Deutsch-russisches Verhältnis Ehe ohne Liebe

Allen Beteuerungen von Diplomaten und Regierungssprechern zum Trotz: Vor dem heute beginnenden Deutschland-Besuch des russischen Präsidenten ist die Chemie zwischen Wladimir Putin und Bundeskanzlerin Angela Merkel nicht die beste. Die Russen hätten am liebsten Gerhard Schröder zurück.

Von und , Moskau


Moskau - Um die deutsche Kanzlerin zu werben kann mühsam sein. Wladimir Putin hatte Angela Merkel, eine studierte Naturwissenschaftlerin, zum Tête-à-Tête in die Bibliothek der Universität von Tomsk geladen. Das war im April beim Treffen der deutsch-russischen Regierungskommission in Sibirien. Angela Merkel hatte sich gerade mit dem Universitätsdirektor über chemische Formeln ausgetauscht.

Merkel und Putin: "Komplexer als komplizierte Moleküle"
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Merkel und Putin: "Komplexer als komplizierte Moleküle"

"Hoffentlich sorgt unsere Chemie für gute Stimmung", schmeichelte der russische Präsident. "Das ist komplexer als komplizierte Moleküle", konterte die Kanzlerin so, als seien die Beziehungen der beiden größten Länder Europas auf einmal ein Problemfall wie die Atomverhandlungen mit Iran.

Auch das Schlafzimmer in der Gästeresidenz, ursprünglich noch für Gerhard Schröder geplant, erst blau, dann für Merkel rosa gestrichen, verschmähte sie. Immer auf Distanz zum Kreml-Herrscher bedacht, übernachtete sie demonstrativ im Hotel – mit ihren Ministern und 20 mitgereisten Unternehmensführern.

Schielen nach dem amerikanischen Bräutigam

Wenn Putin morgen in Dresden auf Merkel trifft, darf er einen neuen Versuch unternehmen, die Kanzlerin für sich und die Anliegen Russlands zu erwärmen. Die Aussichten sind nicht gerade gut. Beim G-8-Gipfel der größten Industrienationen im Juli in St. Petersburg sparte sich Merkel ihre Wangenküsse für den französischen Präsidenten Jacques Chirac und den italienischen Ministerpräsidenten Romano Prodi auf. "Deutschland verhält sich eben wie eine Braut, die stets nach einem besseren Bräutigam Ausschau hält", erklärt Juli Kwizinski, langjähriger Sowjetbotschafter in Bonn und heute stellvertretender Vorsitzender des Auswärtigen Ausschusses des russischen Parlamentes. Im Falle Merkels ist der Bräutigam Amerika.

Der Mordfall Anna Politkowskaja

Putins autoritärer Innenpolitik steht sie auch aufgrund ihres ostdeutschen Lebensweges skeptisch gegenüber. Merkel hat die Verhaftung des Ölmagnaten Michail Chodorkowski kritisiert. Es ist gut vorstellbar, dass sie in Dresden eine ernsthafte Untersuchung des Auftragsmordes an der Moskauer Journalistin Anna Politkowskaja anmahnen wird, zumindest im vertraulichen Gespräch. Anders als in Russland kann Putin in Deutschland auch unangenehmen Fragen der Presse zum Thema nicht entgehen. Putin hatte sich zunächst nicht zu der Ermordung der Kreml-kritischen Journalistin geäußert.

Putin und Merkel erlebten 1989 den Mauerfall und den beginnenden Zusammenbruch des Sowjetimperiums zwar im gleichen Land, der DDR – jedoch auf entgegengesetzte Weise. Merkel, damals Physikerin an der Ost-Berliner Akademie der Wissenschaften, engagierte sich in der Bürgerrechtsbewegung. Während sie die neuen Freiheiten genießt und Flugblätter verteilt, verbrennt ein niedergeschlagener Putin, damals Oberstleutnant des Spionagedienstes KGB, in seiner Dresdner Dienstvilla gewaltige Mengen von Geheimdienstunterlagen, "so viel, dass der Ofen kaputt ging". Für Merkel war das Ende der sowjetischen Supermacht ein Aufbruch, für Putin ein Zusammenbruch.

So hat sich die deutsch-russische Liebesbeziehung, die zwischen Gerhard Schröder und Wladimir Putin einen Höhepunkt erreichte, inzwischen zu einer Art Zweckehe abgekühlt. Wegen der wirtschaftlichen Verflechtung der beiden Länder, insbesondere im Energiebereich, kommt eine Scheidung nicht in Betracht. Deutschland ist Russlands bedeutendster Handelspartner. Die Exporte nach Russland wuchsen im vergangenen Jahr auf 17,3 Milliarden Euro. Rund 4500 deutsche Firmen sind in Russland aktiv, für kein Land stellt die Bundesregierung so hohe Bürgschaften zur Absicherung von Exportgeschäften bereit.

Vom Bettler zum Muskelprotz

Anders als in den neunziger Jahren, als die Präsidenten Michail Gorbatschow und Boris Jelzin wegen der Wirtschaftskrise im eigenen Land bei den Deutschen um Finanzspritzen betteln mussten, treten die Russen heute kraftstrotzend auf. Russische Unternehmen und Banken gehen im Westen auf Shopping-Tour. Die Wneschtorgbank erwarb Anteile am kriselnden Airbus-Konzern, der Gasriese Gasprom wird Großsponsor bei Schalke 04.

Die russische Wirtschaft wächst in diesem Jahr um sechseinhalb Prozent. Die Währungsreserven steigen aufgrund der hohen Energiepreise und einer moderaten Finanzpolitik auf 260 Milliarden Dollar. Als Finanzminister Peer Steinbrück Anfang des Jahres mit seinem russischen Kollegen Alexej Kudrin zusammentraf, feixte er: "Wir haben die gleichen Zahlen." Nur dass der Russe ein Haushaltsplus vorzuweisen hat, der Deutsche aber seit Jahren ein Minus.



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