Deutsche Diplomatie Weltmarke Merkel

Die Bundeskanzlerin ist zurück vom G20-Gipfel in Buenos Aires. Im kollektiven Bewusstsein wird sie dort bleiben.

Merkel beim G20-Gipfel
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Merkel beim G20-Gipfel

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Angela Merkel, Sie haben es bestimmt gelesen, ist in Argentinien gefeiert worden "wie ein Popstar". Dort beginnt gerade der Sommer, und auch sonst ist ziemlich vieles ziemlich anders auf der Südhalbkugel. Hierzulande allseits Missvergnügen, es rotten sich bei Merkels Auftauchen übellaunige Wutbürger zusammen und skandieren, sie müsse "weg".

In Buenos Aires hingegen: Fiesta! Spontane Hochrufe auf "Angela!" beim Verlassen eines Steaklokals. Daheim in Deutschland schreibt ein SPON-Leser ins Forum: "Soll sie doch am besten gleich dableiben". Tatsächlich wird sie bleiben.

Am kommenden Freitag wird Angela Merkel als Parteivorsitzende der CDU abgelöst, es wird nach dieser Wahl nicht mehr allzu lange dauern, bis auch ihre Kanzlerschaft endet. Sie hat angegeben, danach kein politisches Amt mehr anzustreben. Deutschland wird seine denkbar beste internationale Repräsentantin verlieren, einen Exportschlager: die Weltmarke Merkel.

"Lasst uns Jens dazuholen"? Undenkbar.

Als Donald Trump vergangene Woche von der "New York Post" auf die neue Eskalation im Ukrainekonflikt angesprochen wurde, hatte er ausnahmsweise mal eine gute Idee: "Angela, let's get involved Angela" - "Lasst uns Angela dazuholen", sprach der US-Präsident. Wenn überhaupt jemandem zuzutrauen ist, Wladimir Putin und Petro Poroschenko zur Vernunft zu bringen, dann Angela Merkel, das weiß jedes Kind und mittlerweile sogar Donald Trump.

Es wird eine ganze Weile dauern, bis einmal jemand auf die Idee kommt, "Let's get involved Annegret" zu sagen, wenn es um Angelegenheiten von Weltrang geht. Oder nach "Friedrich" zu verlangen. Völlig unvorstellbar ist es, dass jemals irgendjemandem der Vorname "Jens" in diesem Zusammenhang einfallen wird.

In der Kolumne Agitation und Propaganda schreibt Stefan Kuzmany über die aktuellen Entwicklungen in Politik und Gesellschaft.

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Vom Aktienheini Merz weiß man, dass er zur Begrüßung im Restaurant schon mal das Personal rundmacht, um zu zeigen, was Sache ist. Einen Merz'schen Wutanfall angesichts einer defekten Regierungsmaschine möchte man sich lieber gar nicht erst vorstellen.

Von der Weltmarke Merkel gibt es Fotos an Bord der ersatzhalber bestiegenen Iberia-Linienmaschine. Merkel habe einen Joghurt gegessen, ein wenig in einem Buch gelesen und geschlafen, berichtet ein argentinischer Mitreisender der Presse. Und sie habe immer so nett herübergelächelt.

Wer bekommt ein Küsschen?

Politik ist auch eine Stilfrage, das gilt besonders für die internationale Diplomatie. Beim Empfang der Staats- und Regierungschefs auf den Eingangsstufen des wunderschönen Teatro Colón durch den argentinischen Präsidenten Mauricio Macri und seine Gattin konnte man instinktiv die Stellung eines Gastes in der Weltgemeinschaft erspüren. Wem kommt man entgegen, wer bekommt nur einen Handschlag, wer eine Umarmung, wer ein Küsschen oder zwei? Als Angela Merkel ankam, mit zwölf Stunden Verspätung, aber gerade noch rechtzeitig vor Beginn des Kulturprogramms, war es, als würde eine alte Freundin zur Türe hereinkommen, die von ihrem blöden Missgeschick bei der Anreise berichtete.

Stimmenfang #76 - 13 Jahre Kanzlerin Merkel: Wie hat sich Deutschland seither verändert?

Danach verlor sie keine Zeit. Als die TV-Kamera kurz darauf die Aufstellung der Staatsgäste zum traditionellen Familienfoto einfing, da konnte man Angela Merkel dabei beobachten, wie sie bereits ohne Unterlass auf den neben ihr stehenden Wladimir Putin einredete. Der Russe setzte ein wächsernes Fotolächeln auf, aber Merkel interessierte sich augenscheinlich nicht für das Gruppenbild. Sie hatte etwas zu besprechen. Die Weltmarke Merkel bei der Arbeit.

Wenn demnächst die Außerirdischen kommen

Es ist selbstverständlich vollkommen ausgeschlossen, dass Angela Merkel sich aus der Weltpolitik zurückzieht, nachdem ihr das deutsche Kanzleramt abgenommen worden ist. Sie wird noch dringend gebraucht. Irgendwer muss doch diesen Laden zusammenhalten, der sich Weltgemeinschaft nennt. Wenn die Menschheit demnächst Kontakt mit Außerirdischen aufnimmt, wer soll mit denen vernünftig reden, wenn nicht sie?

Es sind Bilder wie die von diesem G20-Gipfel, die von Angela Merkel in Erinnerung bleiben werden. Selbst wenn sie irgendwann geht, wird sie im kollektiven Bewusstsein der Welt dort bleiben: Auf dem internationalen Parkett, als Sachwalterin der deutschen und europäischen Interessen, für das Gute der Menschheit wirkend. 12.000 Kilometer entfernt vom Berliner Nieselregen, wo einmal mehr der Dieselgipfel tagt. Schauen Sie bitte kurz aus dem Fenster. Wann nach Argentinien abhauen, wenn nicht jetzt?

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insgesamt 131 Beiträge
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Seite 1
Lykanthrop_ 03.12.2018
1.
Merkel-Nostalgie. Sind wir schon so weit ? Keiner weiß was die Zukunft bringt, Unsicherheit, deswegen scheint uns die Vergangenheit so heimelig. Lasst uns nach vorne blicken und schauen wie wir die Zukunft positiv gestalten können, Merkel hat ihren Ruhestand wohl verdient. Kanzlersein ist ein harter Job.
alwalis 03.12.2018
2. Die Zeit ist vorbei
Viele Menschen wollen keinen Frieden mehr, wollen ihrer Wut freien Lauf lassen, endlich mal reinhauen, aufräumen, reinschlagen, endlich Klartext reden und vergessen dabei, wie wertvoll Frieden sein kann. Tja, da ist für Merkel kein Platz mehr. Es ist schon traurig, dass selbst Frau Merkel ohne Alternative ist. Ihr Vorteil ist, dass sie sich nie überschätzt hat, und auch keinen Beifall wollte, einfach für etwas steht, was heute zunehmend verloren geht. Hätte nie gedacht, dass ich sowas mal schreiben würde, wenn es um Merkel geht.
multi_io 03.12.2018
3. Blah
Klar, das Regierungsoberhaupt muss auf jeden Fall genug Zeit haben, sich als "Weltmarke" zu etablieren. Das ist das allerwichtigste. Je länger ein Kanzler oder eine Kanzlerin an der Macht bleibt, desto besser. Hat man schon bei Kohl gesehen. Am besten wir schaffen gleich die Bundestagswahlen ab oder verlängern die Legislaturperiode auf 25 Jahre, denn sonst bestünde ja immer die latente Gefahr, dass der Kanzler überraschend abgewählt und durch jemanden ersetzt wird, den außerhalb von Schland keiner kennt. Nicht auszudenken sowas.
held_der_arbeit! 03.12.2018
4. Tolle Diplomatin, aber vermissen werde ich sie wohl trotzdem nicht...
...denn was das Regieren angeht habe ich ihre Ära im wesentlichen als Stillstand erlebt. Das stille, unaufgeregte was bei Gipfeltreffen und internationalen Krisen so manchen Macho-Man erfolgreich gebändigt haben mag ist auf der Regierungsbank allzu oft in Lethargie umgeschlagen. Ideenlosigkeit, Zaghaftigkeit. Spätestens als sie monatelang (ja eigentlich bis heute) nichts auf Macrons flammenden Europa-Appell zu antworten wusste war mir klar, mit Frau Merkel ist kein Staat zu machen. Nur zu verwalten. Vielleicht sollte man sich auch bundespolitisch ein Beispiel an den Grünen nehmen und eine Doppelspitze nominieren. Einen "Macher" der Visionen entwirft und damit den Populisten das Wasser abgräbt und daneben jemand, der moderiert, wenn es zu toll wird? ;)
haarer.15 03.12.2018
5. Sie geht nicht irgendwann ...
... sondern sie geht sehr bald. Der Zeitpunkt steht fest, wennmöglich sogar eher noch. Es sollte dann aber langsam auch mal Schluss sein mit derart überzogenen Lobeshymnen. Auf roten Teppichen im Ausland hat Merkel meist kein schlechtes Bild abgegeben - aber innenpolitisch hinterlässt sie leider viele Versäumnisse und etliche Baustellen. Zu langes Regieren macht träge. Warum geht Herr Kuzmany darauf nicht ein ?
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