Deutsche Pressestimmen: "Die goldenen Zeiten der Angela Merkel sind vorbei"

Die schwarz-gelbe Mehrheit steht - doch das Regieren wird für Angela Merkel dadurch nicht einfacher, sind sich die Kommentatoren nach der Wahl in Deutschland einig. Viele Zeitungen fragen deshalb, ob Angela Merkel weiter die "Mutti der Nation" gibt oder ob sie sich zur "eisernen Lady" entwickelt.

"Süddeutsche Zeitung"

(…) Angela Merkel hat nun die Koalition, die sich ihre Partei gewünscht hat. Der Kanzlerin schmeckt die kleine Koalition nicht, aber sie muss so tun, als ob es so wäre. Künftig kann sie sich nicht mehr hinter der SPD verstecken. Künftig werden die Forderungen aus der CDU lauter werden, einen sehr wirtschaftsfreundlichen Kurs zu fahren. Spielt die Kanzlerin weiter die Rolle der Mutti der Nation, hat sie also Schwierigkeiten mit der FDP und mit ihrer Partei. Wird sie aber zur eisernen Lady, verliert sie ihr Renommee und ihre Reputation in der Bevölkerung. Das heißt: Die goldenen Zeiten der Angela Merkel sind vorbei.

"Financial Times Deutschland"

(…) Gleichwohl dürfen sich die Anhänger, aber auch die Gegner von Schwarz-Gelb in einem Punkt nicht täuschen: Auch wenn Union und FDP jetzt im dritten Anlauf die Mehrheit erreicht haben - mit dem schwarz-gelben Reformprojekt der Jahre 2002 und 2005 wird die nächste Bundesregierung nicht viel zu tun haben. Dafür hat sich die CDU unter Angela Merkel zu sehr sozialdemokratisiert, dafür hat sich auch das Land in den vergangenen Jahren viel zu stark verändert. (…) So wenig es der SPD im Wahlkampf geglückt ist, Merkel eine geheime Kahlschlagagenda anzudichten, so wenig wird sich die Kanzlerin jedoch von den Liberalen zu einem radikalen Kurswechseln drängen lassen. Ihre Aussage am Wahlabend, sie verstehe sich weiter als Kanzlerin aller Deutschen, lässt sich so verstehen, dass es mit einer Regierung unter ihrer Führung keinen großen Bruch geben wird.

"Bild"-Zeitung

Was die Politiker in einem verschwommenen Wahlkampf nicht geschafft haben - der Wähler hat es geschafft: Klarheit! (...) Mit der klaren Mehrheit für Schwarz-Gelb haben die Wähler mehr Mut bewiesen als die Politiker ihnen zugetraut haben. Das ist ein klarer Auftrag für Angela Merkel und Guido Westerwelle. (...) Die neue Regierung muss die Staatsverschuldung in den Griff kriegen. Die Steuern müssen runter - für die, die den Karren ziehen: den Mittelstand, die Facharbeiter, die Leistungswilligen. Und sie muss klare Worte zum Krieg in Afghanistan finden. Die Wähler haben Union und FDP ihr Vertrauen ausgesprochen. Jetzt müssen Merkel und Westerwelle Wort halten.

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Sieger und Verlierer: Die besten Bilder des Wahlabends
"Die Tageszeitung"

Schwarz-Gelb hat es im dritten Anlauf geschafft. Warum diesmal, warum ausgerechnet in der tiefsten Krise des globalen Kapitalismus? (…) Die dritte Antwort ist: die Krise. Knapp 15 Prozent für die Klientelpartei FDP zeigen, dass die obere Mittelschicht nichts mehr fürchtet, als für die Krise zahlen zu müssen. Knapp 13 Prozent für die Linkspartei zeigen, dass viele unten fürchten, in der Krise auf der Strecke zu bleiben. Beide Ergebnisse zusammen zeigen: Die Verteilungskämpfe werden härter. Was mit Schwarz-Gelb nun auf uns zukommt, ist absehbar: weniger sozialer Ausgleich, Steuersenkungen für Besserverdienende, finanziert durch eine höhere Mehrwertsteuer für alle. Klar ist: Die präsidiale, sozialdemokratische Kanzlerin Merkel ist ab jetzt passé.

"Frankfurter Allgemeine Zeitung"

(...) Der Regierung Merkel II wird eine linke Phalanx entgegentreten, wie man sie in diesem Land schon lange nicht mehr gesehen hat. Ob es dieser Macht gelingt, die Verkrustungen der großen Koalition von der CDU abzusprengen und den wahren Kern der Angela Merkel ans Tageslicht zu bringen? Die FDP jedenfalls stünde einer Reformerin nicht im Wege. Endlich dürfte die CDU-Vorsitzende auch als Kanzlerin so sein, wie sie es als Kandidatin einmal sein wollte. Welche Angela Merkel dieses Land künftig regiert das ist eine weit spannendere Frage als die, ob es dafür nur mit Überhangmandaten reicht.

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Mehrheit für Schwarz-Gelb: Jubel bei FDP, Erleichterung bei der Union
"Frankfurter Rundschau"

Der Niedergang der Volksparteien ist die Überschrift dieser Wahl, er hat die SPD zu einem Schatten ihrer selbst gemacht. Die Sozialdemokratie steht vor existentiellen Umwälzungen. Sie wird den Status einer Volkspartei endgültig verlieren, wenn sie diese Situation weiter zu ertragen sucht, wenn sie sich bei jeder Wahl in eine große Koalition retten will. Die Sozialdemokratie steht nach elf Regierungsjahren mit begrenztem Spitzenpersonal vor einem Neuanfang. Wie begrenzt das Personal ist, sieht man daran, dass Frank-Walter Steinmeier trotz des historischen Debakels bleiben soll. Mit oder ohne ihm muss die SPD mit einer taktischen und programmatischen Offensive einen Teil der Linken-Wähler zurückgewinnen. Es ist ihre Chance in der Opposition. Ihre einzige.

"Hamburger Abendblatt"

(…) Westerwelle, der in der großen Tradition von Hans-Dietrich Genscher steht, hat seit gestern Anspruch auf den Posten des Außenministers. Aber in einer Zeit, in der alle Traditionen - ob auf dem Arbeitsmarkt, bei Managergehältern, in der Gesundheits-, Sicherheits- und Rentenpolitik - dringend auf den Prüfstand müssen, sollte Westerwelle Mut zum neuen Denken beweisen und ein Superministerium aus Wirtschaft und Finanzen fordern - und dieses dann auch selbst führen. Er wurde wegen seines wirtschaftspolitischen Programms gewählt und nicht für seine außenpolitischen Ansichten. Und: In der Krise sind Wirtschaft und Finanzen mindestens genauso wichtig wie die internationalen Beziehungen.

"Die Welt"

(…) Glanzvoll steht das sogenannte bürgerliche Lager keineswegs da. Vor allem ist das Ergebnis für die Union und besonders für die Kanzlerin sehr bitter. Eben schien es noch sicher, dass zwar die SPD den Status der Volkspartei verloren hat, die Union aber halten könne und damit ein Teil der alten Parteienstabilität der Bundesrepublik überleben werde. Nun sieht es nicht mehr so aus. (…) Die Knappheit des schwarz-gelben Sieges zeigt freilich auch: Die Partien, die dieses Bündnis tragen, sind kulturell kaum fähig, ihre Vision den Schichten attraktiv zu machen, für die sie gedacht ist. Was da kommt, wird vernünftig sein. Es sollte aber auch berühren. Ob das dem Duo Merkel/Westerwelle gelingen mag?

"Tigerentenalarm!"

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"Stuttgarter Nachrichten"

Die CDU ist die SPD losgeworden, sie stellt für weitere vier Jahre die Kanzlerin. Doch auf Angela Merkel warten Herausforderungen, die weit größer sind als jene in den vergangenen vier Jahren. Sie wird beweisen müssen, dass sie mehr kann als moderieren - angesichts des Wahlergebnisses und der Wirtschaftskrise bleibt für weitere Kompromisse keine Zeit. Sie wird zeigen müssen, dass sie agieren kann. So wie ihr Vorgänger Gerhard Schröder, der als rot-grüner Kanzler gegen die eigene Partei mit der Agenda 2010 das wichtigste Reformprojekt der vergangenen Dekade durchboxte.

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Forum - Hat Deutschland richtig gewählt?
insgesamt 7052 Beiträge
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1.
Nante 27.09.2009
Ich habe richtig gewählt. Aber die anderen?
2.
LukasE 27.09.2009
Zitat von NanteIch habe richtig gewählt. Aber die anderen?
Haben alle falsch gewählt!!!
3. Bekommt die CDU endlich ihren Denkzettel ???
heisenberg 27.09.2009
Ich habe auch richtig gewählt LINKS !
4.
andreas13053 27.09.2009
Zitat von NanteIch habe richtig gewählt. Aber die anderen?
Glückwunsch. Ich habe die Kreuzchen auch im richtigen Kreis untergebracht - war gar nicht so schwer.
5.
pssst... 27.09.2009
Zitat von sysop.
Wir haben nicht gewählt, meine Familie und ich....
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