Deutsche AKW-Debatte: SPD-Vordenker Eppler verlangt neuen Atomkonsens

Die schwarz-gelbe Laufzeitverlängerung steht auf der Kippe - doch Atomkraftkritikern reicht das nicht aus: SPD-Urgestein Erhard Eppler fordert im Interview die Kanzlerin auf, gemeinsam mit der Opposition einen neuen Konsens zu schmieden und alte Meiler schnellstmöglich zu schließen.

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SPD-Politiker Eppler: "Die Debatte wird völlig neu geführt werden"

SPIEGEL ONLINE: Während sich in Japan die Ereignisse überschlagen, bricht hierzulande ein neuer Streit über die Atompolitik aus. Ist das der richtige Augenblick dafür?

Eppler: Ob heute oder morgen - es ist doch selbstverständlich, dass eine solche Kette von Atomunfällen eine Debatte auslöst über die Verantwortbarkeit dieser Energieerzeugung. Kritik daran ist scheinheilig. Eine parteipolitische Debatte sollten diejenigen nicht beklagen, die parteipolitisch den mühsam mit der Atomindustrie ausgehandelten Ausstiegskompromiss wieder gekippt haben.

SPIEGEL ONLINE: Sie meinen die Energiepolitik der Koalitionsparteien?

Eppler: Ja. Der Ausstieg aus dem Ausstieg war doch ein großes Wahlkampfthema von Union und FDP. Dabei hätten sie eigentlich sagen müssen: Gott sei Dank haben wir das Thema vom Tisch. Wenn Schwarz-Gelb nun in besondere Schwierigkeiten kommt, dann ist das redlich verdient.

SPIEGEL ONLINE: Die Laufzeitverlängerung will die Bundesregierung offenbar aussetzen. Braucht Deutschland jetzt einen neuen Atomkonsens zwischen Regierung und Opposition?

Eppler: Ein Atomkonsens wäre für die Gesamtgesellschaft sehr hilfreich. Ich erwarte von der Kanzlerin, dass sie das Gespräch mit der Opposition sucht, allein schon in ihrem eigenen Interesse. Klar ist: Sie wird es schwer haben. Die Notwendigkeit, die eigene Position zu rechtfertigen, hat jetzt die Kanzlerin - und nicht die Atom-Gegner.

SPIEGEL ONLINE: Wie müsste ein solcher Atomkonsens aussehen?

Eppler: Er müsste wohl vor allem zwei Dinge beinhalten: Der Ausstieg aus dem Ausstieg müsste annulliert werden. Zudem bräuchte es eine Klärung der Frage, welche der ältesten Reaktoren sofort vom Netz gehen können.

SPIEGEL ONLINE: Klingt nicht gerade nach einem klassischen Kompromiss, sondern eher nach reiner SPD-Linie, oder?

Eppler: Mag sein. Aber, mit Verlaub: Angesichts der schrecklichen Nachrichten aus Japan glaube ich nicht, dass die Gegner der Atomenergie jetzt noch große Zugeständnisse machen sollten.

SPIEGEL ONLINE: Was heißt die nukleare Katastrophe in Japan Ihrer Meinung nach für die weltweite Atomdebatte?

Eppler: Sie wird völlig neu geführt werden, und zwar egal wo. Eines hat mich in den letzten Jahren besonders beunruhigt: In vielen zerfallenden Staaten, wo es kein staatliches Gewaltmonopol und keine Rechtssicherheit mehr gibt, wurden Atomkraftwerke geplant, auch mit Hilfe des Westens. Das war immer völlig unverantwortlich, weil das Mindeste, was ein Atomkraftwerk voraussetzt, ein funktionierender Rechtsstaat ist. Mit diesen Planungen dürfte jetzt zum Glück Schluss sein.

SPIEGEL ONLINE: Was macht Sie da so sicher?

Eppler: Jetzt wird doch klar, wie verletzlich diese Technik ist. In weniger entwickelten Ländern sowieso. In Ländern, in denen man nicht weiß, wer demnächst das Kraftwerk in der Hand hat, kann die Atomenergie jedenfalls nicht in Frage kommen.

SPIEGEL ONLINE: In manchen Teilen der Erde scheint man das anders zu sehen. China etwa hat gerade an diesem Montag angekündigt, seine Atomenergie massiv auszubauen. Wie passt das zusammen?

Eppler: Dort entscheidet nicht das Volk, sondern das Politbüro der kommunistischen Partei. Wie wohl es dabei der guten Milliarde Chinesen ist, wissen wir nicht. Ich kann mir nicht vorstellen, dass die Erfahrungen in Japan ohne Auswirkungen auf die Gefühlslage der chinesischen Bevölkerung sein werden. Und das wird früher oder später auch seine politischen Konsequenzen haben.

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Japan nach dem Beben: Land im Ausnahmezustand
SPIEGEL ONLINE: Der weltweite Energiebedarf wächst rasant. Kann er ohne Kernkraft überhaupt jemals gedeckt werden?

Eppler: Aber natürlich. Das ist doch heute weithin Konsens. In Deutschland wird das ja auch von der Union inzwischen akzeptiert. Ansonsten würde sie die Atomkraft nicht als Brückentechnologie bezeichnen, also als Übergangslösung. Mit erneuerbaren Energie wird der weltweite Bedarf irgendwann gedeckt werden können.

SPIEGEL ONLINE: Aber das ist wohl eher eine Frage von Jahrzehnten als von Jahren.

Eppler: Naja. Eines der Argumente gegen den Ausstieg aus dem Ausstieg ist ja, dass dadurch die Geschwindigkeit reduziert wird, in der wir den Übergang zu den erneuerbaren Energien schaffen. Eine Laufzeitverlängerung ist ein großes Innovationshemmnis. Jetzt ist die Chance umzusteuern.

SPIEGEL ONLINE: Was kann international getan werden, um weltweit das Bewusstsein für die Risiken der Atomenergie zu stärken?

Eppler: Wenn die Ereignisse in Japan das Bewusstsein nicht verändern, werden alle unsere Predigten auch nichts nutzen. Ich fürchte, dass einzelne Staaten wie China sich vorerst auf ihre Souveränität stützen werden und neue Abkommen gar nicht erst akzeptieren würden. Da dürfen wir uns keine Illusionen machen. Aber mittelfristig wird sich das Bewusstsein durch Japan dramatisch verändern, egal wo.

Das Interview führte Veit Medick

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insgesamt 20 Beiträge
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    Seite 1    
1. was hat E......
Bravofox 14.03.2011
Zitat von sysopDie schwarz-gelbe Laufzeitverlängerung steht auf der Kippe - doch Atomkritikern reicht das nicht aus: SPD-Urgestein Erhard Eppler fordert im Interview die Kanzlerin auf, gemeinsam mit der Opposition einen neuen Konsens zu schmieden und alte Meiler schnellstmöglich zu schließen. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,750806,00.html
und neue moderne AKW zu bauen . Das waere der richtige Weg . Nur was Eppler damit zu tun hat darf man sich fragen .
2. SPD Vordenker
travelgr 14.03.2011
Wenn das der Vordenker der SPD ist, dann hinkt sie ganz schoen hinterher...
3. .
atomkraftwerk, 14.03.2011
Wer ist Eppler? Von diesem Atomkraftwerksexperten hab ich noch nicht gehört. Alte Meiler schließen, klar, kein Problem wenn man genügen neue hat. Genau das wurde ja durch die Grünen verhindert. Und das könnt ihr auch drucken bei Spon. Oder was ist daran schon wieder auszusetzen? Ah ich sehe, man darf keine Kritik an den Grünen äußern.
4. Endlich mal ein SPD-"Vordenker"...
willlie 14.03.2011
Zitat von travelgrWenn das der Vordenker der SPD ist, dann hinkt sie ganz schoen hinterher...
...jetzt brauchen die Genossen nicht mehr selbst zu denken !
5. Nein danke
leser75 14.03.2011
Zitat von sysopDie schwarz-gelbe Laufzeitverlängerung steht auf der Kippe - doch Atomkritikern reicht das nicht aus: SPD-Urgestein Erhard Eppler fordert im Interview die Kanzlerin auf, gemeinsam mit der Opposition einen neuen Konsens zu schmieden und alte Meiler schnellstmöglich zu schließen. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,750806,00.html
Jetzt kommt auch noch der alte Eppler, der fehlte uns gerade noch; es bleibt uns auch nichts erspart.
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Zur Person
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Erhard Eppler, 84, ist SPD-Politiker und war zwischen 1968 und 1974 Bundesminister für wirtschaftliche Zusammenarbeit. In Baden-Württemberg kandidierte er 1976 und 1980 für das Amt des Ministerpräsidenten, scheiterte jedoch bei beiden Landtagswahlen. Eppler nimmt für sich in Anspruch, einst die Atomdebatte innerhalb der SPD initiiert zu haben.

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