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Fregattenkapitän auf Rettungsmission im Mittelmeer: "Manchmal ist man den Tränen nahe"

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Mittelmeer: Wie deutsche Schiffe Flüchtlinge retten Fotos
Bundeswehr/ Winkler

Sie retten Flüchtlinge, auf hoher See und aus höchster Not: Nach welcher Taktik gehen die Marinesoldaten vor? Was macht ein solcher Einsatz mit einer Crew? Der Kommandant der Fregatte "Schleswig-Holstein" findet klare Worte.

Zur Person
  • Bundeswehr/ Kruse
    Marc Metzger, 42, ist seit März Kommandant der "Schleswig-Holstein". Anfang Juni hat der Fregattenkapitän das Kommando über die Seenotrettung der Deutschen Marine im Mittelmeer übernommen. Bis zum 11. November leitet er die Einsätze, dann kehrt er mit seiner Besatzung wieder in den Heimathafen Wilhelmshaven zurück.
2345 Flüchtlinge hat die Besatzung der Fregatte "Schleswig-Holstein" im Mittelmeer bereits von maroden Holz- oder Schlauchbooten gerettet und auf das italienische Festland gebracht. Menschen, die oft schon monatelang unterwegs sind, durch Syrien, Afghanistan, den afrikanischen Kontinent. Die meisten von ihnen wären auf der letzten, gefährlichsten Etappe ihrer Reise womöglich gescheitert: der riskanten Überfahrt von Libyen nach Europa.

Gemeinsam mit dem Tender "Werra" ist das Marineschiff seit Anfang Juni vor der libyschen Küste im Einsatz. Auch die deutschen Helfer stoßen manchmal an ihre Grenzen: Erst in der Nacht zum Freitag meldeten Rettungstrupps einen der schwierigsten Einsätze seit Beginn der Mission.

Der Kommandant der "Schleswig-Holstein", Marc Metzger, steht einer rund 200-köpfigen Crew vor. SPIEGEL ONLINE erreicht ihn per Satellitentelefon. Im Interview spricht er über die organisatorischen, aber auch psychischen Herausforderungen an seine Besatzung - und seine Sorge über beunruhigende Meldungen aus der Heimat.

Lesen Sie hier das Interview:


SPIEGEL ONLINE: Herr Metzger, wie läuft ein typischer Rettungseinsatz ab?

Marc Metzger: Wenn uns das Seenotrettungszentrum in Rom alarmiert, steuern wir schnellstmöglich die Stelle mit dem in Seenot geratenen Boot an. Sobald wir Sichtkontakt haben, stoppen wir die Fregatte etwa zwei Seemeilen vom Flüchtlingsboot entfernt. Wenn wir zu nah heranfahren würden, wäre die Gefahr zu groß, dass die Schiffbrüchigen ins Wasser springen, um uns entgegenzuschwimmen. Mit Speedbooten nähern wir uns von zwei Seiten, damit sich die Flüchtlinge nicht alle auf eine Seite bewegen. Dann laden wir immer zehn Menschen auf einmal ein und pendeln zwischen Flüchtlingsboot und Fregatte.

SPIEGEL ONLINE: Das kann lange dauern bei Hunderten Flüchtlingen auf einem Boot.

Metzger: Ja, einige Einsätze dauern bis zu zehn Stunden. Wenn das Boot schon sinkt, muss es natürlich schneller gehen. Für diesen Fall haben wir noch Rettungsinseln dabei, die sich bei Wasserkontakt von selbst aufblasen.

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Einsatz vor der Küste Libyens: Die "Schleswig-Holstein" bleibt noch bis November

SPIEGEL ONLINE: Wie vermeiden Sie Panik bei den Menschen auf den Booten?

Metzger: Wir haben immer einen Übersetzer dabei, der erklärt und beruhigt. Wichtig ist, dass wir den Schiffbrüchigen klar machen, dass alle gerettet werden und niemand zurückbleibt. Nervenzusammenbrüche bei den Schiffbrüchigen sind nicht selten. Für psychologischen Beistand haben wir auch einen interkulturellen Einsatzberater und einen Pfarrer an Bord. Kinder sind oft sehr verängstigt. Aber wir haben einen großen Vorrat Kuscheltiere an Bord - wenn die Kinder erst einmal einen Teddy in der Hand halten, beruhigen sie sich meist schnell wieder. Und dann sind auch die Erwachsenen beruhigter.

SPIEGEL ONLINE: Wie gefährlich sind solche Rettungsaktionen für Ihre Besatzung?

Metzger: Wenn wir uns einem Flüchtlingsboot nähern, haben wir natürlich auch unsere Waffen dabei - es besteht immer die grundsätzliche Gefahr eines Terrorakts oder Angriffs. Meist stellen wir aber schnell fest, dass wir sie nicht benötigen. Wichtiger sind die Vollschutzanzüge, die vor möglichen Infektionskrankheiten schützen. Außerdem werden die Flüchtlinge nach gefährlichen Gegenständen durchsucht, wenn sie an Bord kommen.

SPIEGEL ONLINE: Wohin bringen Sie die Flüchtlinge?

Metzger: Die Seenotrettungsstelle teilt uns mit, welchen Hafen in Italien wir ansteuern sollen. Da wir die Belastung für die Flüchtlinge an Bord so gering wie möglich halten wollen, sollten wir im Regelfall nicht länger als 24 Stunden zum nächsten Hafen brauchen. Kranke und unbegleitete Kinder werden einzeln an die italienischen Behörden, die im Hafen auf die Geretteten warten, übergeben.

SPIEGEL ONLINE: Sie kommandieren eigentlich ein Kriegsschiff. Jetzt retten Sie Flüchtlinge aus Seenot. Wie haben Sie sich auf den Einsatz im Mittelmeer vorbereitet?

Metzger: Wir haben vorher verschiedene Szenarien durchgespielt und praktisch geübt. Vor Ort haben wir schnell festgestellt, dass man sich nicht nur theoretisch auf so einen Einsatz vorbereiten kann. Wenn man die vielen Menschen sieht, die da zusammengepfercht in den kleinen Holzbooten sitzen, die Kinder und Mütter - da empfindet man einen starken seelischen Druck. Es geht um Menschenleben. Mit der entspannten Durchführung eines ruhig einstudierten Manövers ist es dann vorbei.

SPIEGEL ONLINE: Sie sehen bei solchen Einsätzen viel Hoffnungslosigkeit und Elend. Lassen Sie das an sich heran?

Metzger: Manchmal ist man den Tränen nahe, wenn man sieht, wie etwa Säuglinge von den Speedbooten auf unsere Fregatte gehoben werden. Wir sind ja nicht nur Soldaten im Einsatz, wir haben auch selbst Familien zu Hause. Oft fragt man sich, was diese Menschen in ihrer Heimat erlebt haben, um so eine gefährliche Reise auf sich nehmen zu müssen. Das löst auch Unverständnis für die Entwicklungen in der eigenen Heimat aus. Diese Menschen haben so einen harten Weg hinter sich und werden dann in Deutschland mit brennenden Flüchtlingsheimen begrüßt.

Video: Riskante Rettung - Hunderte Menschen auf einem Schiff

Reuters
Sehen Sie hier ein Video der Seenotrettung im Mittelmeer.

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