Deutschtürken und Kurden in Berlin "Es herrscht eine unbeschreibliche Atmosphäre"

Ankaras Offensive gegen Kurden in Syrien sorgt auch in der deutschtürkischen Gemeinde für heftige Spannungen. Wie kann man da noch miteinander reden? Ein Versuch in Berlin-Neukölln.

Psychologe Kazim Erdogan bei der Gesprächsrunde in Neukölln
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Psychologe Kazim Erdogan bei der Gesprächsrunde in Neukölln

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Etwas höchst Seltenes geschieht hier im schmucklosen Erdgeschossraum eines Hauses im Norden von Berlin-Neukölln. Es sitzen zusammen: Anhänger und Gegner des türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan; unter ihnen Kurden, Türken, solche, die gutes Deutsch sprechen, und solche, die fast ausschließlich Türkisch können.

20 Männer, deren richtige Namen nicht fallen sollen. Ältere, elegante Männer mit Schiebermütze und Jackett und junge, muskulöse mit T-Shirt und Daunenjacke. Vor ihnen sitzen der Psychologe Kazim Erdogan und eine weitere Therapeutin.

Jeden Montagabend ist Vätergruppe in Neukölln, und diese ganz unterschiedlichen, türkischstämmigen Männer sprechen und hören sich zu. Obwohl sie in ihren politischen Ansichten weit auseinander liegen, vertrauen sie sich Intimstes an: Eheprobleme, Erfahrungen mit Gewalt, Ängste, Süchte. Viele sind seit Jahren dabei.

Der Streit um die Armenienresolution, dann der gescheiterte Militärputsch in der Türkei und die anschließende Verfolgung von Oppositionellen und Gülen-Anhängern durch Machthaber Erdogan: Das alles hat auch die türkische Community in Deutschland gespalten. Die Stimmung ist aufgeladen, seit vielen Monaten. Es herrscht Misstrauen, manchmal offene Feindschaft. Nachbarn oder Arbeitskollegen denunzieren sich.

Und jetzt flammt mit den Angriffen der türkischen Armee auf kurdische Stellungen in Syrien auch ein alter Konflikt in Deutschland neu auf. In den vergangenen Tagen gab es immer wieder Zusammenstöße zwischen prokurdischen Demonstranten und türkischen Erdogan-Anhängern. Auf Kundgebungen wurden verbotene Fahnen mit dem Konterfei des PKK-Anführers Abdullah Öcalan gezeigt. Moscheen der türkisch-islamischen Ditib wurden beschmiert, mit Farbbeuteln beworfen. In Ditib-Gebetshäusern war zuvor für den Erfolg der türkischen Militäroffensive "Olivenzweig" gegen den syrischen PKK-Ableger YPG gebetet worden.

Kurdische Demonstration in Köln
STRINGER/EPA-EFE/REX/Shutterstock

Kurdische Demonstration in Köln

Der Hass, der, wenn es gut läuft, einfach runtergeschluckt wird, bricht sich wieder Bahn. Kurden und nationalistische Türken reden meist erst gar nicht mehr miteinander. "Es gibt eigentlich keine politisch heterogenen Gruppen mehr, in denen Gespräche stattfinden. Dieses Phänomen setzt sich bedauerlicherweise immer mehr fest", sagt Gökay Sofuoglu, Chef der Türkischen Gemeinde.

"Es haben alle Angst, darüber zu sprechen"

In Neukölln bei Kazim Erdogan, der für seine Idee der türkischen Vätergruppe unter anderem mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet wurde, ist das anders. Allerdings haben sie hier über die aktuelle Lage, die türkische Offensive in Syrien, der bereits Dutzende Zivilisten zum Opfer gefallen sind, bisher auch nicht gesprochen.

"Es herrscht seit den türkischen Angriffen eine unbeschreibliche Atmosphäre in der Community", sagt Psychologe Erdogan. "Nach dem Putschversuch war es lange nicht so schlimm, jetzt ist alles viel nationalistischer. Fast alle Türken finden den Krieg gut, sogar Freunde von mir, die Kemalisten sind. Fast keiner hinterfragt die Angriffe."

Tatsächlich stützt in der Türkei auch die oppositionelle CHP die jüngste Offensive in Syrien. "Gleichzeitig wenden sich Kurden, die die PKK abgelehnt haben, ihr jetzt wieder zu. Die Angriffe führen die Menschen in die Verzweiflung, in die Depression", klagt Erdogan. "Es haben alle Angst, darüber zu sprechen."

Dann aber tun sie es doch.

Deutschtürkische Männergruppe in Berlin-Neukölln
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Deutschtürkische Männergruppe in Berlin-Neukölln

Kazim Erdogan, der selbst einen kurdischen Vater und eine türkische Mutter hat, begrüßt seine Gruppe: "Es geht heute um ein sehr ernstes Thema. Es geht um Krieg, und das betrifft uns alle. Es muss möglich sein zu sagen, dass man nicht kämpfen will, ohne als Verräter denunziert zu werden. Es gibt keinen gerechten Krieg, das ist meine Meinung. Was ist eure?"

Ein junger, schmaler Mann meldet sich. Er wurde in Deutschland geboren."In meiner Familie sind alle eher regierungskritisch, aber wir haben das Thema ausgeklammert. Es ist merkwürdig, es herrscht unbewusst Sprachlosigkeit", sagt er. "Es gibt zu viele traurige Entwicklungen in der Türkei."

Ein anderer sagt: "Ich bin selbst Kurde, was bringt es zu reden? Es ist oft keine Annäherung möglich. Jeder will recht haben, andere Worte finden wir oft nicht."

Einer der Älteren sagt: "Krieg bringt nur Zerstörung, er kann niemals etwas Gutes bringen."

Nach zehn Minuten will der Erste gehen

Ein weiterer Mann bringt die "Leopard"-Panzer aus deutscher Produktion zur Sprache, die bei der Offensive in Nordsyrien eingesetzt werden: "Über die Deutschen wundere ich mich. Sie haben zwei Kriege erlebt, verloren und so viele Tote gesehen, alles war zerstört. Wie können die Deutschen jetzt Waffen an die Türkei schicken? Dieses Land geht kaputt durch deutsche Waffen in türkischen Händen."

Der türkische Präsident wird lange Zeit nicht direkt genannt, bis sich ein Mann zu Wort meldet, um die 40, schwarze Lederjacke. Er war bisher still und spricht auf Türkisch: Die Operation der türkischen Armee, das, was Recep Tayyip Erdogan mache, sei richtig , sagt er, diese "Säuberungen" müssten sein.

Sofort wird es laut.

Der Älteste in der Runde ruft: "Wie kannst du das verteidigen, es bedeutet nur Tod! Es geht um Menschen. Mein Vater war viele Jahre in der Armee, Krieg ist das Gegenteil von Leben."

Der Mann in der Lederjacke erwidert: "Ist es etwa richtig, die Terroristen, die türkische Soldaten angreifen und ermorden, gewähren zu lassen?"

Es sind nur zehn Minuten vorbei, und der erste aus der Runde will gehen. "Das halte ich nicht mehr aus", sagt er, ein Mann, auch er um die 40.

"Wenn ich für Frieden bin, bin ich verdächtig"

Aber Kazim Erdogan, der hier bei allen hohes Ansehen genießt, ruft zur Ruhe: "Wir müssen unterschiedliche Meinungen aushalten. Wir müssen uns ausreden lassen, respektieren!"

"Ich bin entsetzt, dass der Begriff 'Säuberung' verwendet wird, das ist ein faschistischer Begriff", wirft die Therapeutin ein. Das komme durch die Indoktrinierung türkischer Medien. Der Kriegsverteidiger sagt nichts mehr.

"Schon wenn ich sage, ich bin für Frieden, bin ich ja in den Augen des türkischen Präsidenten verdächtig", bemerkt jemand. Einige der Männer schmunzeln, so absurd klingt diese Tatsache.

So geht es hin und her. Was sind Erdogans Motive, fragen sich die Männer. Einige betonen immer wieder, es gehe in dem Krieg doch gar nicht primär um einen Konflikt zwischen Türken und Kurden.

Türkische Panzer an syrischer Grenze
DPA

Türkische Panzer an syrischer Grenze

Einer sagt: "Viele Kurden haben Erdogan doch auch gewählt, ihm zur Macht verholfen, viele sind in der Armee. Das Ganze sortiert sich eher entlang der Islamfrage: Religiöse Türken und religiöse Kurden schließen sich zusammen und sichern Erdogan seine Macht."

Ein anderer Mann fragt: "Der Krieg ist ein Instrument Erdogans, um seine Macht auszubauen. Der Begriff 'Terrorist' ist ein rhetorisches Mittel, um Angriffe zu rechtfertigen. Wenn es wirklich darum ginge, Terroristen zu vertreiben, warum wird dann jede friedliche Oppositionsstimme unterdrückt?"

Jetzt wolle er mal was sagen, meint da ein Mann aus der hinteren Ecke. Graue Haare, schwarzer Mantel, schwarzer Schal. Seit 1968 lebe er in Deutschland, habe hier alles erlebt, sagt er, Schule und Universität. Er sei auch für den türkischen Präsidenten. Aber hierzulande wähle er die AfD. "Das ist ja ähnlich, genau wie bei Erdogan sehen da die meisten von euch sofort rot."

Getuschel bei den anderen und Belustigung: "Weißt du eigentlich, was die will, die AfD?"

Kazim Erdogan beschwichtigt: Über deutsche Politik könnte man in der Runde ja viel gelassener reden. In der Türkei dagegen seien seit Beginn der türkischen Offensive mehr als 300 Menschen wegen "Terrorpropaganda" festgenommen worden. Auch darüber spricht Kazim Erdogan an diesem Abend.

Ein Mann im Karohemd meldet sich. "Ich habe eine andere Frage: Was soll ich meinem Nachbarn sagen, der vielleicht direkt vom Krieg betroffen ist, weil seine Familie in der Türkei lebt? Wie mit ihm umgehen?"

"Das, was du fragst, ist sehr wichtig", sagt Psychologe Erdogan. "Das Gespräch muss raus aus diesem Raum getragen werden."

insgesamt 26 Beiträge
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Rubyconacer 30.01.2018
1. Kurdenleid
Mir tun die Kurden leid. Dass ihnen die vier Länder nicht die von ihnen bewohnte Ecke antreten, damit sie ihr eigenes Land haben können. Übrigens: die Medien sollten endlich richtigstellen: Die Leopard-Panzer sind alte, abgelegte Panzer aus Bundeswehrbeständen. Immerhin ist die Türkei in der Nato. Wir schenken ja auch U-Boote an Israel...
Paddel2 30.01.2018
2. Sehr irritierend
Mir schwillt der Kamm! Natürlich sehe ich die Konflikte mit Sorge und verlange Sanktionen gegen die Türkei, aber nicht aus Solidarität mit den Kurden sondern aus Wunsch nach Frieden. Als Deutscher kann ich die Konflikte auch nur mit einer gewissen Distanz sehen. Umso mehr kann ich es nicht fassen, wie Menschen, die in der dritten Generation hier leben, derart emotional über Erdogan und dem kurdischen Volk reden können. Jede Demonstration für oder gegen ihn in Deutschland ist ein Beleg für gescheiterte Integration und führt bei mir mehr und mehr zu Resignation. Ich wünsche mir daher, die Integrationsbemühungen einzustellen, die westlichen Werte notfalls per Gesetze zu schützen und ein potentielle Zweiklassengesellschaft hinzunehmen. Das verschärft das Integrationsproblem natürlich weiter, es fühlt sich für mich aber auch gerechter an!
marialeidenberg 30.01.2018
3. Bürgerkrieg in Deutschland.
Es wird allerhöchste Zeit, dass die Deutschen Gesetzgeber (Länder oder Bund) eine Rechtsbasis zur Verhinderung eines türkischen Bürgerkrieges auf deutschen Boden schaffen. Ganz gleich, welcher Seite man sich verbunden fühlt, wir dürfen dieser Entwicklung nicht weiter tatenlos zusehen. Es wird sonst nicht mehr lange dauern bis die Straßenschlachten die ersten Toten produzieren. Jedwede politische Agitation, Demonstration oder Wahlveranstaltung auf deutschem Boden mit ausländischem Bezug sollte für eine ‚cooling-off-period‘ verboten werden und danach politisch (nicht technokratisch) und ausgesprochen restriktiv entschieden werden, wie weit man die Zügel wieder lockern kann.
Bernhard.R 30.01.2018
4. Und Merkel schweigt
Gabriel fordert die Türkei auf, Zivilisten zu schonen, statt den Überfall auf Syrien zu nennen, was er ist. Ein Verstoß gegen das Völkerrecht, gegen die Charta der Vereinten Nationen. Der Generalsekretär der NATO billigt der Türkei gar ein Selbstverteidigungsrecht zu, als stünden die Syrer vor Ankara.
ac-hettwer 30.01.2018
5. ac-hettwer
In diesem Konflikt zeigt sich mal wieder, das viele Machthaber in der Welt nicht in der Lage sind, ihre Konflikte mit anderen Völkern oder Nationalitäten mit friedlichen Mitteln zu lösen. Stattdessen lassen sie Waffen sprechen. Aber mit Panzern lassen sich Konflikte nicht lösen. Auch der türkisch-kurdische Konflikt ist ein national-ethnischer Konflikt. Solche Konflikte lassen sich nur im Dialog miteinander lösen. Gerade in der Unfähigkeit zum Dialog zeigt sich, wie unfähig und armselig beide Seiten sind. Der Konflikt, in dem viele unschuldige Zivilisten ihr Leben lassen wird wie viele solche Konflikte immer auf den Rücken der Schwächsten aufgetragen. Was aber genauso schlimm ist, er spaltet Gesellschaften auch außerhalb der Konfliktregion. Wenn Kurden und Türken hier in Deutschland aufeinander losgehen, dann zeigt sich welche Dimension dieser Konflikt annimmt. Alte, schon längst überwundene Gegensätze zwischen hier bei uns lebenden Türken und Kurden brechen wieder auf, führen zu Misstrauen, Hass und am Ende Gewalt. Erdogan spaltet Gesellschaften löst neue Konflikte die weit über die Region hinausgehen aus. Ein Präsident wie Erdogan darf man nicht einfach machen lassen. Ich kann nicht nachvollziehen, wie Europa und Deutschland dazu schweigen können und ich einbilden, ihr Schweigen würde nur zu einer neuen Belastung ihrer Beziehungen zur Türkei führen. Erdogan darf mit seine völkerrechtswidrigen Aktion nicht durchkommen. Krieg war und ist kein Mittel um politische Meinungsverschiedenheiten zu lösen. Wer schweigt und Erdogan machen lässt, der zeigt, was er vom Völkerrecht hält! Jedes Volk und jede Nationalität hat ein Recht, in Frieden und Sicherheit mit seinen Nachbarn leben zu dürfen, auch die Kurden. Ob das Erdogan nun gefällt oder nicht, das spielt hier keine Rolle. Wer sich über dieses Recht hinwegsetzt, der ist nicht nur ein Kriegstreiber, der zündelt und gefährdet den Frieden.
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