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Deutsche Milieus: Das alte und neue Unten

Von Franz Walter

Prekariat, Unterschicht: In Deutschland wird wieder über Klassenzugehörigkeit diskutiert. Doch so klare Trennungen einzelner Gruppen gibt es gar nicht mehr. Heute reden Wissenschaftler über Milieus - und sehen dabei bedrohliche Veränderungen.

Moderne Analysen von modernen Gesellschaften handeln meist nicht mehr einfach von Schicht und Klasse, von religiöser Zugehörigkeit oder Geschlecht. Natürlich, in den Wahlanalysen der einschlägigen Institute geht es noch auf diese Weise zu, da man die Anteile nach Arbeitern, Angestellten, Selbständigen, Rentnern, Arbeitslosen und Menschen in der Ausbildung aufzulisten pflegt. Doch mindestens für ihre langfristigen "Projektplanungen" greifen Parteizentralen bevorzugt auf die allerdings recht teuren Milieuanalysen zurück, die tiefer und kulturell differenzierter in die heterogenen Lebenswelten der Gesellschaft hineinzudringen versprechen.

Armut in Deutschland: Rund acht Prozent der Bevölkerung gehören laut einer Studie zum "abgehängten Prekariat"
AP

Armut in Deutschland: Rund acht Prozent der Bevölkerung gehören laut einer Studie zum "abgehängten Prekariat"

Das begann bereits Ende der siebziger Jahre mit den sogenannten Sinus-Milieus, die sich anfänglich insbesondere die Sozialdemokraten für indes nicht ganz so erfolgreiche Zielgruppenwahlkämpfe in den achtziger Jahren zunutze gemacht hatten. Seither hat das Sinus-Modell (heute: Sinus Sociovision) das Feld der politischen Kampfbahn längst verlassen, ist zum Instrument der Markt- und Konsumentenerforschung für Firmen, Medien und Marketingbüros geworden. In der akademischen Soziologie ist die zwischenzeitliche Kultur- und Lebensstileuphorie zuletzt zwar merklich abgeflaut, aber als bereichernde Ergänzung klassischer Sozialstrukturerhebungen gelten die Milieuanalysen auch dort nach wie vor. Schauen wir also hin, was die Archäologen gegenwärtiger deutscher Lebenswelten zu Tage gefördert haben.

Seit 2001 geht das Sinus-Sociovisions-Institut von folgenden zehn Milieus in Deutschland aus:

  1. Traditionsverwurzelte
  2. Konservative
  3. DDR-Nostalgiker
  4. Etablierte
  5. Bürgerliche Mitte
  6. Konsummaterialisten
  7. Postmaterielle
  8. Moderne Performer
  9. Hedonisten
  10. Experimentalisten

Aufstieg aus dem Souterrain der Gesellschaft

Die Prägung des ersten Milieus, der Konservativen, liegen lange zurück; die formative Phase des letzten Milieus, der Experimentalisten, ist gewissermaßen gegenwärtig, liegt in den frühen Jahren des 21. Jahrhunderts. Natürlich lässt sich über Sinn und Unsinn einzelner Bezeichnungen streiten; Begriffe wie "Performer" und "Experimentalisten" muss fraglos nicht jeder mögen.

Andere Institute kommen zu anderen Etiketten, fügen vergleichbare Personengruppen ein wenig anders kollektiv zusammen. TNS – Infratest beispielsweise hat für die aufsehenerregende Studie über Deutschland im Reformprozess neun Milieus ausgemacht und mit folgenden Namen ausgestattet:

  1. Abgehängtes Prekariat (8 %)
  2. Autoritätsorientierte Geringqualifizierte (7 %)
  3. Selbstgenügsame Traditionalisten (11 %)
  4. Bedrohte Arbeitnehmermitte (16 %)
  5. Zufriedene Aufsteiger (13 %)
  6. Engagiertes Bürgertum (10 %)
  7. Kritische Bildungselite (9 %)
  8. Etablierte Leistungsträger (15 %)
  9. Leistungsindividualisten (11 %)

Nehmen wir zunächst das untere Drittel der sozialen Schichtung in den Blick. Dort sind in den aktuellen Sinus-Expertisen drei Milieus angesiedelt: Die Hedonisten mit 11 Prozent der Bevölkerung, die Konsummaterialisten mit ebenfalls 11 Prozent und schließlich die Traditionsverwurzelten zu denen stattliche 14 Prozent der Bundesbürger zu zählen sind. In der osmotischen Struktur dieses Milieumodells allerdings sind Übergänge zu beziehungsweise Überlappungen mit höheren, auch anderen Schichtungsgruppen möglich. Für einen kleineren Teil der Traditionsverwurzelten trifft das zu, da sie materiell eine Mittelschichtposition einnehmen. Die Traditionsverwurzelten – bei den Kollegen von TNS Infratest als "Autoritätsorientierte Geringqualifizierte" beziehungsweise "Selbstgenügsame Traditionalisten" firmierend - bilden von den unteren Lagen in historischer Prägeperspektive das älteste Milieu. In deren Sozialisationszeit, den fünfziger Jahren, war die Aufstiegsorientierung noch ein prägendes Muster für die lebensgeschichtlichen Zukunftsbemühungen; und eine bemerkenswerte Anzahl von strebsamen Menschen aus den Souterrains der Gesellschaft ist in den mittleren Etagen der sozialen Hierarchie angekommen. In den historisch neueren Unten-Milieus ist der Drang nach Aufstieg durch langfristig angelegte Leistungsanstrengungen erheblich geringer vorfindbar.

Angst vor "Sittenverfall" und "Überfremdung"

In der Tat, die Wertedifferenzen zwischen den eben zu ganz verschiedenen historisch-qualitativen Zeiten sozialisierten Unten-Milieus sind beträchtlich. Die Traditionsverwurzelten sind in der Adenauer-Ära groß geworden, als sich die Deutschen aus den Hungerjahren der Kriegs- und Nachkriegszeit allmählich in die Wohlständigkeit emporgearbeitet hatten. Diese Generation des Wiederaufbaus hängt seither stabilen Ordnungs- und Pflichtwerten an, gibt sich insgesamt bescheiden, pflegt eine hohe Anpassungsbereitschaft gegenüber den herrschenden Machtverhältnissen. Die meisten traditionsverwurzelten Menschen befinden sich mittlerweile im Rentenalter, möchten gern den Ruhestand genießen, fürchten aber vor dem Hintergrund der langen ökonomischen Depression und Sparreformen empfindliche Abstriche am Lebensstandard, den sie zuvor durch harte Arbeit und sparsame Lebensführung erreicht hatten. Kürzungen der Ruhestandszahlungen, der Anstieg von Energie- und Gesundheitskosten haben viele zuletzt materiell in die Enge getrieben. Sorge ist daher in dieser Lebenswelt virulent. Ängste vor "Sittenverfall" und "Überfremdung" grassieren. Mit der neuen Technik kommt man nicht zurecht, am sichersten fühlt man sich in den eigenen vier Wänden.

Doch ganz und gar unaktiv und gemeinschaftswidrig ist das "alte Unten" keineswegs. Traditionsverwurzelte werkeln, da zeitreich im Ruhestand, unaufhörlich am Haus und im Garten, sind in ihrer überschaubaren Lokalgemeinschaft durchaus gesellig und gemeinnützig tätig, treffen sich mit Nachbarn und (früheren) Kollegen, gehören oft der Freiwilligen Feuerwehr an, der Schützenkompanie, einem Kleintierzüchterverein, dem Sportclub, dem Pfarrgemeinderat. Das traditionelle Kleine-Leute-Milieu war und ist selbstdisziplinierter als die moderne Unterschicht, hatte und hat für den eigenen Nahbereich noch einen Begriff von Zukunft, ist enorm familiär, am Fortkommen von Kindern und Enkeln interessiert.

Die formative Phase der Konsummaterialisten lag demgegenüber eine oder auch zwei Dekaden später. Entbehrung, Sparsamkeit, Bescheidenheit markierten nicht mehr den Trend, sondern Individualisierung, auch Genuss, gleichsam Cash und Konsumtion. Das Geld wurde rasch für die flott wechselnden Angebote der elektronischen Unterhaltungsindustrie ausgegeben. Auch Autos spielten eine erhebliche Rolle im vorzeigbaren Konsumtionsverhalten. Als Problem allerdings wuchs sich mehr und mehr heraus: Die Schere zwischen dem, was man in dieser Lebenswelt für den Konsum begehrte, und den finanziellen Möglichkeiten, die gerade hier seit einigen Jahren höchst begrenzt nur noch existierten, öffnete ich zunehmend. Etliche landeten in der Verschuldungsfalle. Die Folge waren und sind Frustrationen und Misanthropie. Als Ventile für solcherlei Missbehagen müssen nun Ausländerfeindlichkeiten und Abgrenzung gegen Randgruppen herhalten. Bei den Männern dieses Milieus sind Wut und Aggression zuletzt erheblich gewachsen, auch die (latente) Bereitschaft zum Protest. Doch kann man ebenfalls Verwahrlosung und Fatalismus in weiten Teilen dieser Lebenswelt beobachten.

Gemeinsames Gefühl: Unter die Räder gekommen

Fast schon wie ein zweieiiger Zwilling der konsummaterialistischen Gruppe wirkt der hedonistische Lebenskreis, das dritte unterschichtige Milieu im diesem Sample. Zu einem guten Teil verlief die Prägung auch in ähnlichen Zeiträumen unter vergleichbaren Umständen auf Basis affiner Orientierungen. Die Hedonisten sind allerdings noch ein Stück moderner, in ihren Bedürfnissen und Enttäuschungen eine Nuance rigider, ja aggressiver. Ihre Erfahrungsfolie waren insbesondere die spaßgesellschaftlichen Jahre. Fun and Aktion bildete lange so etwas wie ihr Lebensmotto, das man der trägen Ruhe- und Sicherheitsbefindlichkeit der "Spießer" aufreizend entgegenstellte. In einigen Teilen haben unbekümmerte Konsum- und Erlebnissucht während der Krise gar noch zugenommen. Doch gerade unter älteren Hedonisten sind neuerdings ebenfalls Wünsche nach Konstanz und Kontinuität erkennbar. Die soziale Krise hat auch hier Verunsicherung, Besorgnis, mehr noch: Verbitterung ausgelöst. Als Kanalisation für die Wut dienen ebenfalls ausländerfeindliche Emotionen und Stigmatisierungen von Randgruppen. Das vereint, so auch das Ergebnis der Analyse von TNS Infratest, die "Autoritätsorientierten Geringqualifizierten", "Selbstgenügsamen Traditionalisten" und das "Abgehängte Prekariat". Der Internationalismus der alten Arbeiterbewegung ist aus den neuen, von der Sozialdemokratie kulturell allein gelassenen Unterschichten, wie es scheint, gründlich verschwunden.

Kurzum: die drei Milieus in den unteren Bereichen der gesellschaftlichen Rang- und Sozialordnung differieren durch Sozialisation ihrer Zugehörigen in verschiedenen Zeitkontexten nicht unerheblich. Doch eint sie das Grundgefühl, in der ökonomischen Dynamik unter die Räder zu kommen, zu den Abgehängten und Ausgeschlossenen der Modernisierung zu gehören. Positive kollektive Entwürfe für eine bessere gesellschaftliche Zukunft finden sich dort nicht; auch lassen sich solidarische Organisationsformen vor allem in den jüngeren Lebenswelten der Underclass kaum mehr erkennen. Dafür stößt man eben auf die schlechten Kompensate ethnozentristisch begründeter Ab- und Ausgrenzungsmentalitäten.

Doch wendet sich die Missstimmung bei einem Teil überdies noch gegen die "Bonzen" oben in der Gesellschaftspyramide. Zunächst in der Hedonistengruppe, nun auch bei den Konsummaterialisten deutet sich – im Unterschied zu anderen, eher fatalistisch grundierten Unterschichtmilieus – eine auffällig gewachsene Bereitschaft zur aktiven Gewalt an. Hier – übrigens ebenfalls bei den eher akademischen Angehörigen der Generation Praktikum aus der Welt der Mittelschichten – ist die Zahl derjenigen, die Gewalt prinzipiell als Instrument der Durchsetzung eigener Ziel für legitim hält, in den letzten Jahren bemerkenswert in die Höhe geschnellt, umfasst mittlerweile rund ein Drittel dieser Lebenskreise. Dort baut sich eine Aggression auf, die – wie sagt man – der öffentliche Diskurs bislang nicht wahrgenommen hat. Ganz so sediert, wie es derzeit scheint, ist die deutsche Gesellschaft nicht.

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