propaganda der Tat

Eine Kolumne von Jan Fleischhauer

Gab es in Deutschland mörderischen Antisemitismus von links? Recherchen des Historikers Wolfgang Kraushaar legen den Schluss nahe. Die ersten, die nach dem Dritten Reich Juden terrorisierten, waren die Vorläufer der RAF.

Es ist über die Jahre in Vergessenheit geraten, aber der "revolutionäre Kampf" der deutschen Linksextremisten beschränkte sich nicht darauf, Kaufhäuser in Brand zu setzen oder Anschläge auf Springer-Verlagsgebäude anzuzetteln. Zum Auftakt des deutschen Guerillakampfs, der mit der "Propaganda der Tat" Ernst machen sollte, zählte auch ein Attentat auf das jüdische Gemeindezentrum in Berlin - und zwar, als sei der Ort noch nicht symbolträchtig genug, zum 31. Jahrestag der sogenannten Reichskristallnacht, mit der die Nazis eine neue Stufe des Terrors gegen die deutschen Juden eingeleitet hatten.

Am Morgen des 9. November 1969 deponierte ein Angehöriger der "Tupamaros West-Berlin", einer der Vorläuferorganisation der RAF, ein Paket mit zwei Kilogramm Sprengstoff in der Garderobe im ersten Stock. Der Zeitzünder war auf 11.30 Uhr eingestellt, damit die Explosion genau nach der Hälfte der für 11 Uhr angesetzten Gedenkveranstaltung erfolgen konnte. Ein korrodierter Zünddraht verhinderte die Detonation. Die Sprengung eines Duplikats ergab, dass die Bombe unter den Teilnehmern der Gedenkfeier ein Blutbad angerichtet hätte.

Es ist ein Verdienst des Politologen Wolfgang Kraushaar, diese Episode vor ein paar Jahren mit einem minutiös recherchierten Buch in Erinnerung gebracht zu haben. Wer denkt, dass es von hier aus eigentlich nicht mehr schlimmer kommen kann, dem sei die Lektüre von Kraushaars neuestem Forschungswerk empfohlen, das dieser Tage bei Rowohlt erscheint und den Titel "Wann endlich beginnt bei euch der Kampf gegen die heilige Kuh Israel?" trägt.

Brandanschlag auf das jüdische Gemeindehaus in München

Der Satz stammt von Dieter Kunzelmann, dem Anführer der "Tupamaros" und späteren Abgeordneten der Alternativen Liste in Berlin, diese eine der Vorläuferorganisationen der Grünen wiederum. Geäußert hat ihn Kunzelmann zwei Wochen nach einem weiteren Brandanschlag, diesmal auf das jüdische Gemeindehaus in München. In dem Fall waren die Täter erfolgreich: Sieben Menschen kamen ums Leben, allesamt Holocaust-Überlebende. Die Polizei hat die Täter nie gefasst, trotz intensiver Fahndung. Folgt man Kraushaars Arbeit, dann liegt der Verdacht nahe, dass hier der Münchner Ableger der Tupamaros nachholte, was den Berliner Genossen misslungen war.

Man mag Kraushaars Recherchen für spekulativ halten. Aber bei der Bombe im Berliner Gemeindezentrum konnte er ein spätes Geständnis präsentieren, im Münchner Fall bleibt es bei, wenn auch ziemlich plausiblen, Indizien. In jedem Fall aber zeigen die Arbeiten des Hamburger Sozialwissenschaftlers, wie eng der Linksterrorismus von Anfang an mit dem militanten Antisemitismus verbunden war. Es waren Revolutionäre von links, die nach dem Ende des Dritten Reiches in Deutschland wieder Anschläge auf Juden verübten, nicht durchgeknallte Rechtsradikale.

Bis heute schwingt in der Befassung mit der Geschichte der RAF links der Mitte oft ein sentimentales Verständnis mit. Den Tätern wird ein moralischer Impetus zugebilligt, der - wenn am Ende auch fehlgeleitet - ihre Taten heraushebt aus dem Morast gewöhnlicher Gewaltkriminalität. Dass ein obsessiver Hass auf Israel in dieser Rückschau keinen Platz hat, versteht sich von selbst. Er verträgt sich einfach schlecht mit dem Bild vom Desperado, den ein hochgespanntes Gewissen zu seinem Handeln treibt.

Die antisemitischen Wurzeln des deutschen Terrorismus sind damit nahezu zwangsläufig ein Seitenaspekt der RAF-Erinnerungskultur geblieben. Dabei waren jüdische Einrichtungen und Personen nach den Toten in München weiterhin regelmäßig Zielscheiben linksterroristischer Anschläge. Und es waren die besten Köpfe der Bewegung, allen voran die wegen ihres Rigorismus berüchtigte Ulrike Meinhof, die noch die hinterhältigsten Anschläge auf Juden zu rechtfertigen wussten, wenn die Attentäter aus dem befreundeten Umfeld kamen.

Beifall für das Massaker bei den Olympischen Spielen 1972

Wie beurteilt eine Frau, die sich schon beim Wohnungswechsel auf ihre Gewissensnot berief, das Massaker unter israelischen Sportlern bei Olympia 1972 in München? Als feige Mordtat? Mitnichten. Für Meinhof war die tödliche Geiselnahme "eine zutiefst proletarische Aktion", die "eine Menschlichkeit" dokumentierte, "eine Sensibilität für historische und politische Zusammenhänge" sowie "einen Mut und eine Kraft", wie dies "niemals eine kleinbürgerliche Aktion vermag".

So gesehen war es nur folgerichtig, dass drei Jahrzehnte nach der Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz bei der Entführung einer Air-France-Maschine durch ein deutsch-palästinensisches Terroristenteam wieder zwei Deutsche in der ersten Reihe standen, um Juden von Nichtjuden zu selektieren. Die Aufgabe, der sie gewissenhaft nachkamen, fiel in diesem Fall dem Soziologiestudenten Wilfried Böse und seiner Genossin Brigitte Kuhlmann zu. "Ich werde jetzt die Namen der hier Anwesenden vorlesen, wenn Sie Ihren Namen hören, stehen Sie auf und gehen in einen Nebenraum", erklärte Böse nach der Landung im ugandischen Entebbe. Eine Frau, deren Namen der junge Deutsche zwecks terroristischer Sonderbehandlung aufrief, trug noch ihre in die Haut gestochene Lagernummer auf dem Unterarm.

Auch in diesem Fall war auf das notorisch gute Gewissen in den besseren Vierteln der Republik Verlass. Nach der spektakulären Geiselbefreiung durch eine israelische Anti-Terror-Einheit standen große Teile der Linken Kopf, aber nicht wegen der verstörenden Kontinuität deutscher Judenfeindschaft, sondern um gegen den "israelischen Gewaltakt" beziehungsweise die "flagrante Verletzung der Souveränität eines Mitgliedstaates der Vereinten Nationen" zu protestieren. Gemeint war damit die Dschungeldespotie unter dem Blutsäufer Idi Amin, dem nun in Ergebenheitsadressen "unsere uneingeschränkte Solidarität" versichert wurde.

Vielleicht sollte man doch mehr Kraushaar lesen. Es ist, was die Geschichte der radikalen Linken angeht, nachhaltig lehrreich.

Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Version des Artikels hieß es, der Anschlag auf das jüdische Gemeindezentrum in Berlin am 9. November 1969 sei "der Auftakt zum deutschen Guerillakampf" gewesen. Tatsächlich begannen die Anschläge der Linksextremisten mit den Brandstiftungen von 1968. Wir haben den Fehler korrigiert und bitten, ihn zu entschuldigen.

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