Armenien-Resolution Warum fühlen sich viele Deutschtürken beleidigt?

Der Völkermord-Beschluss des Bundestags empört Ankara - aber auch Tausende Deutschtürken. Der Psychologe Kazim Erdogan erklärt, was dahintersteckt.

Der türkischstämmige Psychologe Kazim Erdogan
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Der türkischstämmige Psychologe Kazim Erdogan

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Zur Person
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    Kazim Erdogan, 1953 in Gökçeharman in der Türkei geboren, kam 1974 zum Studieren nach Deutschland. Bekannt geworden ist der Psychologe durch seine Beratungsgruppen für deutsch-türkische Väter in Berlin-Neukölln. Dort geht es um Themen wie Erziehung ohne Gewalt, Liebe, Spielsucht, Zwangsehen, allein erziehen, Sex. Kazim Erdogan, Vorsitzender des Vereins "Aufbruch Neukölln" hat sich in der Vergangenheit häufig gesellschaftlich und politisch zu Wort gemeldet, gegen das Betreuungsgeld zum Beispiel. Durch seine Arbeit hat er Einblick in die Seele deutsch-türkischer Männer, die eher aus schwächeren sozialen Verhältnissen kommen. 2012 bekam Erdogan für sein Engagement das Bundesverdienstkreuz.

SPIEGEL ONLINE: Herr Erdogan, der Bundestag hat die Massaker an den Armeniern als Völkermord bezeichnet. In der Folge werden deutsche Politiker bedroht, die türkische Regierung wütet, auch viele Deutschtürken fühlen sich beleidigt. Warum eigentlich genau?

Kazim Erdogan: Die Männer in meinen Vätergruppen fragen: Was soll das jetzt nach hundert Jahren? Sie sind teils ehrlich empört, teils ist die Empörung auch Inszenierung. Viele sorgen sich, dass sie als Vaterlandsverräter gelten könnten, wenn sie jetzt nicht ihre Stimme im Sinne der türkischen Regierung erheben. Es steckt viel Angst dahinter. Kaum einer in Deutschland traut sich doch noch, kritisch über den türkischen Präsidenten Erdogan zu reden. Ich komme gerade von einem zweimonatigen Aufenthalt in der Türkei wieder und habe dort mitbekommen, wie groß die Furcht ist, sich politisch zu äußern. Die Leute dort haben schon Angst vor dem eigenen Nachbarn. Viele Menschen ersticken fast an dieser Angst.

SPIEGEL ONLINE: Warum lässt sich mit jungen Männern, die seit Langem oder schon immer in Deutschland leben, nicht über den Völkermord reden?

Erdogan: Erstens findet in den Geschichtsbüchern in der Türkei keine kritische Auseinandersetzung mit der Vergangenheit statt - übrigens von keiner Bevölkerungsgruppe in der Türkei, weder von den Türken, noch von den Armeniern, noch den Kurden. Es werden nur Heldengeschichten erzählt. Es wird verdrängt, es gibt kein Wort darüber, dass im Krieg automatisch Unrecht geschieht - es gibt keine Erfahrung, keine Tradition in Aufarbeitung von Schuld. Zweitens: Wenn man als Vertreter einer Minderheit in einem Land lebt - und so begreifen sich viele Deutschtürken ja -, entsteht schnell das Gefühl der Benachteiligung. Da geht man dann lieber erst einmal selbst zum Angriff über.

SPIEGEL ONLINE: Was setzen Sie dieser Wut entgegen?

Erdogan: Ich versuche, den kritischen Geist der Männer anzuregen. Sie sollten versuchen, sich eine eigene Meinung zu bilden und nicht das als Realität anzunehmen, was die türkische Regierung sagt.

SPIEGEL ONLINE: Wie viel Einfluss hat Erdogan auf die türkeistämmigen Menschen in Deutschland?

Erdogan: Bei den sozial Schwächeren stehen sicher 70 Prozent hinter ihm. Sehr viele konsumieren noch immer fast nur türkische Medien. Da wirkt dann Erdogans Strategie perfekt: Egal über was er redet, 90 TV-Kanäle übertragen live. Und wenn man permanent diesem schimpfenden Präsidenten ausgesetzt ist, geht das nicht spurlos an den Männern vorüber.

SPIEGEL ONLINE: Warum empfinden viele Präsident Erdogan als ihren Beschützer und nicht Kanzlerin Merkel?

Erdogan: Das mag auch daran liegen, dass sie hier nicht das erreicht haben, was sie sich erträumt haben. Es ist leicht, sich dann abzukapseln und seine alte Heimat - oder die seiner Eltern - und die dortige Regierung zu idealisieren.

SPIEGEL ONLINE: Wie sollte sich Merkel in der Flüchtlingskrise gegenüber Erdogan verhalten?

Erdogan: Öffentlich Klartext reden! Und Erdogan wegen seiner Äußerungen gegen deutsche Abgeordnete in die Schranken weisen.

SPIEGEL ONLINE: Haben Sie selbst Angst, wenn Sie sich so deutlich äußern?

Erdogan: In meinem Heimatdorf in der Türkei stehen Häuser von Armeniern, die 1915 von dort vertrieben wurden - wenn ich da bin, dann spüre ich sehr nah, was ihnen angetan wurde. Und ich weiß, dass Schweigen zu keinem guten Ergebnis führt. Man muss sich entschuldigen können und anerkennen, dass im Krieg unmenschliches Leid verübt wird. Man muss außerdem klarmachen: Die deutschtürkischen Abgeordneten sind Mitglieder des Deutschen Bundestags. Es handelt sich also um eine innerdeutsche Angelegenheit, in die sich die türkische Regierung nicht einmischen sollte. Im Übrigen halte ich Angst für den schlechtesten Ratgeber. Wir müssen offen miteinander reden, auf respektvolle und moderate Weise. Ich habe sonst große Sorge, dass der Graben sowohl in der türkischen als auch in der deutschen Gesellschaft immer tiefer wird.

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