Der Wille des Patienten "Dann musst du mich erschießen"

Darf ein Mensch seinen Todeszeitpunkt selbst bestimmen? Margret Klatt ließ nach einem Unfall ihres Mannes seine Beatmungsmaschine abstellen. Jetzt hat sie auch die Bedingungen für ihren eigenen Tod diktiert - aus Angst vor einem langen schmerzvollen Sterben.

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Meppen - "Mein Mann und ich hatten uns versprochen, dass wir es niemals so weit kommen lassen würden." Mit resoluter Stimme berichtet die zierliche 69-jährige Margret Klatt, wie sich das Ehepaar einst geschworen hat: Nie sollte einer von beiden qualvoll dahinsiechen.

Margret Klatt: Den Töchtern die schwierige Entscheidung ersparen
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Margret Klatt: Den Töchtern die schwierige Entscheidung ersparen

Gerd und Margret waren damals in den besten Jahren, finanziell abgesichert: er Zahnarzt, sie Grundschullehrerin, drei Töchter, ein großes Haus mit riesigem Garten nicht weit vom Zentrum der emsländischen Stadt Meppen entfernt. Doch der Tod hatte Einzug in die Familie gehalten.

Margret Klatt sitzt am dunklen Holztisch im Esszimmer, vor ihr der weiße DIN-A-4-Umschlag von der Hospiz-Stiftung, in der Vitrine hinter ihr akkurat aufgereiht die blau-weißen Zwiebelmuster-Teller. Mit ihren wasserblauen Augen blickt sie aus dem Fenster auf das Nachbarhaus, fast in das Zimmer, in dem ihr Vater nach quälenden Jahren gestorben ist. Sie erzählt von Leid und Schmerz, von Dankbarkeit und Familienzusammenhalt, von dem zwei Jahrzehnte dauernden Prozess, für den Fall der Fälle eine Patientenverfügung aufzusetzen. Eine von inzwischen mehr als acht Millionen in Deutschland.

Ein solches Papier regelt, unter welchen Umständen jemand auf lebensverlängernde Maßnahmen verzichten möchte. Eine juristisch heikle Angelegenheit: Denn eine solche Verfügung greift dann, wenn der Patient sich selbst nicht mehr äußern kann - wenn er im Koma liegt, dement ist, schwere Hirnverletzungen hat. Bisher ist jede Verfügung ein Einzelfall. Nun soll eine gesetzliche Regelung her. Vermutlich im Frühjahr 2009 will der Bundestag entscheiden. Bisher liegen drei parteiübergreifende Entwürfe vor: Der restriktivste verlangt eine ärztliche Beratung und eine notarielle Beglaubigung, der liberalste will auch den lediglich mündlich geäußerten Willen eines Menschen akzeptieren.

Kurz vor dem Versprechen der Eheleute Klatt war 1983 der Vater der pensionierten Lehrerin gestorben - vier Jahre nach einem schweren Schlaganfall. Gelähmt, bettlägrig aber völlig klar im Kopf, hatte er das Privileg, von seinen drei Töchtern gepflegt zu werden. Nicht von fremden Leuten in einem Pflegeheim mit zu wenig Personal.

Familienfrühstück mit dem kranken Opa

Die Schwestern hatten ihre Häuser mit ihren Familien in Sichtweite voneinander gebaut. Die älteste, Maria, nahm den Vater auf, die beiden anderen unterstützten sie bei der Pflege. Sonntags versammelten sich alle zum gemeinsamen Frühstück - der Vater, mühsam in einen Sessel gehievt, mit dabei. "Das ist etwas, was eine Familie unheimlich zusammenschweißt. Wir konnten uns immer sagen, wir haben ihn nicht abgeschoben." Was der Vater ihnen auch dankte: "Er hat immer gesagt: 'Was soll ich im Himmel, ich bin doch schon im Paradies!'"

Doch ganz so idyllisch war es eben doch nicht. Der alte Herr hatte vor allem in den letzten Lebenstagen häufig Atemnotanfälle, musste seine Tochter häufig nachts zu Hilfe rufen, um nicht zu ersticken. Für die ganze Familie eine Qual. "Er wollte dann nur noch, dass es zu Ende geht."

Nach dem langen und schweren Sterben des Vaters vereinbarten die Klatts, sich im Zweifelsfall gegenseitig zu erlösen. Denn sie waren sich sicher: Sollten sie eines Tages zu Pflegefällen werden, würden sie im Altenheim landen. "Ich habe mir so eine Einrichtung damals mal angesehen. Das kam mir vor wie der Vorhof zur Hölle." Aufgeschrieben haben sie jedoch nichts. "Mein Mann war ja Mediziner. Der hätte schon Mittel und Wege gehabt, sein Versprechen umzusetzen." Aber sie? "Als ich ihn gefragt habe, wie ich das denn machen soll, hat er gesagt: 'Dann musst du mich erschießen.' Das war natürlich nur so halb ernst gemeint. Ich kann ja nicht mal schießen. Es ging um die Geste. Aber es kam anders!"



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