Desolate Endlager Müllhaufen der Atomgeschichte

Die Atomindustrie hofft nach einem Regierungswechsel auf längere Laufzeiten für ihre Kernkraftwerke und somit neue Milliardengewinne. Um das Atommüll-Problem soll sich die Politik kümmern. Doch die hat in 50 Jahren noch keine Lösung gefunden - vor der Wahl spitzt sich der Konflikt weiter zu.

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Hamburg/Berlin - Als der Lastwagen mit der Aufschrift "Achtung: Atommüll" am Brandenburger Tor ankommt, laufen die Probebohrungen noch. Spezialisten in weißen Schutzanzügen laufen umher, sie tragen Atemmasken und Geigerzähler. "Wir wollen ein Endlager finden, hier mitten im Berliner Regierungsviertel", ruft einer in sein Megafon. Dazu wird der Untergrund erkundet. Oder so getan, als ob, schließlich handelt es sich um eine Demonstration.

"Wohin mit dem Atommüll deutscher Atomkraftwerke?", fragen die Aktivisten. Rund hundert sind zusammengekommen, von der Vattenfall-Zentrale sind sie bis vor das Brandenburger Tor gezogen. Sie schleppen gelbe Fässer mit "Atommüll" mit, untersuchen mit riesigen Lupen auslaufende Brühe. Es ist der Auftakt zu einer Tour durch zwölf Großstädte, am 5. September soll in Berlin eine große Demonstration stattfinden. Eine Delegation mit 160 Traktoren wird aus dem Wendland erwartet.

Während die Atomkraftgegner zur Demo mobilisieren, freuen sich die Stromkonzerne schon auf die Zeit nach der Bundestagswahl. Union und FDP wollen im Falle eines Wahlsiegs die Laufzeiten der Atomkraftwerke verlängern, das würde den Unternehmen zusätzliche Milliardengewinne bescheren. Schon wetten Börsenexperten angesichts der erwarteten Extragewinne auf Kurssprünge und raten ihren Anlegern zum Kauf von Aktien.

Bitterer Streit um Endlager-Erkundung

Doch auch 50 Jahre, nachdem das Atomgesetz zum Bau und Betrieb von Kernkraftwerken in Deutschland beschlossen wurde, gibt es immer noch kein Endlager für hochradioaktive Abfälle. Erst in dieser Woche hat Bundesumweltminister Sigmar Gabriel erklärt, der Standort Gorleben sei politisch "tot". Der SPD-Politiker begründete dies unter anderem damit, dass in der Regierungszeit von Kanzler Helmut Kohl kein Standortvergleich gemacht wurde und sich die Regierung über fachliche Bedenken hinweggesetzt habe.

SPD, Grüne und Linke plagen Sicherheitsbedenken, sie wollen den Atomausstieg und fordern, Gorleben nicht vorschnell als Endlager zuzulassen. Damit stehen sich zwei Seiten unversöhnlich gegenüber, denn Union und FDP setzen hingegen auf Atomkraft, wollen womöglich sogar neue Kernkraftwerke bauen und brauchen auch für künftigen Atommüll eine Lösung. Die Atomlobby und der niedersächsische Ministerpräsident Christian Wulff (CDU) werfen Gabriel eine Verweigerungshaltung vor, sie halten an Gorleben fest und wollen die Eignung als Endlager "ergebnisoffen" weiter erkunden. Zumal die Atomindustrie bereits eine Milliarde Euro investiert hat.

Über die Geologie des unterirdischen Salzstocks wird schon seit langem diskutiert. Dabei geht es unter anderem um die Frage, wie gut der Salzstock nach oben hin abgedichtet ist - immerhin sollen die eingelagerten Abfälle Millionen von Jahren ungestört ruhen. Als besonders problematisch gilt bei Experten der Umstand, dass oberhalb des diskutierten Endlagers eine etwa 15.000 Jahre alte Schmelzwasserrinne liegt, die Grundwasser führt. Diese sogenannte "Gorlebener Rinne" ist zum Teil mehr als 300 Meter tief - von den eigentlich zur Isolierung wünschenswerten Tonschichten keine Spur.

Experten halten Gorleben für ungeeignet

Und auch die Stabilität des salzigen Atommüllgrabs wird von zahlreichen Wissenschaftlern in Frage gestellt: "Der Salzstock bewegt sich noch immer", sagte etwa der Jenaer Geophysiker Gerhard Jentzsch SPIEGEL ONLINE. "Das wird von vielen negiert, aber das ist falsch." Es sei eine "große Salzdynamik" vorhanden. Probleme könne vor allem das im Salz eingeschlossene Wasser bereiten: "Ein Salzstock ist nie trocken." Wenn aber durch die Wärme der Nuklearabfälle Wasser aus dem Gestein frei werde, drohten große Probleme.

Und auch ähnliche geologische Formationen an anderen Orten böten vermutlich kaum bessere Bedingungen, warnte Jentzsch, der auch Mitglied der Entsorgungskommission (ESK) des Bundesumweltministeriums ist: "Die Probleme sind grundsätzlich immer die gleichen." Der Kieler Geologe Ulrich Schneider warnte im ZDF vor dem "desolaten Deckgebirge" in Gorleben - und empfahl, "sofort mit alternativen Standortuntersuchungen zu beginnen".

Der Vorschlag ist nicht neu: Vor rund fünf Jahren hatte ein von der damaligen Bundesregierung eingesetzter Arbeitskreis ("AkEnd") Vorschläge zur Suche nach einem Endlagerstandort gemacht. Der Katalog war aber nicht umgesetzt worden. Neben Salzstöcken wäre im Grundsatz auch die Einrichtung eines Endlagers in Tongesteinen (Projekte etwa in Frankreich und der Schweiz) oder Granit (Projekte in Schweden) denkbar. Auch diese Formationen bieten sogenannte geologische Barrieren, die Radionuklide aus dem Abfall etwa auch im Fall von Erdbeben von der menschlichen Lebenswelt fernhalten würden.

Zweifel sogar in der CDU

Gorleben sei kein sicheres Endlager, sagte SPD-Chef Franz Müntefering der "Passauer Neuen Presse". Man müsse einen neuen Standort suchen - doch ausgerechnet Politiker, die für mehr Atomkraft einträten, wollten kein Endlager vor ihrer Haustür haben. Von Horst Seehofer, CSU-Ministerpräsident in Bayern, und Günther Oettinger, CDU-Ministerpräsident von Baden-Württemberg, vermisse er die Bereitschaft, in ihren Bundesländern nach Standorten zu suchen. Sogar ein CDU-Minister hat mittlerweile Zweifel an der Vorfestlegung. Der schleswig-holsteinische Umweltminister Christian von Boetticher warnte davor, sich nur auf Gorleben zu konzentrieren. Man müsse auch Alternativen Ausschau halten, sagte er der "Welt" und verwies auf die Erfahrungen mit dem maroden Atommülllager Asse.

Denn schon einmal hat die Politik Warnungen einfach ignoriert. 1967 war das, Wissenschaftler wiesen darauf hin, dass das gerade vom Bund gekaufte Bergwerk Asse bei Wolfenbüttel mit Wasser volllaufen würde. Aber die Energiekonzerne brauchten eine Müllkippe, damit der Ausbau und Durchbruch der Atomenergie vorangehen konnte. Die Asse wurde zum "Versuchsendlager", 128.000 Fässer mit radioaktivem Müll wurden in die Grube gekippt.

Ein kleiner Kreis von Eingeweihten habe die Nutzung der Kernenergie durchsetzen wollen und habe "die ganze Republik genarrt", sagt Detlev Möller, der für seine Dissertation über Endlager jahrelang die Akten studiert hat. Er wirft dem damals zuständigen Minister Gerhard Stoltenberg und hochrangigen Beamten Verantwortungslosigkeit vor. Man habe die Probleme vor Ort und in Bonn sehr klar gesehen "und die Asse trotzdem zum Endlager gemacht".

Drei Salzstöcke, drei Milliardengräber

Nur wenige Jahrzehnte später steht die Asse vor dem Zusammenbruch, der Atommüll droht abzusaufen. Täglich müssen mehr als 10.000 Liter Wasser abgepumpt werden, jederzeit könnte mehr Wasser einbrechen. "Gefahr im Verzug" fürchtet der niedersächsische Ministerpräsident Christian Wulff (CDU) und mahnt ein Schließungskonzept an. Das zuständige Bundesumweltministerium rechnet mit Kosten in Höhe von zwei bis vier Milliarden Euro. Kosten, an denen sich die Atomindustrie mangels Mitverantwortung nicht beteiligt.

Noch ein weiterer Salzstock voller Atommüll macht Probleme: Das von der DDR in Sachsen-Anhalt errichtete Endlager Morsleben wurde nach der Wende weitergenutzt, gegen den Protest der zuständigen Experten und der Landesregierung. Die Bundesregierung von Helmut Kohl entschied anders, die damalige Umweltministerin Angela Merkel ließ den Einlagerbetrieb weiterlaufen. Erst 1998 stoppten Umweltschützer das Lager mit einer Klage, das nach westdeutschen Standards wohl kaum je genehmigt worden wäre.

In Morsleben, warnte das Bundesamt für Strahlenschutz diese Woche, könnten tonnenschwere Salzbrocken von einer Decke brechen. Gefahr für Mensch und Umwelt bestehe zwar nicht, es gebe aber die typischen Stabilitätsprobleme eines alten Bergwerks. Mehr als zwei Milliarden Euro kostet den Steuerzahler das Verfüllen von Stollen mit Spezialbeton. Die Grünen-Abgeordnete Sylvia Kotting-Uhl fordert, dass sich ein von ihrer Partei zur Asse geplanter Untersuchungsausschuss in der kommenden Legislaturperiode auch mit Morsleben und Gorleben befassen soll.

Gorleben wird gebraucht

Bei jedem der drei Atommülllager seien in den Antrags- und Genehmigungsverfahren Fakten verschwiegen und wissenschaftliche Bedenken unterdrückt worden, kritisiert Kotting-Uhl. Und Rebecca Harms, Fraktionschefin der Grünen im Europaparlament, plädiert für eine völlig neue Standortsuche. Gorleben sei nach politischen Kriterien ausgewählt worden, eine konservative Gegend nahe der Zonengrenze, sagte sie Deutschlandradio Kultur. Doch müssen man zuerst nachvollziehbare Sicherheitskriterien benennen - und dann auf die Suche gehen.

Die Befürworter der Atomenergie hingegen brauchen Gorleben. Das weiß auch die für die Atomaufsicht zuständige Ministerin in Baden-Württemberg, Tanja Gönner von der CDU. Das Endlager im Wendland müsse weiter erkundet werden, sonst stehe man "komplett mit leeren Händen da", sagte die Umweltministerin im Deutschlandfunk.

Mit leeren Händen und einem Berg hochradioaktiven Atommülls aus 50 Jahren.

Mitarbeit: Christoph Seidler und Alexander Wolf



Forum - Kernenergie - längere Laufzeiten trotz Reaktorpannen?
insgesamt 2342 Beiträge
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Seite 1
Rainer Eichberg 11.07.2009
1.
Zitat von sysopDie Kernenergie ist wieder diskutabel gewonnen, auch ein Ausstieg aus dem Ausstieg wird von Politikern erwogen. Wie zukunftsfähig ist die Atomenergie heute? Sollen die Reaktorlaufzeiten trotz der aktuellen Pannen verlängert werden?
Ja. Alles andere wäre Blödsinn. Der Strom würde sonst im Ausland eingekauft, und auch da bekommen wir wieder Atomstrom. Nur halt nicht Atomstrom "made in Germany". Und ob in Frankreich ein Reaktor in die Luft geht, in Polen oder in der Tschechei, ist ziemlich egal - es würde uns dennoch treffen.
WillyWusel 11.07.2009
2.
Zitat von Rainer EichbergJa. Alles andere wäre Blödsinn. Der Strom würde sonst im Ausland eingekauft, und auch da bekommen wir wieder Atomstrom. Nur halt nicht Atomstrom "made in Germany". Und ob in Frankreich ein Reaktor in die Luft geht, in Polen oder in der Tschechei, ist ziemlich egal - es würde uns dennoch treffen.
Sie und Ihr Nachbar stehen jeweils mit MG ausgerüstet einem gefesselten Mann gegenüber. Sie meinen, es ist kein Unterschied, ob Sie den Mann an der Wand erschiessen oder Ihr Nachbar? Tot ist der sowieso? Schon mal was von Verantwortung für sein eigenes Tun gehört?
kellitom, 11.07.2009
3. Söder und Ramsauer sind realitätsblind
Herr Söder droht den Menschen damit, dass die CSU Strom aus Tschernobyl importieren müßte, wenn in Deutschland die Laufzeiten nicht verlängert würden.In einem Fernsehinterview. Der Ausspruch, blöd, blöder Söder bekommt hier eine ganz neue Berechtigung, denn in Tschernobyl wird schon lange gar kein Stropm mehr hergestellt. Alles abgeschsltet dort, Herr Söder. Alle 6 Blocks. Aber als Umweltminister in Bayern muss er so etwas nicht wissen. Dort kann selbst ein Söder Umweltminister werden und bleiben. Und Herr Ramsauer entblödet sich nicht zu sagen, dass es in Krümmel im egentlichen Inneren des Atommeilers keinerlei Probleme geben. Wo sind denn die Brennstäbelchen, Herr Ramsauer? Schweben die außen vorbei???? Oh weh, oh weh, die CSU verliert jegliche Glaubwürdigkeit. Hoffentlich merken das die Bayern VOR der Bundestagswahl, denn danach ist es zu spät.
flowpower22 11.07.2009
4.
Zitat von Rainer EichbergJa. Alles andere wäre Blödsinn. Der Strom würde sonst im Ausland eingekauft, und auch da bekommen wir wieder Atomstrom. Nur halt nicht Atomstrom "made in Germany". Und ob in Frankreich ein Reaktor in die Luft geht, in Polen oder in der Tschechei, ist ziemlich egal - es würde uns dennoch treffen.
Es macht eben schon einen Unterschied. Glauben sie es oder nicht, aber die Welt schaut schon auf das was Deutschland macht. Wenn wir weiter mit Siemens die Speerspitze der Atomstrombewegung spielen, so werden die Bedenken in der Welt zerstreut. Aber es wird dann eben so sein wie immer. Die ärmeren Länder rechnen bei Sicherheitstandards vieles runter im Vergleich zu Deutschland. Auch diese sonderbare Haltung es bliebe uns quasi gar nichts anderes übrig halte ich für grossen Käse. In den 70'er Jahren gab es von der Politik verordnete Autofreie Sonntage um Sprit zu sparen. Das waren die schönsten Sonntage seit lange. Niemand hat diese Dreckskisten auch nur eine Sekunde vermisst.
flowpower22 11.07.2009
5.
Zitat von kellitomHerr Söder droht den Menschen damit, dass die CSU Strom aus Tschernobyl importieren müßte, wenn in Deutschland die Laufzeiten nicht verlängert würden.In einem Fernsehinterview. Der Ausspruch, blöd, blöder Söder bekommt hier eine ganz neue Berechtigung, denn in Tschernobyl wird schon lange gar kein Stropm mehr hergestellt. Alles abgeschsltet dort, Herr Söder. Alle 6 Blocks. Aber als Umweltminister in Bayern muss er so etwas nicht wissen. Dort kann selbst ein Söder Umweltminister werden und bleiben. Und Herr Ramsauer entblödet sich nicht zu sagen, dass es in Krümmel im egentlichen Inneren des Atommeilers keinerlei Probleme geben. Wo sind denn die Brennstäbelchen, Herr Ramsauer? Schweben die außen vorbei???? Oh weh, oh weh, die CSU verliert jegliche Glaubwürdigkeit. Hoffentlich merken das die Bayern VOR der Bundestagswahl, denn danach ist es zu spät.
Ich kann nur hoffen, dass die Bayern endlich aufwachen und dieser CSU mal die rote Karte zeigen werden in ein paar Wochen. Das wäre ein sehr gutes Zeichen und ein Sieg für das schöne Bayernland.
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