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Prozess gegen deutsche Islamisten: Familientrip in den Dschihad

Von und , Düsseldorf

Schabab-Miliz in Somalia (Archivbild): Angst vor ausländischen Spionen Zur Großansicht
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Schabab-Miliz in Somalia (Archivbild): Angst vor ausländischen Spionen

Sechs Männer aus Bonn, ihre Ehefrauen, Kinder und eine Mutter zogen zusammen in den Dschihad nach Somalia. Doch die Terrortour endete in einem Desaster. Jetzt stehen die Islamisten vor Gericht.

Vor einigen Jahren wollte Mounir T. noch ein Künstler sein. Er entwarf HipHop-Beats und stellte sie ins Internet. "Musik ist eine Sprache, die die ganze Welt versteht", schrieb der Student dazu. Und dass er ein unabhängiger Produzent aus Bonn sei, der auf einen Plattenvertrag hoffe. Doch es kam anders: Der heute 31-Jährige sitzt seit Monaten in Untersuchungshaft.

Die Bundesanwaltschaft wirft T. und seinen Gesinnungsgenossen Omar D., 31, Steven N., 27, Abdullah W., 28, Abdulsalam W., 24, und Abdiwahid W., 23, unter anderem Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung vor. Die Ermittler sind überzeugt, dass die Männer in Somalia waren, um für die Islamistenmiliz al-Schabab zu kämpfen. An diesem Freitag beginnt vor dem Oberlandesgericht (OLG) Frankfurt am Main der Prozess gegen das Dschihadisten-Sextett.

Es ist nicht ganz klar, was den gebürtigen Tunesier Mounir T. zum radikalen Gotteskrieger gemacht hat. Eine Zeit lang schien es, als könne er nach seinem Abitur im nordrhein-westfälischen Bornheim Fuß fassen in dem Land, das ihn Jahre zuvor eingebürgert hatte. T. studierte erst Logistik, dann Maschinenbau, er heiratete, und zog mit seiner Frau in eine kleine Wohnung im Bonner Stadtteil Tannenbusch.

Doch schon im Frühjahr 2009, davon ist das Bundesamt für Verfassungsschutz überzeugt, wollte Mounir T. ein terroristisches Ausbildungslager besuchen. Er reiste aus Deutschland aus, wie der Nachrichtendienst feststellte. Doch wenige Wochen später war T. wieder in Bonn. Die Gründe für seine schnelle Rückkehr blieben den Agenten allerdings verborgen.

Islamist Mounir T. aus Bonn: In einem Scharia-Staat leben Zur Großansicht
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Islamist Mounir T. aus Bonn: In einem Scharia-Staat leben

Aus ihrer Gesinnung machten T. und seine Frau Hawa N. nun keinen Hehl mehr. Nachbarn erinnern sich an das auffällige Paar im ersten Stock des Mehrfamilienhauses, er mit braunem Rauschebart, sie immer in Burka. Im Winter 2012, als ein Sprengsatz am Bonner Hauptbahnhof für Angst und Schrecken sorgte, erregte auch T. die Aufmerksamkeit der Polizei: Sein Handy war zum Tatzeitpunkt in eine Funkzelle am Tatort eingeloggt gewesen. Doch offenbar hatte der Extremist sein Telefon damals weitergereicht, er selbst war zu diesem Zeitpunkt nämlich bereits in Somalia.

Sie hätten einfach in einem "Scharia-Staat" leben wollen, so erklärte T. später den Ermittlern die ungewöhnliche Tour nach Afrika. Daher seien sie 2012 und 2013 aus Bonn nach Somalia gereist. Zusammen mit drei Ehefrauen, Kleinkindern und der Mutter der Brüder W. flogen die Männer von Brüssel nach Mombasa in Kenia. Mit einem Bus fuhren sie weiter an die Grenze. Ein Schleuser brachte sie schließlich für 1000 Dollar pro Person ins vermeintlich gelobte Land, in dem seit Jahren ein entsetzlicher Bürgerkrieg tobt.

"Wer an der AK-47 ausgebildet ist, kann auch damit umgehen"

Nach eigenen Aussagen wurden die Zugereisten von al-Schabab nicht gerade freundlich aufgenommen. Man habe ihnen die Reisepässe abgenommen und sie verhört - offenbar aus Angst vor ausländischen Spionen. Schließlich hätten sie einen Monat lang die Scharia gebüffelt, gefolgt von einem Monat körperlicher Ertüchtigung. Danach übten die Deutschen einen weiteren Monat lang mit Kalaschnikows (AK-47) und Panzerfäusten.

Die Schabab-Miliz steckte die Rekruten anschließend in Abwehrstellungen, zumindest vier von ihnen. Dort kämpften sie gegen das somalische Militär, Truppen mehrerer Nachbarstaaten und der Afrikanischen Union. "Wer an der AK-47 ausgebildet ist, kann auch damit umgehen", prahlte Mounir T. in seiner Vernehmung. Nach seinem Einsatz an der Front habe er Urlaub bekommen.

In Somalia trafen die Bonner Kämpfer auf einen weiteren Mann aus der Heimat. Omar D. hatte schon 2008 in den Dschihad nach Pakistan ziehen wollen, wurde aber festgenommen. Wenig später kam er frei - und schaffte es 2013 nach Afrika. Doch anstatt ihn auszubilden, habe die Schabab ihn eingesperrt und gefoltert, berichtete er den anderen Deutschen. Die Terroristen hielten ihn demnach für einen westlichen Spitzel.

Bei der Reisegruppe setzte schon bald Ernüchterung ein. Im Spätsommer 2014 entschlossen sich die Dschihadisten zur Heimreise. Mithilfe zweier Schleuser gelangten sie nach Kenia. Danach meldete sich einer der Männer bei der Botschaft in Nairobi. Zurück in Deutschland wurden sie festgenommen.

In dem Verfahren vor dem OLG wird den Geständnissen der Angeklagten nun eine enorme Bedeutung zukommen. Die Verteidigung um die Bonner Rechtsanwälte Mutlu Günal und Carsten Rubarth moniert bereits die Umstände der Vernehmungen. Sie hätten vor der Drohkulisse kenianischer Gefängnisse stattgefunden, Folterungen seien dort nicht auszuschließen. In ihrer 81-seitigen Anklageschrift weist die Bundesanwaltschaft jedoch zurück, dass es Misshandlungen gab.

Zudem kritisiert Günal, dass die Ermittler seinen Mandanten Omar D. bei der Wahl des Verteidigers zu beeinflussen versucht hätten und ihn auf diese Weise aus dem Verfahren drängen wollten. "Das ist ein Unding", so Günal.

Das Fazit des weitgereisten Gotteskriegers Steven N. fiel hingegen erstaunlich plump aus: Er habe gehört, dass man in Somalia gut leben könne, erzählte er irgendwann deutschen Diplomaten. Doch in Wahrheit sei es dort gar "nicht so toll" gewesen.

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