Joachim Gauck auf Tour: Der gewitzte Kandidat

Aus München und Stuttgart berichtet

In wenigen Tagen soll Joachim Gauck zum Bundespräsidenten gewählt werden  - bis dahin tourt er durch Deutschland. Einige fürchten, er könne sich auf den letzten Metern noch um Kopf und Kragen reden. Doch Gauck bleibt ruhig, selbst bei Fragen nach seinem "schlamperten" Privatleben.

Die kleine Wagenkolonne rast durch die Münchener Innenstadt. Plötzlich stoppt die erste gepanzerte Limousine so abrupt, dass die zwei folgenden Karossen beinahe nicht rechtzeitig zum Stehen kommen. Was ist los?

Der Kandidat hat Hunger.

Und so kommt das ehrwürdige Hotel "Prinzregent" in der Ismaninger Straße zur besonderen Ehre, den künftigen Bundespräsidenten verköstigen zu dürfen. Das Schöne an Bayern ist ja, dass ein paar gute Brezn rasch den Hunger stillen. Schon eine Viertelstunde später sitzt ein gestärkter und deutlich besser gelaunter Joachim Gauck wieder in seiner Limousine. Weiter geht's in Richtung Landtag.

Joachim Gauck, 72, ist in diesen Tagen nochmals auf Tour durch Deutschland - als Fast-Staatsoberhaupt. Es ist kein Wahlkampf, in den sich Gauck gestürzt hat. So etwas verbietet sich für einen Bewerber um das höchste Staatsamt ohnehin, schon beim letzten Anlauf vor 20 Monaten mied man in seinem Lager das Wort "Wahlkampf". Dabei war es kaum etwas anderes, was Gauck seinerzeit tat, er absolvierte einen wahren Interview-Auftritt-Reden-Marathon. Aber diesmal ist ja zum Glück alles anders: Gauck ist als Nachfolger Christian Wulffs schon so gut wie gewählt, wenn am Sonntag die Bundesversammlung im Berliner Reichstag zusammentritt, weil er - nur unter Ausschluss der Linken - von einer All-Parteien-Koalition getragen wird.

Deshalb hätte es mancher aus dem riesigen Heer seiner Unterstützer am liebsten gehabt, wenn Gauck bis zum Sonntag komplett abgetaucht wäre, beispielsweise in seinem Häuschen im Ostseedorf Wustrow. Denn Joachim Gauck ist zwar ein begnadeter Redner - aber in ihm schlummert auch die Neigung, sich um Kopf und Kragen zu reden. Jedenfalls fürchten das manche, die ihn besser kennen. Er soll doch, bitte schön, erst mal gewählt werden.

Doch auch als designiertes Staatsoberhaupt behält Gauck seinen eigenen Kopf. Und so hat er zwar seine Auftritte auf ein Minimum reduziert, Interviewwünsche wurden samt und sonders abgewiesen. Aber ganz von der Bildfläche wollte sich Gauck nicht verabschieden.

Dienstagmorgen, Stuttgarter Landtag. Gauck will sich den Wahlmännern und -frauen aus Baden-Württemberg vorstellen. Aber erst mal sind da die Fotografen und Kameraleute, die ein wildes Kuddelmuddel rund um Gauck veranstalten. So ist das zurzeit überall, wo der designierte Bundespräsident auftaucht. Er trägt es mit Fassung, das freundliche Gauck-Lächeln im Gesicht. Irgendwann sagt er dann: "So, nun lassen Sie mich mal hinein."

Ab zum Künftiger-Bundespräsident-Gucken

Am Tag zuvor, in München, haben ihn selbst seine ehemaligen Widersacher begeistert empfangen. Bei der Hanns-Seidel-Stiftung sind die Garderoben-Frauen ganz außer Atem an diesem Montagmittag, so groß ist der Ansturm. 500 Neugierige drängen in den Franz-Josef-Strauß-Saal, um Gauck zu erleben, unter ihnen auch die Wahlmänner und -frauen der CSU. Man hat sich in gutbürgerliche Schale geworfen, zum Künftiger-Bundespräsident-Gucken. "So bald wird man den ja nicht mehr sehen", sagt ein älterer Herr voller Vorfreude zu seiner Begleiterin. Gastgeber Horst Seehofer, der bayerische Ministerpräsident und CSU-Chef, überragt Gauck um einen Kopf. Aber er steht so was von im Schatten seines Gastes.

Zur CSU ist Gauck nun besonders freundlich: Die Christsozialen waren am Wochenende der Kandidaten-Findung schon auf seiner Seite, als CDU-Chefin Angela Merkel noch bockte. Und sie sollen ihn vor vielen Jahren ja sogar als eigenen Bundespräsidenten-Kandidaten erwogen haben. Andererseits: Bei Gaucks erstem Anlauf im Frühsommer 2010 hat ihn auch die CSU böse geschnitten, nachdem sich Schwarz-Gelb hinter Wulff gestellt hatte. Als sich der rot-grüne Kandidat damals im Landtag vorstellte, waren alle Fraktionen komplett vertreten - nur die christsozialen Abgeordneten mussten just während Gaucks Auftritt eine dringende Sitzung abhalten.

Aber Joachim Gauck ist ein höflicher Mensch, er lobt seine Zuhörer im vollbesetzten Strauß-Saal und ihr schönes Bayernland über die Maßen, lässt selbst die rumpelige Frage eines Christsozialen vom Lande nach seinen "schlamperten Familienverhältnissen" abperlen. Beim Abschied, als ihn Seehofer nochmals als "überzeugenden Kandidaten" lobt und die Stimmen seiner Partei zusichert, erlaubt sich Gauck allerdings den Satz: "Das war ja nicht immer so."

Plötzlich sind alle Gauck-Fans

Im prächtigen Maximilaneum, Sitz des bayerischen Landtags, warten eine Stunde später auch die CSU-Abgeordneten brav im Plenum und applaudieren artig, als der Universal-Kandidat seinen Freiheits-Kanon abspult. Sind ja alles Gauck-Fans plötzlich.

Und wieder kommt anschließend, im Landtags-Lesesaal mit seinen bunt bemalten Wänden und der hohen Decke, die Frage nach seinen Lebensverhältnissen, als Gauck und die Fraktionsvorsitzenden vor den Kameras und Mikrofonen stehen. Das sind die Momente, in denen Gaucks Begleiter - sein künftiger Staatssekretär David Gill und Sprecher Andreas Schulze - die Luft anhalten. Aber der Kandidat pariert auch diesmal voller Gleichmut.

Es scheint, als habe Gauck in den letzten Tagen vor seiner Wahl in den Nicht-Anecken-Modus geschaltet. Wird er zum Thema Integration befragt, bei dem ihm Kritiker eine Nähe zu Thilo Sarrazin nachsagen, verwahrt sich Gauck freundlich gegen den Vorwurf und fügt hinzu: "Da wird noch einiges von mir kommen, aber lassen Sie mich doch erst mal anfangen."

Im Stuttgarter Landtag kommt Gauck sogar von selbst darauf zu sprechen. Dort vergisst er auch nicht, "die besondere Bürgerkultur im Ländle" zu preisen. Das darf wiederum als Signal an jene Kritiker verstanden werden, die ihm manches forsche Wort gegen die Stuttgart-21-Proteste oder die Occupy-Bewegung übelnahmen.

In der baden-württembergischen Landeshauptstadt kommt es dann auch endlich zur Begegnung mit Winfried Kretschmann. Unter vier Augen trifft man sich zum Frühstück im Staatsministerium, hoch oben über dem Stuttgarter Kessel. Und unten im Landtag sieht man Gauck und Kretschmann später beim Empfang für die Wahlleute noch eine ganze Weile plaudernd zusammen stehen. Die beiden sind, obwohl ihre Herkunft nicht unterschiedlicher sein könnte - hier der protestantische Antikommunist aus Mecklenburg, dort der ehemalige K-Gruppen-Mann und Katholik von der schwäbischen Alb -, so etwas wie Brüder im Geiste.

Manche ihrer Botschaften sind fast austauschbar: die Menschen ermächtigen, sie ermutigen, ihnen die Lust an der Demokratie wieder geben. "Wie Kretschmann es schafft, so wenig wie möglich als Parteienpolitiker zu agieren, das ist bewundernswert", sagt Gauck. "Dabei hat er es wirklich nicht leicht mit Stuttgart 21."

Dann doch lieber Bundespräsident.

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insgesamt 171 Beiträge
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1. Warum verschweigt der Spiegel
sttn 13.03.2012
Warum verschweigt der Spiegel das die Kandidatin der LINKEN, Frau Beate Klarsfeld, in den 60er-Jahren von der SED Geld bekam für die Ohrfeige an Bundeskanzlers Kiesinger? Warum verschweigt der Spiegel das diese Aktion mit der DDR-Führung abgesprochen war? Warum verschweigt der Spiegel das sich Frau Klarsfeld damals als Nazi-Jägerin in der BRD einen Namen gemacht hat, aber zu den vielen Alt-Nazis in der DDR, die genauso in Amt und würden waren, geschwiegen hat? Beate Klarsfeld passt gut zur alten SED ... bzw. heutigen LINKEN. Was das mit Herrn Gauck zu tun hat? Ganz einfach, Herr Gauck wird von der SED-Nachfolgepartei, der LINKEn, gehasst weil er zu denen gehört hat der die SED-Diktatur bekämpft haben.
2. Hegel
Anton T 13.03.2012
Der Hegel'sche Weltgeist meint es gar nicht gut mit Deutschland, sonst hätte er uns vor diesem Hinterwäldler Gauck verschont, der uns die nächsten fünf Jahren mit seinen Milchmädchenweisheiten und seinem überflüssigen Gequatsche nerven wird.
3. nee
matz-bam 13.03.2012
Zitat von sysopDPAIn wenigen Tagen soll Joachim Gauck zum Bundespräsidenten gewählt werden - und tourt bis dahin durch Deutschland. Einige fürchten, er könne sich auf den letzten Metern noch um Kopf und Kragen reden. Doch Gauck bleibt ruhig, selbst bei Fragen nach seinem "schlamperten" Privatleben. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,821105,00.html
Also sein "schlampertes" Privatleben ist so was von egal. Wichtiger sind Fragen nach seiner Vergangenheit und zwar so rechtzeitig, dass wir nicht wieder einen Kurzzeitjobber als BuPrä bekommen.
4. "Der falsche Präsident"
philotes 13.03.2012
Zitat von Anton TDer Hegel'sche Weltgeist meint es gar nicht gut mit Deutschland, sonst hätte er uns vor diesem Hinterwäldler Gauck verschont, der uns die nächsten fünf Jahren mit seinen Milchmädchenweisheiten und seinem überflüssigen Gequatsche nerven wird.
Ein sehr schön polemischer Kommentar! Herzlichen Dank! Für Sie und andere aufmerksame Menschen eine Buchempfehlung: Westend |Albrecht Müller: Der falsche Präsident. Was Pfarrer Gauck noch lernen muss, damit wir glücklich mit ihm werden. (http://westendverlag.de/westend/buch.php?p=75)
5. *
Hoppeditz 13.03.2012
Zitat von sysopDPAIn wenigen Tagen soll Joachim Gauck zum Bundespräsidenten gewählt werden - und tourt bis dahin durch Deutschland. Einige fürchten, er könne sich auf den letzten Metern noch um Kopf und Kragen reden. Doch Gauck bleibt ruhig, selbst bei Fragen nach seinem "schlamperten" Privatleben. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,821105,00.html
Was bin ich froh, wenn der Mann endlich gewählt ist und diese peinliche Lobhudelei der Medien ein Ende nimmt. Spätestens nach der dritten Rede des selbsternannten Demokratielehrers ans Volk wird so mache Redaktionsstube sich fragen, was um alles in der Welt sie geritten hat, ohne Not einen derartigen Personenkult zu betreiben. Ein Schelm, wer glaubt, die Presse hätte aus dem Fall Guttenberg gelernt.
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Vom Kandidaten zum Präsidenten
Wer wählt den Bundespräsidenten?
Die Bundesversammlung, die sich aus den Abgeordneten des Bundestages und einer gleichen Zahl von Wahlmännern beziehungsweise -frauen aus den Ländern zusammensetzt. Letztere werden von den Länderparlamenten entsprechend den jeweiligen politischen Stärkeverhältnissen gewählt. Derzeit gehören dem Parlament 620 Abgeordnete an. Die Bundesversammlung umfasst somit 1240 Wahlleute.
Wie wird gewählt?
Das Staatsoberhaupt wird geheim und ohne vorherige Aussprache gewählt. Gewählt ist, wer die Mehrheit der Stimmen auf sich vereinigt. Die Wiederwahl ist einmal möglich. Wählbar ist jeder Deutsche, sofern er das 40. Lebensjahr vollendet hat. Sollte kein Bewerber im ersten oder zweiten Wahlgang die absolute Mehrheit erreichen, reicht im dritten Wahlgang die relative Mehrheit. Drei Mal waren bislang drei Wahlgänge erforderlich: 1969 bei Gustav Heinemann, 1994 bei Roman Herzog und 2010 bei Christian Wulff.
Wann wird gewählt?
Laut Gesetz muss die Bundesversammlung spätestens 30 Tage vor dem Ende der Amtszeit des Bundespräsidenten zusammentreten. Sollte eine Amtszeit verfrüht enden muss die Bundesversammlung spätestens dreißig Tage später den Nachfolger wählen. Als spätester Termin für die Neuwahl kommt somit der 18. März in Frage. Einberufen wird die Versammlung vom Bundestagspräsidenten.
Wer hat die Mehrheit?
Die parteipolitische Mehrheit der Bundesversammlung muss nicht identisch sein mit den Mehrheitsverhältnissen im Bundestag. Nach Berechnungen des Portals wahlrecht.de hätte Schwarz-Gelb derzeit nur eine Mehrheit von zwei bis vier Stimmen in der Bundesversammlung. Da SPD und Grüne mit im Boot sind, gilt die Wahl von Joachim Gauck als sicher.