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Personen, Zellen, Wohnorte Wie die deutschen Islamisten vernetzt sind

Islamistische Flagge auf Demo (Symbolbild): Das Netz in Deutschland wächst
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Islamistische Flagge auf Demo (Symbolbild): Das Netz in Deutschland wächst

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Der Krieg in Syrien und Irak geschieht mit deutscher Beteiligung. Muslimische Extremisten organisieren sich in Deutschland allerdings schon seit Jahrzehnten. Unsere Datenanalyse zeigt, wie weitläufig sie vernetzt sind - und in welchen Regionen die meisten wohnen.

[Aktualisierung zum Stand 17.6.2015]

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Heft 42/2014
Hilferuf aus Kobane: "Sie kommen zu Tausenden, es werden immer mehr!"

Seit Anfang 2013 beobachten die Sicherheitsbehörden, dass junge Islamisten aus der Bundesrepublik in den Krieg in Syrien und dem Irak ziehen. Wie ist die Szene organisiert? Wer steht mit wem in Verbindung? Wo sind die Hochburgen?

Dokumentare des SPIEGEL sammeln seit mehr als zehn Jahren Material über gewaltbereite Islamisten. Es stammt aus öffentlich zugänglichen und aus vertraulichen Quellen. Entstanden ist eine Datenbank mit derzeit (17.6.2015) 539 Personen, die sich offen zum gewalttätigen Islamismus bekennen oder von Behörden als gefährliche Islamisten eingestuft wurden - davon mehr als die Hälfte mit vollständigem Namen. Es handelt sich nicht um eine Momentaufnahme der aktuellen Szene, sondern um eine Langzeitbelichtung, die bis 9/11 zurückreicht. Deshalb sind in der Datenbank auch Islamisten erfasst, die schon lange tot oder aus der Szene ausgestiegen sind.

Naturgemäß sind die Angaben in solchem Material lückenhaft und oft nicht anhand weiterer Quellen überprüfbar. Dennoch sind die Daten aufschlussreich, denn sie umfassen einen erheblichen Anteil der gewaltbereiten Islamisten in Deutschland, deren Zahl der Verfassungsschutz jahrelang in der "Größenordnung" von 1000 sah. Als Rekrutierungsreservoir wird die schnell wachsende Gruppe der Salafisten angesehen, derzeit laut Verfassungsschutz rund 8000 Personen.

Einsame Wölfe und gut vernetzte Zellen

In der SPIEGEL-Datenbank sind bei 86 Prozent der Personen Verbindungen zu anderen Islamisten erfasst - insgesamt mehr als 3000 Kontakte. Tatsächlich sind die meisten Personen mit Sicherheit noch stärker vernetzt. Aber schon die dokumentierten Verbindungen lassen eine Struktur erkennen.

Es gibt nicht die eine zentrale Figur, sondern mehrere mit jeweils nur regionaler Bedeutung. Weite Teile der Szene zeigen jedoch gar keine Hierarchie - ungewöhnlich für Anhänger totalitärer Ideologien. Einige Namen können zumindest abgekürzt genannt werden, viele müssen aus rechtlichen Gründen anonym bleiben.

Die zentralen Figuren im Netzwerk haben teils einen weitläufigen islamistischen Bekannten- und Komplizenkreis. Etwa Fritz G., einer der Verurteilten der sogenannten "Sauerlandgruppe". Oft sind es diese besonders vielfältig vernetzten Personen, die zusätzlich zahlreiche Verbindungen ins Ausland unterhalten und viel dorthin reisen. Zentrale Figuren der Szene dürften in der Datenbank lückenlos erfasst sein, weil sie den Behörden früher oder später auffallen.

Andererseits gibt es viele "Inseln": Einzelpersonen oder kleine Gruppen, die möglicherweise keine persönliche Verbindung zu Gleichgesinnten haben. Diese isolierten Kleinzellen dürften in der Datenbank unterrepräsentiert sein - eben weil sie schwieriger zu entdecken sind.

Geografische Schwerpunkte

Von 428 Personen in der SPIEGEL-Datenbank ist der Lebensmittelpunkt in Deutschland bekannt. Etwa jeder Sechste kommt aus Berlin, insgesamt leben oder lebten mehr als 70 Prozent in Großstädten mit mindestens 100.000 Einwohnern - ein deutlicher Unterschied zur Gesamtbevölkerung, die nur zu 31 Prozent in Großstädten wohnt.

Wohnorte
Orte in den ostdeutschen Flächenstaaten kommen in der Liste kaum vor, offenbar weil der Anteil der Muslime dort deutlich geringer ist als im Westen.

Typisches Profil: männlich, jung, städtisch

Für den Dschihad sind Frauen nicht vorgesehen, hieß es ursprünglich in der islamistischen Ideologie. Da verwundert es nicht, dass sich unter den Extremisten in der SPIEGEL-Datenbank nur sieben Prozent Frauen finden. Und die sind in der Regel mit einem Islamisten verheiratet.

Doch auch hier zeigt sich ein beunruhigender Trend: 2004 befand der islamistische Hamas-Führer Scheich Ahmed Jassin nach dem Selbstmordanschlag einer Frau, dass auch sie die Pflicht zum bewaffneten Kampf hätten. Nach Einschätzung des Verfassungsschutzes sind mehr als hundert Frauen aus Deutschland Richtung Syrien und Irak gereist.

Bei mehr als der Hälfte der Personen in der SPIEGEL-Datenbank ist das Alter bekannt. Auffällig stark vertreten sind Geburtsjahre in den Achtzigern. Allerdings dürften die Neunzigerjahre systematisch unterrepräsentiert sein. Das hat einen einfachen Grund: Bislang konnte nur ein Teil der Syrienreisenden erfasst werden. Die Ermittler gehen aber davon aus, dass sich unter ihnen viele junge Männer befinden.

Der Märtyrertod wird von Islamisten zwar als "erfolgreicher Abgang" gepriesen, wie es ungewollt zynisch in einem Propagandavideo heißt. 62 Todesfälle sind in der SPIEGEL-Datenbank namentlich erfasst, darunter 39 Islamisten, die in Syrien und im Irak gestorben sind. Das Bundesamt für Verfassungsschutz rechnet dort bereits mit rund 85 Toten in nur zweieinhalb Jahren.

Herkunft instabil, Familie muslimisch

Die Zahlen belegen, dass Angehörige bestimmter Staaten besonders anfällig für die Radikalisierung sind. Ausnahme: die Türken. Sie stellen in Deutschland mit Abstand die meisten Ausländer, sind jedoch bei den Syrienreisenden unterrepräsentiert. Das mag teils an gelungener Integration liegen, teils an der laizistischen Tradition der Türkei. Anders sieht es bei den sieben nächsthäufigen Ausländergruppen in Deutschland aus. Dort sind die verdächtigen Islamisten überrepräsentiert. Sie stammen meist aus politisch instabilen Staaten mit großem islamistischen Einfluss.

Aus muslimischen Familien stammen zwar die meisten der gewaltbereiten Islamisten in der SPIEGEL-Datenbank. Fast 17 Prozent der Personen sind jedoch Konvertiten, ein extrem überproportionaler Wert. Sie scheinen also um ein Vielfaches anfälliger für gewaltbereiten Islamismus zu sein als geborene Muslime. Unter den Syrienreisenden sind Konvertiten ähnlich stark vertreten.

Magnet Islamischer Staat

Auf die deutsche Islamistenszene wirkte der Krieg in Syrien und im Irak wie ein Brandbeschleuniger, der Vormarsch des "Islamischen Staates" verstärkte diesen Effekt. Obwohl der Syrienkrieg schon seit Sommer 2011 tobt, werden nennenswerte Zahlen von Islamisten aus Deutschland dort erst seit Anfang 2013 beobachtet. Der Verfassungsschutz beobachtete nach der Proklamation des "Kalifats" im Sommer 2014 einen vermehrten Zulauf, der sich auch in unserer Grafik niederschlägt. Insgesamt ergibt sich über die letzten zweieinhalb Jahre aber eine weitgehend lineare Steigerung.

Wie viele der 700 Syrienreisenden für den Islamischen Staat kämpfen, ist nicht bekannt. Allerdings lassen einige Hinweise auf die Größenordnung schließen. So sollen laut Verfassungsschutz 2014 nur die Hälfte der Syrienreisenden überhaupt die Absicht gehabt haben, zu kämpfen. In diesem Jahr steige jedoch der Anteil der Militanten. Bei den Übrigen soll humanitäre Hilfe für muslimische Kriegsopfer das Reisemotiv sein. Die Kämpferzahl wird weiter reduziert durch die Zurückgekehrten, Todesopfer und diverse weitere Faktoren.

Deshalb könnte die Zahl der derzeit aktiven Kämpfer aus Deutschland bei nur etwa 100 liegen. Zugleich ist laut Verfassungsschutz wegen des schwer zu überwachenden Reisewegs die Dunkelziffer "hoch". Der Trip nach Syrien ist einfacher und billiger als nach Afghanistan, bis zur syrischen Grenze kommt man innerhalb eines Tages.

Welcher Terrororganisation sich die Islamisten anschließen, scheint geradezu einer Mode zu folgen. Noch Mitte 2014 war der Islamische Staat (IS) nur die Nummer 2. Mittlerweile steht er mit großem Abstand an der Spitze. Selbst wer jahrelang Mitglied in einer anderen Terrorgruppe war, hat offenbar keine Skrupel, zum IS überzulaufen.

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8 Leserkommentare
scharfekante 11.10.2014
imperatom 04.07.2015
littletruth 04.07.2015
Daueronline 04.07.2015
Rainer Helmbrecht 04.07.2015
bazingabazinga 04.07.2015
blackharaz 05.07.2015
mhpisd 05.07.2015
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